Auf­for­de­rung zur Vor­la­ge des tsche­chi­schen EU-Füh­rer­scheins

Die unter Anord­nung der sofor­ti­gen Voll­zie­hung ergan­ge­ne Auf­for­de­rung, den tsche­chi­schen Füh­rer­schein der Fahr­erlaub­nis­be­hör­de zur Ein­tra­gung eines Sperr­ver­merks vor­zu­le­gen, setzt kei­ne Voll­zieh­bar­keit der auf § 28 Abs. 4 Satz 2 FeV gestütz­ten Fest­stel­lung vor­aus, die tsche­chi­sche Fahr­erlaub­nis berech­ti­ge nicht zur Teil­nah­me am Stra­ßen­ver­kehr in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.

Auf­for­de­rung zur Vor­la­ge des tsche­chi­schen EU-Füh­rer­scheins

Rechts­grund­la­ge für die Vor­la­ge­pflicht ist § 3 Abs. 2 Satz 3 StVG in Ver­bin­dung mit § 47 Abs. 2 Satz 1 FeV jeweils in ent­spre­chen­der Anwen­dung. Die Ver­fü­gung einer Vor­la­ge­pflicht zur Ein­tra­gung eines "Sperr­ver­merks" ist zuläs­sig, wenn die in dem (hier tsche­chi­schen) EU-Füh­rer­schein doku­men­tier­te Fahr­be­rech­ti­gung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht (ggf. mehr) besteht. Sie setzt nicht etwa vor­aus, dass die feh­len­de Berech­ti­gung zuvor durch Bescheid gemäß § 28 Abs. 4 Satz 2 FeV bestands­kräf­tig oder jeden­falls voll­zieh­bar fest­ge­stellt wor­den ist 1. Sofern die Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des § 28 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 oder Nr. 3 FeV erfüllt sind, besteht näm­lich die Fahr­be­rech­ti­gung in der Bun­des­re­pu­blik bereits kraft Geset­zes (im mate­ri­el­len Sinn) nicht. Die Fest­stel­lung der Nicht­be­rech­ti­gung durch einen auf § 28 Abs. 4 Satz 2 FeV gestütz­ten Bescheid der Fahr­erlaub­nis­be­hör­de schafft ledig­lich einen zwei­ten neben die Rege­lung des § 28 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 bzw. 3 FeV tre­ten­den Rechts­grund 2. Der (blo­ße) Umstand, dass die in dem ange­foch­te­nen Beschei­des der Stra­ßen­ver­kehrs­be­hör­de aus­ge­spro­che­ne Fest­stel­lung der Nicht­be­rech­ti­gung der­zeit wegen der auf­schie­ben­den Wir­kung der dage­gen gerich­te­ten Kla­ge nicht voll­zieh­bar ist, macht dem­nach die Ver­fü­gung unter Nr. 2, den Füh­rer­schein unver­züg­lich vor­zu­le­gen, nicht rechts­wid­rig 3. Viel­mehr ist im Rah­men des gegen die Vor­la­ge­pflicht gerich­te­ten gericht­li­chen Eil­ver­fah­rens dann inzi­dent zu prü­fen, ob die Behör­de zu Recht ange­nom­men hat, dass die im Aus­land erwor­be­ne EU-Fahr­erlaub­nis dem Antrag­stel­ler kei­ne Fahr­be­rech­ti­gung für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­mit­telt.

Gemäß § 28 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 und Satz 3 FeV gilt die in § 28 Abs. 1 FeV genann­te Berech­ti­gung, auf­grund einer EU-Fahr­erlaub­nis Kraft­fahr­zeu­ge im Inland zu füh­ren, nicht für die­je­ni­gen Fahr­erlaub­nis­in­ha­ber, denen die Fahr­erlaub­nis im Inland von einem Gericht ent­zo­gen wor­den ist oder denen die Fahr­erlaub­nis bestands­kräf­tig ver­sagt wor­den ist, sofern die genann­ten Maß­nah­men im Ver­kehrs­zen­tral­re­gis­ter ein­ge­tra­gen und nicht nach § 29 StVG getilgt sind. Die Stra­ßen­ver­kehrs­be­hör­de durf­te – wie im vor­lie­gen­den Bescheid gesche­hen – inso­weit auf die Ent­zie­hung der Fahr­erlaub­nis des Antrag­stel­lers durch Urteil des Amts­ge­richts D. vom 4. Okto­ber 2001 wegen fahr­läs­si­ger Trun­ken­heit im Ver­kehr316 StGB) abstel­len, da die dies­be­züg­li­che Ein­tra­gung ange­sichts der inso­weit gel­ten­den Til­gungs­frist von 10 Jah­ren (vgl. § 29 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 StVG) im Zeit­punkt des Beschei­des (noch) nicht getilgt war und auch bis­her nicht ist. Ob es, wie der Antrag­stel­ler meint, ange­sichts der For­mu­lie­rung in Art. 11 Abs. 4 Satz 2 der Richt­li­nie 2006/​126/​EG (Drit­ten Füh­rer­schein­richt­li­nie), der nur Ein­schrän­kung, Aus­set­zung und Ent­zug der Fahr­erlaub­nis nennt, euro­pa­recht­li­chen Beden­ken begeg­net, dass § 28 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 FeV die bestands­kräf­ti­ge Ver­sa­gung der Fahr­erlaub­nis dem Ent­zug gleich­stellt, kann für das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren somit letzt­lich dahin­ste­hen. Es spricht aber auch nach Auf­fas­sung des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Eini­ges dafür, dass die Gleich­stel­lung der bei­den Maß­nah­men auch aus euro­pa­recht­li­cher Sicht zuläs­sig ist 4.

Die Anwen­dung des § 28 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 FeV begeg­net auch sonst kei­nen euro­pa­recht­li­chen Beden­ken. Soweit der Antrag­stel­ler anschei­nend meint, aus Art. 13 Abs. 2 der Drit­ten Füh­rer­schein­richt­li­nie fol­ge, dass vor dem 19. Janu­ar 2013 erteil­te Fahr­erlaub­nis­se auf der Grund­la­ge der Rege­lun­gen der Richt­li­nie nicht ein­ge­schränkt wer­den dürf­ten, und somit der Sache nach Bestands­schutz gel­tend macht, über­zeugt dies nicht. Nach Auf­fas­sung des Senats gilt näm­lich trotz der Rege­lung des Art. 13 Abs. 2 der Richt­li­nie 2006/​126/​EG ("Drit­te Füh­rer­schein­richt­li­nie") die den Aner­ken­nungs­grund­satz ein­schrän­ken­de Rege­lung des Art. 11 Abs. 4 schon für alle ab dem 19. Janu­ar 2009 – und nicht erst ab dem 19. Janu­ar 2013 – aus­ge­stell­ten EU-Fahr­erlaub­nis­se 5.

Anders als der Antrag­stel­ler meint, ist auch die zu Art. 8 Abs. 2 und 4 der Richt­li­nie 91/​439/​EWG ("Zwei­te Füh­rer­schein­richt­li­nie") ergan­ge­ne, ein­schrän­ken­de Recht­spre­chung des EuGH auf Art. 11 Abs. 4 Satz 2 der Richt­li­nie 2006/​126/​EG ("Drit­te Füh­rer­schein­richt­li­nie") nicht (auch nicht ent­spre­chend) anwend­bar. Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt 6 folgt inso­weit der Recht­spre­chung des Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­ho­fes 7, des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len 8 und des Ver­wal­tungs­ge­richts­ho­fes Baden-Würt­tem­berg 9.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 23. August 2010 – 12 ME 138/​10

  1. vgl. Bay. VGH, Beschluss vom 15.03.2010 – 11 CS 09.3010[]
  2. vgl. Nds. OVG, Beschlüs­se vom 16.08.2010 – 12 ME 158/​10; und vom 18.08.2010 – 12 ME 57/​10[]
  3. vgl. Bay. VGH, a.a.O.[]
  4. eben­so VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 21.01.2010 – 10 S 2391/​09, DAR 2010, 153[]
  5. aus­führ­lich hier­zu: VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 21.01.2010 – 10 S 2391/​09, DAR 2010, 153[]
  6. vgl. bereits Nds. OVG, Beschluss vom 11.08.2001 – 12 ME 130/​10[]
  7. Bay. VGH, Beschluss vom 21.12.2009 – 11 CS 09.1791, DAR 2010, 103[]
  8. OVG NRW, Beschluss vom 20.01.2010 – 16 B 814/​09, zfs 2010, 236[]
  9. VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 21.01.2010 – 10 S 2391/​09, DAR 2010, 153; a. A.: Hess. VGH, Beschl. v. 04.12.2009 – 2 B 2138/​09, Blut­al­ko­hol 47, 154; OVG Rh.-Pf., Beschluss vom 17.02.2010 – 10 B 11351/​09, DAR 2010, 406; OVG Saarl., Beschluss vom 16.06.2010 – 1 B 204/​10[]