Bei­hil­fe für eine amts­an­ge­mes­se­ne sta­tio­nä­re Pfle­ge

Ein Ver­sor­gungs­emp­fän­ger hat einen An­spruch auf Er­hö­hung des Bei­hil­fe­be­mes­sungs­sat­zes für die Er­stat­tung der Auf­wen­dun­gen für sei­ne sta­tio­nä­re Pfle­ge, wenn an­sons­ten der amts­an­ge­mes­se­ne Le­bens­un­ter­halt nicht mehr si­cher­ge­stellt ist und Ei­gen­vor­sor­ge durch Ab­schluss einer Ver­si­che­rung nicht mög­lich oder zu­mut­bar ist. Das von der Bei­hil­fe­ver­ord­nung (hier: § 12 Abs. 5 Buchst. c BVO NRW) er­öff­ne­te Er­mes­sen ist dann auf Null re­du­ziert.

Bei­hil­fe für eine amts­an­ge­mes­se­ne sta­tio­nä­re Pfle­ge

Nach § 12 Abs. 5 Buchst. c BVO NRW kön­nen die Bemes­sungs­sät­ze der Absät­ze 1, 3 und 4 im Ein­zel­fall in beson­de­ren Aus­nah­me­fäl­len, die nur bei Anle­gung des strengs­ten Maß­sta­bes anzu­neh­men sind, erhöht wer­den. Nach § 12 Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 Buchst. b BVO NRW beträgt der Bemes­sungs­satz für Ver­sor­gungs­emp­fän­ger wie die Klä­ge­rin 70 % der bei­hil­fe­fä­hi­gen Auf­wen­dun­gen. Wie sich aus § 5 Abs. 1, Abs. 7 BVO NRW ergibt, sind dies die Auf­wen­dun­gen u.a. für die sta­tio­nä­re Pfle­ge nach Maß­ga­be des Pfle­ge­sat­zes, nicht aber die Auf­wen­dun­gen für Unter­kunft und Ver­pfle­gung sowie Inves­ti­ti­ons­kos­ten. Hier­bei han­delt es sich um all­ge­mei­ne Lebens­hal­tungs­kos­ten, die in aller Regel aus den Ver­sor­gungs­be­zü­gen zu bestrei­ten sind. Dem­entspre­chend sind sie nur unter den beson­de­ren Vor­aus­set­zun­gen des § 5 Abs. 7 Satz 2 BVO NRW bei­hil­fe­fä­hig.

Der unbe­stimm­te Rechts­be­griff des beson­de­ren Aus­nah­me­fal­les ist ver­fas­sungs­kon­form dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass den Anfor­de­run­gen des durch Art. 33 Abs. 5 GG gewähr­leis­te­ten Ali­men­ta­ti­ons­grund­sat­zes Rech­nung getra­gen wird.

Die in Art. 33 Abs. 5 GG ver­an­ker­te Pflicht des Dienst­herrn zur Sicher­stel­lung des amts­an­ge­mes­se­nen Lebens­un­ter­halts erstreckt sich auch auf Lebens­la­gen, die einen erhöh­ten Bedarf begrün­den. Die ver­fas­sungs­recht­li­che Ali­men­ta­ti­ons­pflicht gebie­tet dem Dienst­herrn, Vor­keh­run­gen zu tref­fen, dass die not­wen­di­gen und ange­mes­se­nen Maß­nah­men im Fal­le von Krank­heit, Pfle­ge­be­dürf­tig­keit, Geburt und Tod nicht aus wirt­schaft­li­chen Grün­den unter­blei­ben, weil sie der Beam­te mit der Rege­la­li­men­ta­ti­on nicht bewäl­ti­gen kann, oder dass der amts­an­ge­mes­se­ne Lebens­un­ter­halt wegen der finan­zi­el­len Belas­tun­gen in die­sen Aus­nah­me­si­tua­tio­nen nicht gefähr­det wird 1.

Sind die Dienst- und Ver­sor­gungs­be­zü­ge so bemes­sen, dass sie eine zumut­ba­re Eigen­vor­sor­ge nur im Hin­blick auf einen Teil der durch Krank­heit, Pfle­ge­be­dürf­tig­keit, Geburt und Tod begrün­de­ten Belas­tun­gen ermög­li­chen, so hat der Dienst­herr zusätz­li­che Vor­keh­run­gen zu tref­fen, damit der Beam­te die Belas­tun­gen, die den Umfang der Eigen­vor­sor­ge über­schrei­ten, eben­falls tra­gen kann. Wenn sich der Dienst­herr für das „Misch­sys­tem“ aus Eigen­leis­tun­gen des Beam­ten und Bei­hil­fen ent­schei­det, so muss gewähr­leis­tet sein, dass der Beam­te nicht mit erheb­li­chen Auf­wen­dun­gen belas­tet bleibt, die er auch über eine ihm zumut­ba­re Eigen­vor­sor­ge nicht abzu­si­chern ver­mag. Die­se Funk­ti­on erfüllt die ergän­zend gewähr­te Bei­hil­fe für einen Teil der Auf­wen­dun­gen ins­be­son­de­re in Krank­heits- und Pfle­ge­fäl­len 2.

Eigen­vor­sor­ge bedeu­tet nicht, dass die Beam­ten die hier­für erfor­der­li­chen Mit­tel voll­stän­dig aus der Rege­la­li­men­ta­ti­on (Dienst- oder Ver­sor­gungs­be­zü­ge) oder – soweit vor­han­den – aus sons­ti­gem Ein­kom­men und Ver­mö­gen bestrei­ten müs­sen. Viel­mehr muss die Rege­la­li­men­ta­ti­on betrags­mä­ßig so bemes­sen sein, dass der amts­an­ge­mes­se­ne Lebens­un­ter­halt auch nach Abzug der Kos­ten für die Eigen­ver­sor­gung (Ver­si­che­rungs­prä­mi­en) gewahrt bleibt 3.

Die Ali­men­ta­ti­on wird unab­hän­gig von sons­ti­gem Ein­kom­men oder Ver­mö­gen gewährt. Dies gilt nicht nur für die Rege­la­li­men­ta­ti­on, son­dern eben­so für die Ali­men­ta­ti­on in beson­de­ren Lebens­la­gen. Des­halb dür­fen Beam­te oder Ver­sor­gungs­emp­fän­ger weder bei der Beur­tei­lung der Amts­an­ge­mes­sen­heit des Lebens­un­ter­halts nach Abzug der Pfle­ge­kos­ten noch bei der Beur­tei­lung der Zumut­bar­keit der Eigen­vor­sor­ge auf sons­ti­ges Ein­kom­men oder Ver­mö­gen ver­wie­sen wer­den. Daher kann Bei­hil­fe für krank­heits- oder pfle­ge­be­ding­te Auf­wen­dun­gen nicht mit der Begrün­dung ver­neint wer­den, der Beam­te oder Ver­sor­gungs­emp­fän­ger müs­se zunächst sein Ver­mö­gen ein­set­zen.

Dar­aus folgt, dass ein beson­de­rer Aus­nah­me­fall im Sin­ne von § 12 Abs. 5 Buchst. c BVO NRW bei ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung des Begriffs anzu­neh­men ist, wenn die Rege­la­li­men­ta­ti­on des Beam­ten oder Ver­sor­gungs­emp­fän­gers, hier das Wit­wen­geld der Erb­las­se­rin, nach Abzug der Pfle­ge­kos­ten nicht mehr aus­reicht, um den amts­an­ge­mes­se­nen Lebens­un­ter­halt zu bestrei­ten. Davon aus­ge­hend erstreckt sich der Ali­men­ta­ti­ons­an­spruch eines Beam­ten oder Ver­sor­gungs­emp­fän­gers jeden­falls dann auch auf die Erstat­tung der bei­hil­fe­recht­lich not­wen­di­gen und ange­mes­se­nen Pfle­ge­kos­ten, die bei einer sta­tio­nä­ren Unter­brin­gung in einem Pfle­ge­heim anfal­len, wenn er nicht dar­auf ver­wie­sen wer­den kann, er habe für die­sen Fall Eigen­vor­sor­ge betrei­ben müs­sen.

Ob die Rege­la­li­men­ta­ti­on so bemes­sen ist, dass Beam­te und Ver­sor­gungs­emp­fän­ger neben der Kran­ken­ver­si­che­rung und der Pfle­ge­pflicht­ver­si­che­rung für den Pfle­ge­fall wei­ter­ge­hen­de ergän­zen­de Eigen­vor­sor­ge betrei­ben kön­nen, kann der Senat offen­las­sen. Denn jeden­falls die 1918 gebo­re­ne vor­ma­li­ge Klä­ge­rin konn­te nach den gemäß § 137 Abs. 2 VwGO bin­den­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts eine sol­che ergän­zen­de Eigen­vor­sor­ge nicht betrei­ben. Sie war im Zeit­punkt des Inkraft­tre­tens des Pfle­ge­ver­si­che­rungs­ge­set­zes am 1. Janu­ar 1985 4, das eine Ver­si­che­rungs­pflicht für den Pfle­ge­fall auch für Beam­ten ein­führ­te, nicht mehr im Rah­men eines Pfle­ge­er­gän­zungs­ta­rifs ver­si­cher­bar. Daher stellt sich die Fra­ge nicht, ob ihr die Kos­ten einer der­ar­ti­gen Ver­si­che­rung zumut­bar gewe­sen wären.

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall war die Klä­ge­rin außer­dem nicht ein­mal mehr in der Lage, nach Abzug der Pfle­ge­heim­kos­ten und der Vor­sor­ge­auf­wen­dun­gen ihre not­wen­di­gen Lebens­hal­tungs­kos­ten zu bestrei­ten. Zu Recht hat das Beru­fungs­ge­richt die Leis­tun­gen für die Kin­der­er­zie­hung gemäß § 294 Abs. 1 Satz 1 SGB VI nicht in die Ein­kom­mens­be­rech­nung für die Klä­ge­rin ein­ge­stellt. Nach die­ser Bestim­mung erhält eine Mut­ter, die vor dem 1.01.1921 gebo­ren ist, für jedes Kind eine Leis­tung für Kin­der­er­zie­hung. Damit soll­te den Müt­tern der Geburts­jahr­gän­ge vor 1921 der tat­säch­li­che Erhalt die­ser Leis­tun­gen garan­tiert wer­den 5.

Nach alle­dem war der Klä­ge­rin ein Anspruch auf zusätz­li­che Bei­hil­fen zu den sta­tio­nä­ren Pfle­ge­kos­ten nach § 12 Abs. 5 Buchst. c BVO NRW zuzu­er­ken­nen.

Nicht mit revi­si­blem Recht ver­ein­bar ist nach Ansicht des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts hin­ge­gen, dass das Beru­fungs­ge­richt aus § 12 Abs. 5 Buchst. c BVO NRW eine Ver­pflich­tung der Beklag­ten her­ge­lei­tet hat, eine Ermes­sens­ent­schei­dung über eine Erstat­tung von 70 v.H. der Bei­trä­ge der vor­ma­li­gen Klä­ge­rin zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung zu tref­fen. Die Anwen­dung die­ser Rege­lung setzt vor­aus, dass die Auf­wen­dun­gen nach § 12 Abs. 1, § 5 Abs. 1, Abs. 7 BVO NRW bei­hil­fe­fä­hig sind. Dies ist bei Ver­si­che­rungs­prä­mi­en nicht der Fall; sie gehö­ren zu den Kos­ten der all­ge­mei­nen Lebens­hal­tung.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 24. Janu­ar 2012 – 2 C 24.10

  1. stRspr, vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 15.05.1985, BVerfGE 70, 69, 79; und vom 07.11.2002, BVerfGE 106, 225, 232, BVerwG, Urtei­le vom 03.07.2003 – 2 C 36.02, BVerw­GE 118, 277, 279 = Buch­holz 237.6 § 87c NdsL­BG Nr. 1; vom 20.03.2008 – 2 C 49.07, BVerw­GE 131, 20 Rn.20 = Buch­holz 11 Art. 33 Abs. 5 GG Nr. 94; und vom 29.04.2010 a.a.O. Rn. 13[]
  2. stRspr, zuletzt BVerwG, Urteil vom 29.04.2010 a.a.O. Rn. 14 m.w.N. auch zur Recht­spre­chung des BVerfG[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 02.10.2007 – 2 BvR 1715/​03 u.a. – NJW 2008, 137 Rn. 28 m.w.N.; BVerwG, Urteil vom 20.03.2008 – 2 C 49.07, BVerw­GE 131, 20 = Buch­holz 11 Art. 33 Abs. 5 GG Nr. 94 Rn.20 f., stRspr[]
  4. BGBl I 1994 S. 1014[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 16.12.1997 – 1 BvL 3/​89, BVerfGE 97, 103,, 114[]