Die unvoll­stän­di­ge Anschul­di­gungs­schrift und die Bemes­sungs­ent­schei­dung

Tat­säch­li­che Umstän­de, die für sich genom­men bereits eine Dienst­pflicht­ver­let­zung begrün­den, aber nicht Teil des in der Anschul­di­gungs­schrift vor­ge­wor­fe­nen ein­heit­li­chen Dienst­ver­ge­hens gewor­den sind, sind bei der Bemes­sungs­ent­schei­dung nicht zu Las­ten des Sol­da­ten zu berück­sich­ti­gen.

Die unvoll­stän­di­ge Anschul­di­gungs­schrift und die Bemes­sungs­ent­schei­dung

Bei der Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me ist von der von Ver­fas­sungs wegen allein zuläs­si­gen Zweck­set­zung des Wehr­dis­zi­pli­nar­rechts aus­zu­ge­hen. Die­se besteht aus­schließ­lich dar­in, dazu bei­zu­tra­gen, einen ord­nungs­ge­mä­ßen Dienst­be­trieb wie­der­her­zu­stel­len und/​oder auf­recht­zu­er­hal­ten ("Wie­der­her­stel­lung und Siche­rung der Inte­gri­tät, des Anse­hens und der Dis­zi­plin in der Bun­des­wehr") 1. Bei Art und Maß der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me sind nach § 58 Abs. 7 i.V.m. § 38 Abs. 1 WDO Eigen­art und Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens und sei­ne Aus­wir­kun­gen, das Maß der Schuld, die Per­sön­lich­keit, die bis­he­ri­ge Füh­rung und die Beweg­grün­de des Sol­da­ten zu berück­sich­ti­gen.

Eigen­art und Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens bestim­men sich nach dem Unrechts­ge­halt der Ver­feh­lun­gen, d.h. nach der Bedeu­tung der ver­letz­ten Dienst­pflich­ten.

Eigen­art und Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens sind vor allem durch die Ver­let­zung der dienst­li­chen Wahr­heits­pflicht (§ 13 Abs. 1 SG) gekenn­zeich­net 2. Ein Sol­dat, der gegen­über Vor­ge­setz­ten und Dienst­stel­len der Bun­des­wehr in dienst­li­chen Ange­le­gen­hei­ten unwah­re Erklä­run­gen abgibt, büßt hier­durch all­ge­mein sei­ne Glaub­wür­dig­keit ein. Die Bedeu­tung der Wahr­heits­pflicht (§ 13 Abs. 1 SG) kommt schon dar­in zum Aus­druck, dass die­se – anders als z.B. bei Beam­ten – für Sol­da­ten gesetz­lich aus­drück­lich gere­gelt ist. Eine mili­tä­ri­sche Ein­heit kann nicht ord­nungs­ge­mäß geführt wer­den, wenn sich die Füh­rung und die Vor­ge­setz­ten nicht auf die Rich­tig­keit abge­ge­be­ner Mel­dun­gen, Erklä­run­gen und Aus­sa­gen Unter­ge­be­ner ver­las­sen kön­nen. Denn auf ihrer Grund­la­ge müs­sen im Frie­den und erst recht im Ein­satz­fall gege­be­nen­falls Ent­schlüs­se von erheb­li­cher Trag­wei­te gefasst wer­den 3. Wer als Sol­dat in dienst­li­chen Äuße­run­gen und Erklä­run­gen vor­sätz­lich unrich­ti­ge Anga­ben macht, lässt unmiss­ver­ständ­lich erken­nen, dass sei­ne Bereit­schaft zur Erfül­lung der Wahr­heits­pflicht nicht im gebo­te­nen Umfang vor­han­den ist. Eine sol­che Dienst­pflicht­ver­let­zung und die dar­aus fol­gen­de Beschä­di­gung sei­ner per­sön­li­chen Inte­gri­tät haben damit erheb­li­che Bedeu­tung für die mili­tä­ri­sche Ver­wen­dungs­fä­hig­keit des Sol­da­ten 4.

Gewicht ver­leiht dem Dienst­ver­ge­hen nicht zuletzt die Ver­let­zung der Pflicht zum treu­en Die­nen (§ 7 SG). Sie gehört zu den zen­tra­len Pflich­ten eines Sol­da­ten. Ihre Ver­let­zung ist in der Regel schon des­halb von erheb­li­cher Bedeu­tung. Der beson­de­re Unrechts­ge­halt des Dienst­ver­ge­hens ergibt sich auch dar­aus, dass der frü­he­re Sol­dat gegen sei­ne Pflicht zur Loya­li­tät gegen­über der Rechts­ord­nung, vor allem der Beach­tung der Straf­ge­set­ze, in erheb­li­chem Umfang ver­sto­ßen und kri­mi­nel­les Unrecht began­gen hat. Dass das staats­an­walt­schaft­li­che Ermitt­lungs­ver­fah­ren gem. § 153a StPO ein­ge­stellt wur­de, steht dem nicht ent­ge­gen.

Aber auch die Ver­let­zung der Pflicht zu ach­tungs- und ver­trau­ens­wür­di­gem Ver­hal­ten (§ 17 Abs. 2 Satz 1 SG) wiegt schwer. Die Pflicht zur Wah­rung von Ach­tung und Ver­trau­en ist kein Selbst­zweck, son­dern hat funk­tio­na­len Bezug zur Erfül­lung des grund­ge­setz­mä­ßi­gen Auf­tra­ges der Streit­kräf­te und zur Gewähr­leis­tung des mili­tä­ri­schen Dienst­be­triebs. Ein Sol­dat, ins­be­son­de­re – wie hier – ein Vor­ge­setz­ter, bedarf der Ach­tung sei­ner Kame­ra­den und Unter­ge­be­nen sowie des Ver­trau­ens sei­ner Vor­ge­setz­ten, um sei­ne Auf­ga­ben so zu erfül­len, dass der gesam­te Ablauf des mili­tä­ri­schen Diens­tes gewähr­leis­tet ist. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob eine Beein­träch­ti­gung der Ach­tungs- und Ver­trau­ens­wür­dig­keit tat­säch­lich ein­ge­tre­ten ist, son­dern nur dar­auf, ob das fest­ge­stell­te Ver­hal­ten dazu geeig­net war 5. Dies war hier der Fall.

Eigen­art und Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens wer­den hier des Wei­te­ren dadurch bestimmt, dass der Sol­dat auf­grund sei­nes Dienst­gra­des als Stabs­un­ter­of­fi­zier in einem Vor­ge­setz­ten­ver­hält­nis stand (§ 1 Abs. 3 Sät­ze 1 und 2 SG i.V.m. § 4 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 3 Vor­gV). Sol­da­ten in Vor­ge­setz­ten­stel­lung obliegt eine höhe­re Ver­ant­wor­tung für die Wah­rung dienst­li­cher Inter­es­sen. Wegen sei­ner her­aus­ge­ho­be­nen Stel­lung ist ein Vor­ge­setz­ter in beson­de­rem Maße für die ord­nungs­ge­mä­ße Erfül­lung sei­ner Dienst­pflich­ten ver­ant­wort­lich und unter­liegt damit im Fal­le einer Pflicht­ver­let­zung einer ver­schärf­ten Haf­tung, da Vor­ge­setz­te in ihrer Hal­tung und Pflicht­er­fül­lung ein Bei­spiel geben sol­len (§ 10 Abs. 1 SG). Dabei ist nicht erfor­der­lich, dass es der Sol­dat bei sei­nem Fehl­ver­hal­ten inner­halb eines kon­kre­ten Vor­ge­setz­ten­ver­hält­nis­ses an Bei­spiel­haf­tig­keit hat feh­len las­sen. Es reicht das Inne­ha­ben einer Vor­ge­setz­ten­stel­lung auf­grund des Dienst­gra­des aus 6.

Tat­säch­li­che Umstän­de, die für sich genom­men bereits eine Dienst­pflicht­ver­let­zung begrün­den, aber nicht Teil des in der Anschul­di­gungs­schrift vor­ge­wor­fe­nen ein­heit­li­chen Dienst­ver­ge­hens gewor­den sind, sind bei der Bemes­sungs­ent­schei­dung nicht zu Las­ten des Sol­da­ten zu berück­sich­ti­gen.

Die Anschul­di­gungs­schrift bestimmt den Pro­zess­stoff, d.h. den Sach­ver­halt, der allein zum Gegen­stand der Urteils­fin­dung gemacht wer­den darf, abschlie­ßend 7. Die Anschul­di­gungs­schrift muss so deut­lich und klar sein, dass der Sol­dat sich mit sei­ner Ver­tei­di­gung dar­auf ein­stel­len kann 8, und ist daher von einem objek­ti­ven Emp­fän­ger­ho­ri­zont aus eng aus­zu­le­gen 9. Die­ses Erfor­der­nis wür­de unter­lau­fen, wären nicht oder nicht hin­rei­chend bestimmt ange­schul­dig­te Pflicht­ver­let­zun­gen zwar nicht Gegen­stand der Schuld­fest­stel­lun­gen, gleich­wohl aber erschwe­rend im Rah­men der Maß­nah­me­be­mes­sung zu berück­sich­ti­gen. Da für ein Dienst­ver­ge­hen, auch wenn es aus meh­re­ren Dienst­pflicht­ver­let­zun­gen besteht, eine Sank­ti­on fest­zu­set­zen ist, wirkt die Fest­stel­lung eines das Gewicht des Dienst­ver­ge­hens erhö­hen­den Umstan­des der Tat­be­ge­hung eben­so zulas­ten des Sol­da­ten wie die Fest­stel­lung einer wei­te­ren Pflicht­ver­let­zung als Teil des ein­heit­li­chen Dienst­ver­ge­hens. Könn­te eine selbst­stän­di­ge Pflicht­ver­let­zung trotz unzu­rei­chen­der Anschul­di­gung im Rah­men der Bemes­sungs­er­wä­gun­gen maß­nah­me­ver­schär­fend berück­sich­tigt wer­den, wür­den die der Gewähr­leis­tung einer effek­ti­ven Ver­tei­di­gung des Sol­da­ten die­nen­den Anfor­de­run­gen an die Bestimmt­heit der Anschul­di­gung weit­ge­hend leer lau­fen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 27. Juni 2013 – 2 WD 5.12

  1. vgl. dazu BVerwG, Urteil vom 11.06.2008 – 2 WD 11.07, Buch­holz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr. 26 Rn. 23 m.w.N.[]
  2. vgl. dazu insb. BVerwG, Urteil vom 31.05.2011 – 2 WD 4.10, Buch­holz 450.2 § 58 WDO 2002 Nr. 6[]
  3. stRspr, vgl. u.a. BVerwG, Urteil vom 11.06.2008 – 2 WD 11.07, Rn. 27 m.w.N., inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in Buch­holz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr. 26[]
  4. vgl. dazu BVerwG, Urteil vom 25.06.2009 – 2 WD 7.08, Buch­holz 450.2 § 38 WDO 2002 Nr. 29 Rn. 35 m.w.N.[]
  5. stRspr, z.B. BVerwG, Urtei­le vom 13.01.2011 – 2 WD 20.09, m.w.N.; und vom 04.05.2011 – 2 WD 2.10[]
  6. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 25.06.2009 – 2 WD 7.08, Rn. 37 m.w.N.; vom 13.01.2011 – 2 WD 20.09, Rn. 28; und vom 04.05.2011 – 2 WD 2.10, Rn. 30[]
  7. BVerwG, Beschluss vom 11.02.2009 – 2 WD 4.08, BVerw­GE 133, 129, 131 Rn. 12[]
  8. BVerwG, Beschluss vom 11.02.2009 a.a.O.[]
  9. BVerwG, Beschluss vom 11.02.2009 a.a.O. Rn. 14 m.w.N.[]