Freie Heil­für­sor­ge für nie­der­säch­si­sche Ruhe­stands-Poli­zis­ten

Die als Über­gangs­recht für nie­der­säch­si­sche Poli­zei­voll­zugs­be­am­te gel­ten­de Rege­lung des § 224 Abs. 2 Nr. 1 NBG a. F. (jetzt § 114 Abs. 1 Nr. 1 NBG) über die Gewäh­rung frei­er Heil­für­sor­ge setzt vor­aus, dass der Poli­zei­voll­zugs­be­am­te seit dem 31. Janu­ar 1999 ohne Unter­bre­chung im akti­ven Dienst des Lan­des Nie­der­sach­sen steht.

Freie Heil­für­sor­ge für nie­der­säch­si­sche Ruhe­stands-Poli­zis­ten

Nach § 224 Abs. 2 Nr. 1 NBG in der bis zum 31. März 2009 gel­ten­den Fas­sung – a.F. – wird Poli­zei­voll­zugs­be­am­ten, die seit dem 31. Janu­ar 1999 ohne Unter­bre­chung im Dienst des Lan­des Nie­der­sach­sen ste­hen, Heil­für­sor­ge gewährt, wenn sie Besol­dung erhal­ten oder ihnen Eltern­zeit, Urlaub nach § 105 Satz 1 NBG a. F. oder Son­der­ur­laub unter Weg­fall der Bezü­ge von längs­tens einem Monat bewil­ligt wor­den ist.

Mit dem Ein­tritt in den Ruhe­stand wird das akti­ve Beam­ten­ver­hält­nis been­det (vgl. § 35 NBG a.F.) und in ein Ruhe­stands­ver­hält­nis mit ver­rin­ger­ten Rech­ten und Pflich­ten umge­wan­delt 1. Mit dem Ein­tritt in den Ruhe­stand ent­fällt ins­be­son­de­re die Pflicht des akti­ven Beam­ten zur Dienst­leis­tung und zu Amts­hand­lun­gen. Der Poli­zei­be­am­te hat des­halb nach sei­nem Ein­tritt in den Ruhe­stand nicht mehr im Dienst des Lan­des Nie­der­sach­sen gestan­den. Somit endet mit dem Aus­schei­den aus dem akti­ven Poli­zei­dienst der Anspruch auf freie Heil­für­sor­ge 2. Dies ergibt sich auch aus dem Umstand, dass mit der Gewäh­rung der frei­en Heil­für­sor­ge dem grö­ße­ren Maß an kör­per­li­chem Ein­satz und gesund­heit­li­chen Gefähr­dun­gen der Poli­zei­voll­zugs­be­am­ten Rech­nung getra­gen wer­den soll 3. Die­ser Bedarf besteht für im Ruhe­stand befind­li­che Poli­zei­voll­zugs­be­am­te nicht mehr, die statt­des­sen Bei­hil­fe erhal­ten 4. Freie Heil­für­sor­ge wird des­halb Poli­zei­voll­zugs­be­am­ten grund­sätz­lich nur für die Zeit gewährt, in der die­se Dienst- oder Anwär­ter­be­zü­ge erhal­ten (vgl. § 1 Abs. 2 der Anla­ge zu den HFB). Der Klä­ger hat aber als Ruhe­stands­be­am­ter kei­ne Dienst‑, son­dern Ver­sor­gungs­be­zü­ge erhal­ten.

Zu kei­ner ande­ren Ein­schät­zung führt der Umstand, dass der Poli­zei­be­am­te am 31. August 2007 reak­ti­viert wor­den ist. Denn der bis zu sei­ner Ruhe­stands­ver­set­zung im Jahr 1995 bestehen­de Anspruch auf freie Heil­für­sor­ge leb­te mit der Reak­ti­vie­rung nicht wie­der auf. Mit sei­ner Reak­ti­vie­rung wur­de der Klä­ger erneut in das Beam­ten­ver­hält­nis gemäß § 59 NBG a.F. beru­fen. Das akti­ve Beam­ten­ver­hält­nis wur­de erneut begrün­det und der Klä­ger ernannt (§ 7 Abs. 1 Nr. 1 NBG a.F.). Die neue Ernen­nung knüpft zwar an das frü­he­re Beam­ten­ver­hält­nis an, doch lebt die­ses recht­lich nicht wie­der auf, son­dern es wird ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klä­gers ein neu­es Beam­ten­ver­hält­nis begrün­det. Die­ser Zeit­punkt ist nun­mehr bei der Stich­tags­re­ge­lung des § 224 Abs. 2 NBG a.F. bzw. § 114 Abs. 1 NBG in der ab dem 1. April 2009 gel­ten­den Fas­sung maß­geb­lich 5.

Die Vor­schrift des § 224 Abs. 2 Nr. 1 NBG a.F. setzt nach ihrem oben dar­ge­leg­ten Sinn und Zweck vor­aus, dass der Poli­zei­voll­zugs­be­am­te seit dem 31. Janu­ar 1999 ohne Unter­bre­chung im akti­ven Dienst des Lan­des Nie­der­sach­sen steht. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier nicht vor. Das akti­ve Beam­ten­ver­hält­nis des Klä­gers ende­te mit sei­nem Ein­tritt in den Ruhe­stand wegen Dienst­un­fä­hig­keit 6. Mit der Reak­ti­vie­rung des Klä­gers sind die Rech­te und Pflich­ten aus dem frü­he­ren Beam­ten­ver­hält­nis nicht rück­wir­kend fin­giert wor­den. Die erneu­te Beru­fung in das frü­he­re Beam­ten­ver­hält­nis lässt die Rech­te und Pflich­ten des Beam­ten inso­weit wie­der­auf­le­ben, dass der reak­ti­vier­te Beam­te in die­sel­be Art des frü­he­ren Beam­ten­ver­hält­nis­ses ein­be­ru­fen wird (vgl. § 6 NBG a.F., jetzt § 4 BeamtStG), d.h. im Fal­le des Klä­gers in das Beam­ten­ver­hält­nis auf Lebens­zeit, und dass ihm grund­sätz­lich im Dienst­be­reich sei­nes frü­he­ren Dienst­herrn ein Amt sei­ner frü­he­ren oder einer ande­ren Lauf­bahn mit min­des­tens dem­sel­ben End­grund­ge­halt über­tra­gen wird (vgl. § 59 Abs. 1 Satz 1 NBG a.F., jetzt § 29 Abs. 2 Satz 1 BeamtStG). Die Reak­ti­vie­rung eines wegen Dienst­un­fä­hig­keit in den Ruhe­stand ver­setz­ten Beam­ten hat aber nicht zur Fol­ge, dass die Rech­te und Pflich­ten aus dem frü­he­ren Beam­ten­ver­hält­nis rück­wir­kend fort­wir­ken. Des­halb greift der in der Rege­lung des § 224 Abs. 2 Nr. 1 NBG a.F. zum Aus­druck kom­men­de Ver­trau­ens­schutz im Fal­le des Klä­gers nicht ein.

Der Klä­ger hat auch kei­nen Anspruch auf freie Heil­für­sor­ge gemäß § 114 Abs. 1 Nr. 1 NBG in der seit dem 1. April 2009 gel­ten­den Fas­sung, der hin­sicht­lich der hier maß­geb­li­chen Tat­be­stands­merk­ma­le den­sel­ben Wort­laut hat wie § 224 Abs. 2 Nr. 1 NBG a.F.

Zu kei­ner ande­ren Ein­schät­zung führt die seit dem 1. April 2009 gel­ten­de Rege­lung des § 29 Abs. 6 BeamtStG in der Fas­sung vom 17. Juni 2008 (sie­he auch § 46 Abs. 8 BBG n.F.). Danach gilt bei einer erneu­ten Beru­fung das frü­he­re Beam­ten­ver­hält­nis als fort­ge­setzt. Die­se Rege­lung fin­det auf den vor­lie­gen­den Fall kei­ne Anwen­dung, weil sie erst nach der Reak­ti­vie­rung des Klä­gers aus dem Ruhe­stand am 1. April 2009 in Kraft getre­ten ist. Sie wür­de auch zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis füh­ren, wenn sie auf den Fall des Klä­gers anwend­bar wäre. Zwar leben nach der Bestim­mung des § 29 Abs. 6 BeamtStG mit der erneu­ten Beru­fung die Rech­te und Pflich­ten aus dem­je­ni­gen Beam­ten­ver­hält­nis wie­der auf, aus dem der Beam­te in den Ruhe­stand ver­setzt wor­den ist. Maß­ge­bend für die­se Fik­ti­on ist aber der Zeit­punkt der erneu­ten Beru­fung. Eine rück­wir­ken­de Fik­ti­on des bis­he­ri­gen Beam­ten­ver­hält­nis­ses kommt des­halb auch nach die­ser Vor­schrift nicht in Betracht 7.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 25. Janu­ar 2011 – 5 LB 247/​09

  1. sie­he auch Plog/​Wiedow/​Lemhöfer/​Bayer, BBG, Stand: Juli 2009, § 35 BBG a.F. Rn. 2 und § 42 BBG a.F. Rn. 15[]
  2. vgl. Küm­mel, Beam­ten­recht, § 224 NBG a.F. Rn. 3; Sommer/​Konert/​Sommer, NBG, 2001, § 224 a.F. Rn. 4; sie­he z.B. auch § 24 Abs. 2 der Anla­ge zu den Heil­für­sor­ge­be­stim­mun­gen für den Poli­zei­voll­zugs­dienst des Lan­des Nie­der­sach­sen – HFB -, RdErl. d. MI v. 15. Novem­ber 1995, Nds. MBl. 1996, 30 mit Fol­ge­än­de­run­gen, der eine Über­gangs­heil­für­sor­ge nach dem Ein­tritt in den Ruhe­stand für zahn­ärzt­li­che Leis­tun­gen regelt, und sie­he auch § 114 Abs. 6 NBG in der ab dem 1. April 2009 gel­ten­den Fas­sung, wonach das Finanz­mi­nis­te­ri­um im Ein­ver­neh­men mit dem Innen­mi­nis­te­ri­um durch Ver­ord­nung bestim­men kann, in wel­chen Fäl­len und in wel­chem Umfang frü­he­ren Heil­für­sor­ge­be­rech­tig­ten nach Beginn des Ruhe­stands aus Für­sor­ge­grün­den über­gangs­wei­se Heil­für­sor­ge gewährt wer­den kann[]
  3. vgl. auch Nds. OVG, Urteil vom 25.06.2002, – 5 LB 3648/​01[]
  4. vgl. Küm­mel, a.a.O., § 224 NBG a.F. Rn. 3[]
  5. vgl. auch Plog u.a., a.a.O., § 45 BBG a.F. Rn. 9[]
  6. vgl. auch § 21 Abs. 2 BRRG in der bis zum 31. März 2009 gel­ten­den Fas­sung sowie BVerwG, Urteil vom 28.04.1988 – 2 C 51.87[]
  7. vgl. auch Tege­t­hoff in: Kuge­le, BeamtStG, 2011, § 29 Rn. 27[]