Nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel und die Bei­hil­fe

Die in § 77 Abs. 9 des Lan­des­be­am­ten­ge­set­zes NRW vor­ge­se­he­ne Här­te­fall­re­ge­lung, wonach die Kos­ten­dämp­fungs­pau­scha­le und gewis­se Eigen­be­hal­te die Belas­tungs­gren­ze in Höhe von 2 % des Vor­jah­res­ein­kom­mens nicht über­stei­gen dür­fen, ist nicht abschlie­ßend zu ver­ste­hen. Einer Ein­be­zie­hung der Auf­wen­dun­gen für nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel steht sie nicht ent­ge­gen.

Nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel und die Bei­hil­fe

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len in den hier vor­lie­gen­den Fäl­len zwei­er nord­rhein-west­fä­li­scher Beam­te im Ruhe­stand ent­schie­den, dass in finan­zi­el­len Här­te­fäl­len Bei­hil­fe für nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge, medi­zi­nisch not­wen­di­ge Arz­nei­mit­tel bean­sprucht wer­den kann. Die Lan­des­be­am­te im Ruhe­stand, die an einer Viel­zahl von Erkran­kun­gen lei­den und in den Jah­ren 2008 bis 2010 hohe Beträ­ge u.a. für von ihren Ärz­ten ver­ord­ne­te, aber nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel auf­wen­de­ten, haben gegen­über dem beklag­ten Land das Vor­lie­gen eines Här­te­falls gel­tend gemacht und bean­spruch­ten Bei­hil­fe­leis­tun­gen, soweit ihre Auf­wen­dun­gen 1 % ihres jewei­li­gen Vor­jah­res­ein­kom­mens über­stie­gen. Das Land lehn­te die Ansprü­che ab, weil die bean­spruch­te Här­te­fall­re­ge­lung im nord­rhein-west­fä­li­schen Bei­hil­fe­recht nicht vor­ge­se­hen sei. In ers­ter Instanz ver­pflich­te­te das Ver­wal­tungs­ge­richt 1 das Land zur Gewäh­rung von Bei­hil­fe­leis­tun­gen, soweit die Auf­wen­dun­gen für ärzt­lich ver­ord­ne­te nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel 2 % des jewei­li­gen Vor­jah­res­ein­kom­mens über­stie­gen; die wei­ter­ge­hen­de Kla­ge blieb erfolg­los. Hier­ge­gen hat aus­schließ­lich das beklag­te Land Beru­fung ein­ge­legt.

Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len schließt die Bei­hil­fen­ver­ord­nung NRW (BVO NRW) Bei­hil­fen für nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel aus­drück­lich aus, was grund­sätz­lich nicht zu bean­stan­den sei. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt habe aber seit dem Jahr 2008 für das Bun­des­bei­hil­fe­recht mehr­fach ent­schie­den, dass der Aus­schluss nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger, medi­zi­nisch not­wen­di­ger Arz­nei­mit­tel von der Bei­hil­fe­fä­hig­keit nur dann recht­mä­ßig ist, wenn in finan­zi­el­len Här­te­fäl­len, d.h. jen­seits einer nach abs­trakt-gene­rel­len Kri­te­ri­en zu bestim­men­den Belas­tungs­gren­ze Bei­hil­fe gezahlt wer­de. Die Erfor­der­lich­keit einer nor­ma­tiv fest­zu­le­gen­den Här­te­fall­re­ge­lung erge­be sich aus der in Art. 33 Abs. 5 des Grund­ge­set­zes ver­an­ker­ten Für­sor­ge­pflicht des Dienst­herrn. Här­te­fäl­le lie­gen nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vor, wenn Beam­te mehr als 2% ihres Vor­jah­res­ein­kom­mens für die Behand­lung von Erkran­kun­gen auf­wen­den, bei chro­nisch Kran­ken lie­ge die Gren­ze bei 1% des Vor­jah­res­ein­kom­mens.

Die­se Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für die 2%-Grenze auf das nord­rhein-west­fä­li­sche Bei­hil­fe­recht im Wesent­li­chen mit der Begrün­dung über­tra­gen, die Anfor­de­run­gen der ver­fas­sungs­recht­li­chen Für­sor­ge­pflicht gäl­ten in Nord­rhein-West­fa­len eben­so wie im Bund. Das Bei­hil­fe­recht des Lan­des genü­ge die­sen Anfor­de­run­gen nicht voll­stän­dig. Es sehe zwar eini­ge Rück­aus­nah­men vor, bei deren Vor­lie­gen Bei­hil­fe auch für nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel gewährt wer­de. Die­se knüpf­ten jedoch ähn­lich den für das Bun­des­bei­hil­fe­recht gel­ten­den Rück­aus­nah­men nicht an eine aus der Für­sor­ge­pflicht des Dienst­herrn abzu­lei­ten­de finan­zi­el­le Belas­tungs­gren­ze an. Die seit 2010 in § 77 Abs. 9 des Lan­des­be­am­ten­ge­set­zes vor­ge­se­he­ne Här­te­fall­re­ge­lung, wonach die Kos­ten­dämp­fungs­pau­scha­le und gewis­se Eigen­be­hal­te die Belas­tungs­gren­ze in Höhe von 2 % des Vor­jah­res­ein­kom­mens nicht über­stei­gen dür­fen, sei nicht abschlie­ßend zu ver­ste­hen. Sie ste­he des­halb einer Ein­be­zie­hung der Auf­wen­dun­gen für nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel nicht ent­ge­gen. Die Fra­ge einer 1%-Grenze bei chro­nisch kran­ken Beam­ten war vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht zu ent­schei­den, weil die Klä­ger die­ses Begeh­ren im Beru­fungs­ver­fah­ren nicht wei­ter ver­folgt haben.

Die Beru­fun­gen des Lan­des hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­ge­wie­sen und die Revi­si­on gegen sei­ne Urtei­le nicht zuge­las­sen.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len, Urtei­le vom 12. Sep­tem­ber 2014 – 1 A 1601/​13, 1 A 1602/​13

  1. VG Düs­sel­dorf, Urteil vom 26.04.2013 – 26 K 1337/​12[]