Schuld­un­fä­hig­keit eines Beam­ten im Dis­zi­pli­nar­recht

Im Dis­zi­pli­nar­recht hängt die Beur­tei­lung der Erheb­lich­keit einer ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit (§ 21 StGB) von der Bedeu­tung und Ein­seh­bar­keit der ver­letz­ten Dienst­pflich­ten ab. Die Erheb­lich­keits­schwel­le wird bei der Ver­let­zung von ohne Wei­te­res ein­seh­ba­ren inner­dienst­li­chen Kern­be­reichs­pflich­ten nur in Aus­nah­me­fäl­len erreicht sein.

Schuld­un­fä­hig­keit eines Beam­ten im Dis­zi­pli­nar­recht

Erheb­lich ver­min­der­te Schuld­fä­hig­keit gemäß §§ 20, 21 StGB setzt vor­aus, dass die Fähig­keit, das Unrecht einer Tat ein­zu­se­hen oder nach die­ser Ein­sicht zu han­deln, wegen einer Stö­rung im Sin­ne von § 20 StGB bei Tat­be­ge­hung erheb­lich ein­ge­schränkt war. Für die hier rele­van­te Fra­ge der Steue­rungs­fä­hig­keit kommt es dar­auf an, ob das Hem­mungs­ver­mö­gen so stark her­ab­ge­setzt war, dass der Betrof­fe­ne den Tat­an­rei­zen erheb­lich weni­ger Wider­stand als gewöhn­lich ent­ge­gen­zu­set­zen ver­moch­te. Die Fra­ge, ob die Ver­min­de­rung der Steue­rungs­fä­hig­keit auf Grund einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung „erheb­lich“ war, ist eine Rechts­fra­ge, die die Dis­zi­pli­nar­ge­rich­te ohne Bin­dung an die Ein­schät­zung Sach­ver­stän­di­ger in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu beant­wor­ten haben. Hier­zu bedarf es einer Gesamt­schau der Per­sön­lich­keits­struk­tur des Betrof­fe­nen, sei­nes Erschei­nungs­bil­des vor, wäh­rend und nach der Tat und der Berück­sich­ti­gung der Tat­um­stän­de, ins­be­son­de­re der Vor­ge­hens­wei­se. Für die Annah­me einer erheb­li­chen Min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit sind schwer­wie­gen­de Gesichts­punk­te her­an­zu­zie­hen wie etwa Psy­cho­pa­thien, Neu­ro­sen, Trieb­stö­run­gen, leich­te­re For­men des Schwach­sinns, alters­be­ding­te Per­sön­lich­keits­ver­än­de­run­gen, Affekt­zu­stän­de sowie Fol­ge­er­schei­nun­gen einer Abhän­gig­keit von Alko­hol, Dro­gen oder Medi­ka­men­ten. Die Erheb­lich­keits­schwel­le liegt umso höher, je schwe­rer das in Rede ste­hen­de Delikt wiegt. Dem­entspre­chend hängt im Dis­zi­pli­nar­recht die Beur­tei­lung der Erheb­lich­keit im Sin­ne von § 21 StGB von der Bedeu­tung und Ein­seh­bar­keit der ver­letz­ten Dienst­pflich­ten ab und wird die Schwel­le der Erheb­lich­keit damit bei der Ver­let­zung von ohne Wei­te­res ein­seh­ba­ren inner­dienst­li­chen Kern­be­reichs­pflich­ten nur in Aus­nah­me­fäl­len erreicht sein [1].

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 16. Sep­tem­ber 2010 – DL 16 S 579/​10

  1. vgl. für Zugriffs­de­lik­te: BVerwG, Urteil vom 29.05.2008 – 2 C 59.07, Buch­holz 235.1 § 70 BDG Nr. 3; Beschluss vom 27.10.2008 – 2 B 48.08; VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 24.06.2010 – DB 16 S 3391/​08[]