Bestech­lich­keit des Dok­tor­va­ters: Rück­nah­me der Dok­tor­wür­de?

Die Mit­wir­kung eines befan­ge­nen oder vom Pro­mo­ti­ons­ver­fah­ren aus­ge­schlos­se­nen Prü­fers stellt zwar einen Ver­fah­rens­feh­ler dar, er führt aber nicht zwin­gend zur Rechts­wid­rig­keit der Bewer­tung der Dis­ser­ta­ti­on und der sons­ti­gen Prü­fungs­leis­tun­gen durch die mehr­köp­fi­ge Pro­mo­ti­ons­kom­mis­si­on.

Bestech­lich­keit des Dok­tor­va­ters: Rück­nah­me der Dok­tor­wür­de?

Mit die­ser Ent­schei­dung hat das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt den kla­gen­den Juris­ten ihre Dok­tor­ti­tel erhal­ten.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver hat­te die von der Gott­fried Wil­helm Leib­niz Uni­ver­si­tät Han­no­ver im Jah­re 2009 in acht Fäl­len vor­ge­nom­me­ne Rück­nah­me der Ver­lei­hung der Dok­tor­wür­de an bereits berufs­tä­ti­ge Juris­ten auf­ge­ho­ben 1. Hin­ter­grund für die Rück­nah­men war, dass der Dok­tor­va­ter die­ser Juris­ten – ein ehe­ma­li­ger Rechts­pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät Han­no­ver – für die Ver­mitt­lung von Pro­mo­ven­den von einem Insti­tut für Pro­mo­ti­ons­ver­mitt­lung und -bera­tung ein Erfolgs­ho­no­rar in Höhe von rund 4.000 EUR pro Ein­zel­fall – über die Jah­re ins­ge­samt 156.000 EUR – erhal­ten hat­te und des­halb im Jahr 2008 wegen Bestech­lich­keit zu einer mehr­jäh­ri­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt wor­den war. Die Juris­ten hat­ten an das Insti­tut jeweils ein Ent­gelt in fünf­stel­li­ger Höhe für die Ver­mitt­lung des Dok­tor­va­ters ent­rich­tet. Die von der Staats­an­walt­schaft gegen die pro­mo­vier­ten Juris­ten ein­ge­lei­te­ten Straf­ver­fah­ren ende­ten hin­ge­gen ent­we­der mit einer Ein­stel­lung nach Erfül­lung einer Geld­auf­la­ge oder mit einem Frei­spruch durch das Straf­ge­richt.

Die Uni­ver­si­tät Han­no­ver hat auf die­sen Bestechungs­fall in zwei­fa­cher Hin­sicht reagiert. Zum einen änder­te die Juris­ti­sche Fakul­tät ihre Pro­mo­ti­ons­ord­nung für die Zukunft dahin­ge­hend, dass die Annah­me von Bewer­bern zur Pro­mo­ti­on und die Ein­lei­tung des Pro­mo­ti­ons­ver­fah­rens von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen sind, wenn die Bewer­ber gewerb­li­che Pro­mo­ti­ons­be­ra­ter gegen Ent­gelt in Anspruch genom­men haben. Die­se Rege­lung hat das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in einem Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren für recht­mä­ßig ange­se­hen 2.

Zum ande­ren nahm die Uni­ver­si­tät in den genann­ten acht Fäl­len die Ver­lei­hung der Dok­tor­wür­de jeweils zurück. Nach­dem die hier­ge­gen gerich­te­ten Kla­gen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Erfolg hat­ten, hat das Ober­ver­wal­tugns­ge­richt die erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dun­gen bestä­tigt und die Anträ­ge der Uni­ver­si­tät auf Zulas­sung der Beru­fung zurück­ge­wie­sen.

Zur Begrün­dung hat das Gericht im Wesent­li­chen aus­ge­führt, dass die Mit­wir­kung eines befan­ge­nen oder vom Pro­mo­ti­ons­ver­fah­ren aus­ge­schlos­se­nen Prü­fers zwar einen Ver­fah­rens­feh­ler dar­stellt, der aber nicht zwin­gend zur Rechts­wid­rig­keit der Bewer­tung der Dis­ser­ta­ti­on und der sons­ti­gen Prü­fungs­leis­tun­gen durch die mehr­köp­fi­ge Pro­mo­ti­ons­kom­mis­si­on führt. Zum einen muss­te sich den betrof­fe­nen Juris­ten nicht der Ver­dacht auf­drän­gen, dass der ihnen als Dok­tor­va­ter ver­mit­tel­te Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für sei­ne Bereit­schaft zur Betreu­ung der Pro­mo­ti­on von dem Insti­tut besto­chen wor­den war. Zum ande­ren lagen kei­ne Anhalts­punk­te für die Annah­me vor, dass den im Pro­mo­ti­ons­ver­fah­ren zu bewer­ten­den wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen der Juris­ten wei­te­re als die in der Per­son des als Prü­fer tätig gewor­de­nen Dok­tor­va­ters lie­gen­den Män­gel – wie etwa Fäl­schun­gen, die Über­nah­me frem­den Gedan­ken­guts oder die Inan­spruch­nah­me unzu­läs­si­ger Hilfs­mit­tel – anhaf­te­ten. Daher hät­te es der Uni­ver­si­tät oble­gen, in jedem Ein­zel­fall der inhalt­li­chen Fra­ge nach­zu­ge­hen, ob die ange­fer­tig­ten Dis­ser­ta­tio­nen wis­sen­schaft­li­chen Ansprü­chen genüg­ten und einen Bei­trag zum Fort­schritt der Rechts­wis­sen­schaf­ten leis­te­ten. Hier­zu hät­te die Uni­ver­si­tät vor den Rück­nah­me­ent­schei­dun­gen für den befan­ge­nen und vom Ver­fah­ren aus­ge­schlos­se­nen Dok­tor­va­ter einen ande­ren Gut­ach­ter mit der Bewer­tung der Pro­mo­ti­ons­leis­tun­gen, ins­be­son­de­re der Dis­ser­ta­tio­nen betrau­en müs­sen. Da sie die­ser Ver­pflich­tung nicht nach­ge­kom­men ist, sind die Rück­nah­men der Ver­lei­hung der Dok­tor­wür­de feh­ler­haft und mit­hin auf­zu­he­ben.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 16. Novem­ber 2011 – 2 LA 333/​10 bis 337/​10, 348/​10 bis 350/​10

  1. VG Han­no­ver, Urtei­le vom 31.05.2010 – 6 A 1233/​09 u. a.[]
  2. Nds. OVG, Urteil vom 02.12.2009 – 2 KN 906/​06[]