Die Blut­pro­be und der Füh­rer­schein­ent­zug durch das Stra­ßen­ver­kehrs­amt

Ein straf­pro­zes­sua­les Ver­wer­tungs­ver­bot begrün­det nicht zwangs­läu­fig auch ein Ver­wer­tungs­ver­bot im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren. Die Fahr­erlaub­nis­be­hör­de darf in einem Fahr­erlaub­nis­ent­zie­hungs­ver­fah­ren auch das Ergeb­nis der Unter­su­chung einer Blut­pro­be berück­sich­ti­gen, die unter Ver­stoß gegen den Rich­ter­vor­be­halt des § 81a Abs. 2 StPO ent­nom­men wur­de.

Die Blut­pro­be und der Füh­rer­schein­ent­zug durch das Stra­ßen­ver­kehrs­amt

Auch wenn aber ein straf­pro­zes­sua­les Ver­wer­tungs­ver­bot unter­stellt wird, ist im vor­lie­gen­den Ver­wal­tungs­ver­fah­ren kei­ne ent­spre­chen­de Bewer­tung gebo­ten 1. Für den Bereich des Fahr­erlaub­nis­rechts ist weder im Stra­ßen­ver­kehrs­ge­setz noch in der Fahr­erlaub­nis-Ver­ord­nung ein aus­drück­li­ches Ver­wer­tungs­ver­bot für nicht rich­ter­lich ange­ord­ne­te kör­per­li­che Unter­su­chun­gen ange­ord­net. Eben­so wie im Straf­pro­zess­recht kann daher ein sol­ches Ver­bot nur unter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Umstän­de des Ein­zel­falls unter Abwä­gung der gegen­läu­fi­gen Inter­es­sen ange­nom­men wer­den, wobei jedoch in Ver­wal­tungs­ver­fah­ren, die wie das Fahr­erlaub­nis­recht der Gefah­ren­ab­wehr die­nen, nicht ohne Wei­te­res die­sel­ben Maß­stä­be wie im repres­si­ven Bereich des Straf- und Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­rechts gel­ten. Zwar hat die Behör­de auch im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren im Rah­men ihrer Ermitt­lungs­tä­tig­keit die sich aus den Geset­zen, all­ge­mei­nen Ver­fah­rens­grund­sät­zen und Grund­rech­ten erge­ben­den Gren­zen zu beach­ten. Aus die­sen kön­nen sich durch­aus Ver­wer­tungs­ver­bo­te für das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren erge­ben. Hier­bei ist jedoch zu prü­fen, ob der Schutz­zweck der jewei­li­gen Norm das Ver­wer­tungs­ver­bot auch für das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren erfor­dert 2.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dürf­te der Rich­ter­vor­be­halt des § 81a Abs. 2 StPO nicht zum rechts­staat­li­chen Min­dest­stan­dard zäh­len 3. Hin­sicht­lich des Fahr­erlaub­nis­ent­zie­hungs­ver­fah­rens ist dar­über hin­aus zu berück­sich­ti­gen, dass es – anders als das Straf- und Buß­geld­ver­fah­ren – nicht der Ver­fol­gung und Ahn­dung began­ge­ner Rechts­ver­stö­ße dient, son­dern dem Schutz Drit­ter vor den Gefah­ren, die von einem unge­eig­ne­ten Kraft­fah­rer aus­ge­hen. Im Ver­fah­ren zur Ent­zie­hung der Fahr­erlaub­nis hat die Behör­de des­halb – wie bereits das Ver­wal­tungs­ge­richt zutref­fend dar­ge­legt hat – maß­geb­lich und mit beson­de­rem Gewicht neben den Grund­rech­ten des Betrof­fe­nen wei­te­re hoch­ran­gi­ge Rechts­gü­ter Drit­ter wie Leben und Gesund­heit und das öffent­li­che Inter­es­se am Schutz der All­ge­mein­heit vor Fahr­erlaub­nis­in­ha­bern, die sich als unge­eig­net zum Füh­ren von Kraft­fahr­zeu­gen erwie­sen haben, zu beach­ten. Die­ser Gesichts­punkt recht­fer­tigt es, auch eine rechts­wid­rig ange­ord­ne­te Blut­un­ter­su­chung zu berück­sich­ti­gen, wenn das Ergeb­nis ein­deu­tig nega­tiv für den Betrof­fe­nen ist. Die­ser Gedan­ke gilt umso mehr, wenn – wie hier – ein even­tu­el­ler Ver­stoß gegen Beweis­erhe­bungs­vor­schrif­ten nicht von der Fahr­erlaub­nis­be­hör­de selbst zu ver­ant­wor­ten ist. Geht der Ver­stoß gegen die straf­pro­zes­sua­le Beweis­erhe­bungs­vor­schrift nicht von der für das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren zustän­di­gen Behör­de aus, kann die für das Straf­ver­fah­ren gül­ti­ge Wer­tung, dass das Inter­es­se des Ein­zel­nen an der Wah­rung sei­ner Rech­te zu Las­ten des staat­li­chen Straf­ver­fol­gungs­in­ter­es­ses bei gro­ben Ver­stö­ßen durch die für die Straf­ver­fol­gung zustän­di­gen Behör­den unter dem Gesichts­punkt einer fai­ren Ver­fah­rens­ge­stal­tung über­wiegt, nicht ohne wei­te­res auf das Fahr­erlaub­nis­ent­zie­hungs­ver­fah­ren über­tra­gen wer­den.

Die Fahr­erlaub­nis­be­hör­de darf daher im über­wie­gen­den Inter­es­se an dem Schutz hoch­ran­gi­ger Rechts­gü­ter einer gro­ßen Zahl von Ver­kehrs­teil­neh­mern in einem auf Ent­zie­hung der Fahr­erlaub­nis gerich­te­ten Ver­wal­tungs­ver­fah­ren auch ein unter Ver­stoß gegen den Rich­ter­vor­be­halt des § 81a StPO gewon­ne­nes Ergeb­nis einer Blut­pro­ben­un­ter­su­chung berück­sich­ti­gen, wenn aus die­sem die feh­len­de Kraft­fahr­eig­nung des Betrof­fe­nen her­vor­geht. Auch eine rechts­wid­rig ange­ord­ne­te Blut­un­ter­su­chung schafft eine neue Tat­sa­che, die – eben­so wie das nega­ti­ve Ergeb­nis eines rechts­wid­rig ange­ord­ne­ten Gut­ach­tens 4 – zum Schutz der All­ge­mein­heit vor einem unge­eig­ne­ten Kraft­fah­rer ver­wer­tet wer­den darf. Für die­ses Ergeb­nis spricht auch, dass weder das Stra­ßen­ver­kehrs­ge­setz noch die Fahr­erlaub­nis-Ver­ord­nung für die Anord­nung von ärzt­li­chen Unter­su­chun­gen und Begut­ach­tun­gen einen der Vor­schrift des § 81 Abs. 2 StPO ver­gleich­ba­ren Rich­ter­vor­be­halt vor­se­hen und es einen Wer­tungs­wi­der­spruch bedeu­te­te, wenn Fäl­le, die ihren Aus­gang in einem straf- oder buß­geld­recht­lich rele­van­ten Ver­kehrs­ver­stoß neh­men, anders behan­delt wür­den als sol­che, in denen die Behör­de nach § 11 Abs. 2 FeV auf­grund ihr bekannt gewor­de­ner Tat­sa­chen selbst Zwei­feln an der Kraft­fahr­eig­nung eines Betrof­fe­nen nach­geht 5.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 21. Juni 2010 – 10 S 4/​10

  1. eben­so Säch­si­sches OVG, Beschluss vom 01.02.2010 – 3 B 161/​08; Nie­der­säch­si­ches OVG, Urteil vom 14.08.2008 – 12 ME 183/​08; Beschluss vom 16.12.2009 – 12 ME 234/​09; OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 03.11.2009 – 1 S 205.09; OVG Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 29.01.2010 – 10 B 11226/​09; BayVGH, Beschluss vom 28.01.2010 – 11 CS 09.1443[]
  2. vgl. Kopp/​Ramsauer, VwVfG, 10. Aufl., § 24 Rdnr. 29a[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 28.07.2008 – 2 BvR 784/​08, NJW 2008, 3053[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 18.03.1982, BVerw­GE 65, 157; OVG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Beschluss vom 20.03.2008 – 1 M 12/​08[]
  5. zum Gan­zen Säch­si­sches OVG, Beschluss vom 01.02.2010 a.a.O.; Nie­der­säch­si­sches OVG, Urteil vom 14.08.2008 a.a.O.; Beschluss vom 16.12.2009 a.a.O.; OVG Ber­lin – Bran­den­burg, Beschluss vom 03.11.2009 a.a.O.; OVG Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 29.01.2010 a.a.O.; BayVGH, Beschluss vom 28.01.2010 a.a.O.[]