Die Ein­krei­sung einer Per­so­nen­grup­pe

Die Ein­krei­sung von Grup­pen durch die Poli­zei kann gerecht­fer­tigt sein, um gewal­tä­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu ver­hin­dern. Aus dem glei­chen Grund darf eine Grup­pe an einer Zug­wei­ter­fahrt gehin­dert wer­den. Dage­gen ist das dau­er­haf­te Fil­men einer Grup­pe durch die Poli­zei als einen schwer­wie­gen­den und gesetz­lich nicht gedeck­ten Grund­rechts­ein­griff anzu­se­hen.

Die Ein­krei­sung einer Per­so­nen­grup­pe

So hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver in den hier vor­lie­gen­den Fäl­len ent­schie­den, in denen es um die poli­zei­li­chen Maß­nah­men auf dem Uelze­ner Bahn­hof am spä­ten Abend des 02.06.2012 ging. Mit ins­ge­samt 11 Kla­gen haben sich von den Poli­zei­ak­tio­nen Betrof­fe­ne gegen das dor­ti­ge Vor­ge­hen gewehrt.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Han­no­ver sei nur das dau­er­haf­te Fil­men der Grup­pe, zu der die Klä­ger gehör­ten, als einen gesetz­lich nicht gedeck­ten aber schwer­wie­gen­den Grund­rechts­ein­griff zu wer­ten und inso­weit die Rechts­wid­rig­keit der Poli­zei­ak­ti­on fest­zu­stel­len.

Dage­gen sei die Umkrei­sung die­ser von der Poli­zei dem lin­ken Spek­trum zuge­ord­ne­ten Grup­pe mit Poli­zei­kräf­ten nach dem Ver­las­sen des aus Ham­burg – Har­burg ankom­men­den Zuges auch zu deren eige­nem Schutz gerecht­fer­tigt gewe­sen. Mit der Ein­krei­sung habe – eben­so wie mit der gleich­falls erfolg­ten Ein­krei­sung der Grup­pe der dem rech­ten Spek­trum zuge­ord­ne­ten Per­so­nen – ver­hin­dert wer­den sol­len, dass es zu gewalt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen die­sen Grup­pen kommt. Die Poli­zei habe ange­sichts der Tat­sa­che, dass es zuvor in Ham­burg und vor der Abfahrt des Zuges in Har­burg bereits zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Lin­ken und Rech­ten gekom­men war, berech­tig­ter­wei­se davon aus­ge­hen kön­nen, dass die Gefahr wei­te­rer tät­li­cher Über­grif­fe bestand.

Aus die­sem Grund sei es auch gerecht­fer­tigt gewe­sen, nur einer der bei­den Grup­pen die Wei­ter­fahrt mit dem letz­ten Zug Rich­tung Süden zu ermög­li­chen. Bei einer Wei­ter­fahrt bei­der Grup­pen mit dem­sel­ben Zug hät­te die­ser Gefahr nicht hin­rei­chend wirk­sam begeg­net wer­den kön­nen, zumal die dem rech­ten Lager zuge­ord­ne­ten Per­so­nen nach der erheb­li­chen Ver­let­zung eines ihrer Mit­glie­der auf dem Uelze­ner Bahn­hof ein noch wei­ter erhöh­tes Aggres­si­ons­po­ten­ti­al gezeigt hät­ten. Dass die dem rech­ten Lager zuge­rech­ne­ten Per­so­nen zum Anschluss­zug gelei­tet wor­den sei­en, sei ange­sichts des Umstan­des, dass die­se Grup­pe sich bereits unmit­tel­bar an der Gleis­un­ter­füh­rung auf­hielt, die auf dem Weg dort­hin zu pas­sie­ren war, eben­falls nicht zu bean­stan­den. Dadurch habe eine direk­te Begeg­nung der bei­den Grup­pen ver­mie­den wer­den kön­nen.

Die im Anschluss u.a. bei den Klä­gern durch­ge­führ­ten Iden­ti­täts­fest­stel­lun­gen ord­ne­te das Ver­wal­tungs­ge­richt dem Bereich des Straf­ver­fol­gungs­rechts zu. Die Maß­nah­me habe vor­ran­gig dazu gedient, etwai­ge Tat­be­tei­li­gun­gen an straf­recht­lich rele­van­ten Vor­fäl­len in Ham­burg und im Bereich des Bahn­hofs Ham­burg-Har­burg zu ermit­teln. Aus die­sem Grund hat das Ver­wal­tungs­ge­richt die­sen Teil der Kla­gen abge­trennt und beab­sich­tigt, sie an das inso­weit zur Über­prü­fung zustän­di­ge Ober­lan­des­ge­richt Cel­le zu ver­wei­sen.

Hin­sicht­lich der schließ­lich aus­ge­spro­che­nen Platz­ver­wei­se, auf Grund derer die Klä­ger gezwun­gen waren, den Uelze­ner Bahn­hof für rund 45 Minu­ten zu ver­las­sen, hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver ein recht­lich aner­ken­nens­wer­tes Inter­es­se der Klä­ger an der nach­träg­li­chen Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit ver­neint. Weder dro­he den Klä­gern kon­kret eine Wie­der­ho­lungs­ge­fahr noch bedürf­ten sie inso­weit der Reha­bi­li­ta­ti­on. Auch einen schwer­wie­gen­den Grund­rechts­ein­griff sah das Ver­wal­tungs­ge­richt in die­sem Punkt ange­sichts der kur­zen Wir­kungs­dau­er der Platz­ver­wei­se als nicht gege­ben an. Dass die Klä­ger letzt­lich kei­ne Mög­lich­keit mehr hat­ten, an dem­sel­ben Abend Uel­zen noch mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln zu ver­las­sen, sei nicht Ziel der poli­zei­li­chen Maß­nah­men son­dern deren rein fak­ti­sche Neben­fol­ge gewe­sen, die auf die Schwe­re der mit den Maß­nah­men ver­bun­de­nen Grund­rechts­ein­grif­fe recht­lich kei­nen Ein­fluss gehabt habe. Ob die Platz­ver­wei­se tat­säch­lich recht­mä­ßig waren, blieb damit offen.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Urtei­le vom 1. Juli 2013 – 10 A 3899/​12 u.a.