Die gan­ze Stadt als Sperr­ge­biet

Nach Art. 297 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3, Abs. 2 EGStGB kön­nen die Lan­des­re­gie­rung oder eine von die­ser ermäch­tig­te Lan­des­be­hör­de zum Schutz der Jugend oder des öffent­li­chen Anstands unab­hän­gig von der Zahl der Ein­woh­ner für öffent­li­che Stra­ßen, Wege, Plät­ze, Anla­gen und für sons­ti­ge Orte, die von dort aus ein­ge­se­hen wer­den kön­nen, im gan­zen Gebiet oder in Tei­len des Gebiets einer Gemein­de durch Rechts­ver­ord­nung ver­bie­ten, der Pro­sti­tu­ti­on nach­zu­ge­hen.

Die gan­ze Stadt als Sperr­ge­biet

Danach ist ein gemein­de­wei­tes Ver­bot der Stra­ßen­pro­sti­tu­ti­on nicht nur mög­lich, wenn dies zum Schutz der Jugend oder des öffent­li­chen Anstands gebo­ten ist; es ist auch nicht von zusätz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen abhän­gig.

Der Bedeu­tungs­ge­halt die­ser Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gung ist durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs- und des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts geklärt: Der Bun­des­ge­setz­ge­ber hat den Ver­ord­nungs­ge­ber in ver­fas­sungs­kon­for­mer Wei­se ermäch­tigt, die Stra­ßen­pro­sti­tu­ti­on zu ver­bie­ten, wenn und soweit sie Gefähr­dun­gen für Jugend oder öffent­li­chen Anstand her­vor­ruft. Er kann durch ein Ver­bot der Stra­ßen­pro­sti­tu­ti­on Sor­ge dafür tra­gen, dass Kin­der und Jugend­li­che nicht mit Pro­sti­tu­ti­on kon­fron­tiert wer­den. Sie sol­len vor äuße­ren Ein­flüs­sen bewahrt wer­den, die sich auf ihre Ein­stel­lung zur Sexua­li­tät und damit auf die Ent­wick­lung ihrer Per­sön­lich­keit nach­tei­lig aus­wir­ken kön­nen. Das Schutz­gut des öffent­li­chen Anstands soll die Stra­ßen­pro­sti­tu­ti­on von Gebie­ten fern­hal­ten, die durch eine beson­de­re Schutz­be­dürf­tig­keit und Sen­si­bi­li­tät, z.B. als Gebiet mit hohem Wohn­an­teil sowie Schu­len, Kin­der­gär­ten, Kir­chen und sozia­len Ein­rich­tun­gen, gekenn­zeich­net sind. Der Ver­ord­nungs­ge­ber kann ein Ver­bot in die­sen Gebie­ten im Regel­fall schon des­halb anord­nen, weil Stra­ßen­pro­sti­tu­ti­on mit den typi­schen anstö­ßi­gen Begleit­erschei­nun­gen wie etwa Wer­ben von Frei­ern auf der Stra­ße ver­bun­den ist 1.

Wei­ter­hin ist geklärt, dass ein Pro­sti­tu­ti­ons­ver­bot dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit genü­gen muss, weil die Betä­ti­gungs­mög­lich­kei­ten der Pro­sti­tu­ier­ten durch Art. 12 Abs. 1 GG geschützt sind 2. Ein gemein­de­wei­tes Ver­bot der Stra­ßen­pro­sti­tu­ti­on setzt daher vor­aus, dass es zur Abwehr abs­trak­ter Gefah­ren für die in Art. 297 Abs. 1 EGStGB genann­ten Schutz­gü­ter geeig­net, erfor­der­lich und ange­mes­sen ist. An der Erfor­der­lich­keit fehlt es, wenn nach den ört­li­chen Ver­hält­nis­sen ein räum­lich begrenz­tes Ver­bot als mil­de­res Mit­tel zur wir­kungs­vol­len Gefah­ren­ab­wehr aus­reicht. Dies setzt aller­dings vor­aus, dass ein Aus­grei­fen der Pro­sti­tu­ti­on mit den damit ver­bun­de­nen anstö­ßi­gen Begleit­erschei­nun­gen auf schutz­be­dürf­ti­ge Gebie­te mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit aus­ge­schlos­sen wer­den kann. Ob und inwie­weit die­ser Schluss gezo­gen wer­den kann, hängt eben­so wie der not­wen­di­ge Detail­lie­rungs­grad der Gefah­ren­pro­gno­se von den kon­kre­ten Umstän­den ab. Je grö­ßer die zu erwar­ten­de Anzahl der Pro­sti­tu­ier­ten und Frei­er, des­to grö­ßer wird das Gefah­ren­po­ten­zi­al des jewei­li­gen Stra­ßen­strichs sein 3. Auch die Beach­tung der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit im enge­ren Sin­ne, d.h. die Gewich­tung des öffent­li­chen Anstands einer­seits, der Berufs­aus­übung der Pro­sti­tu­ier­ten ande­rer­seits, ent­zieht sich einer ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­gen Wür­di­gung 4.

Die vor­ste­hen­den Erwä­gun­gen gel­ten sinn­ge­mäß für die Fra­ge nach den recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eines zeit­lich unein­ge­schränk­ten Ver­bots der Stra­ßen­pro­sti­tu­ti­on. Nach Art. 297 Abs. 1 Satz 2, Abs. 2 EGStGB kann das Ver­bot nach Art. 297 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 EGStGB auch auf bestimm­te Tages­zei­ten beschränkt wer­den. Nach den obi­gen Aus­füh­run­gen kommt es dar­auf an, ob im Ein­zel­fall ein zeit­lich begrenz­tes Ver­bot zur Gefah­ren­ab­wehr aus­reicht.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 22. März 2016 – 6 B 42.15

  1. zum Gan­zen: BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 28.04.2009 – 1 BvR 224/​07, NVwZ 2009, 905 Rn. 11 ff.; BVerwG, Urteil vom 17.12 2014 – 6 C 28.13 [ECLI:DE:BVerwG:2014:171214U6C28.13.0], Buch­holz 402.41 All­ge­mei­nes Poli­zei­recht Nr. 105 Rn. 11 ff.[]
  2. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 28.04.2009 – 1 BvR 224/​07, NVwZ 2009, 905 Rn. 22 und 27[]
  3. BVerwG, Urteil vom 17.12 2014 – 6 C 28.13, Buch­holz 402.41 All­ge­mei­nes Poli­zei­recht Nr. 105 Rn. 18[]
  4. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 28.04.2009 – 1 BvR 224/​07, NVwZ 2009, 905 Rn. 27[]