Die städ­ti­sche Info-Bro­schü­re mit nament­li­cher Nen­nung ört­li­cher Rechts­ex­tre­mis­ten

Durch die nament­li­che Nen­nung in einer Infor­ma­ti­ons­bro­schü­re über rechts­ex­tre­me Struk­tu­ren liegt zwar ein Ein­griff in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht des Betrof­fe­nen vor, aber die­ser Ein­griff ist recht­mä­ßig, wenn sich die Stadt bei der Ver­öf­fent­li­chung der Stu­die im Rah­men der ihr zuge­wie­se­nen Auf­ga­ben bewegt und die rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen an die Sach­lich­keit und Ver­hält­nis­mä­ßig­keit hoheit­li­cher Äuße­run­gen gewahrt sind.

Die städ­ti­sche Info-Bro­schü­re mit nament­li­cher Nen­nung ört­li­cher Rechts­ex­tre­mis­ten

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Gel­sen­kir­chen den Antrag abge­lehnt, der Stadt Dort­mund die nament­li­che Benen­nung eines füh­ren­des Mit­glieds der rechts­ex­tre­men Sze­ne in Dort­mund in ihrer Infor­ma­ti­ons­bro­schü­re im Wege der einst­wei­li­gen Anord­nung zu unter­sa­gen, abge­lehnt. Die Stadt Dort­mund gab 2011 im Rah­men ihres Akti­ons­plans gegen Rechts­ex­tre­mis­mus über die Koor­di­nie­rungs­stel­le für Viel­falt, Tole­ranz und Demo­kra­tie eine Stu­die über die Ent­wick­lung der rechts­ex­tre­men Sze­ne in der Stadt in Auf­trag, deren Ergeb­nis­se in der Infor­ma­ti­ons­bro­schü­re „Rechts­ex­tre­me Struk­tu­ren in Dort­mund, For­ma­tio­nen und neue­re Ent­wick­lun­gen – ein Update 2012“ ver­öf­fent­licht wur­den. Im Text wur­de der Antrag­stel­ler im Zusam­men­hang mit den „Auto­no­men Natio­na­lis­ten“ nament­lich genannt und als „Anfüh­rer der Natio­na­len Front Eving“, „loka­ler Mei­nungs­füh­rer“, als „Hel­fer“ ande­rer Rechts­ex­tre­mer und als „Neo­na­zi“ bezeich­net. Mit sei­nem Antrag begehrt der Betrof­fe­ne die Unter­sa­gung der nament­li­chen Nen­nung.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Gel­sen­kir­chen han­delt es sich bei die­sen Äuße­run­gen um Wert­ur­tei­le, die den sach­lich gebo­te­nen Rah­men nicht über­schrei­ten und auf einem im Wesent­li­chen zutref­fen­den oder zumin­dest sach­lich und ver­tret­bar gewür­dig­ten Tat­sa­chen­kern beru­hen. Zwar sei der Antrag­stel­ler dadurch in sei­nem all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht betrof­fen, die­ser Ein­griff sei jedoch recht­mä­ßig, weil sich die Stadt bei der Ver­öf­fent­li­chung der Stu­die im Rah­men der ihr zuge­wie­se­nen Auf­ga­ben bewe­ge und die rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen an die Sach­lich­keit und Ver­hält­nis­mä­ßig­keit hoheit­li­cher Äuße­run­gen gewahrt sei­en. Die streit­ge­gen­ständ­li­che Stu­die betref­fe das unmit­tel­ba­re Umfeld der Gemein­de­ein­woh­ner, da sie ziel­ge­rich­tet die Ver­su­che rechts­ex­tre­mer Grup­pie­run­gen unter­sucht, Ein­fluss­sphä­ren zu gewin­nen und loka­le Räu­me im All­tag zu beset­zen. Gegen­stand der Stu­die sei nicht die ziel­ge­rich­te­te Beob­ach­tung und Unter­su­chung ver­fas­sungs­feind­li­cher, ver­fas­sungs­ge­fähr­den­der, sicher­heits­ge­fähr­den­der oder geheim­dienst­li­cher Bestre­bun­gen im All­ge­mei­nen, die in die Zustän­dig­keit der Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den fal­le, son­dern die spe­zi­el­le Unter­su­chung, wie sich das Phä­no­men des Rechts­ex­tre­mis­mus auf ört­li­cher Ebe­ne dar­stellt.

Die nament­li­che Nen­nung des Antrag­stel­lers sei, gemes­sen an dem Ziel der Ver­öf­fent­li­chung, auch nicht unver­hält­nis­mä­ßig. Nur die freie öffent­li­che Dis­kus­si­on über Gegen­stän­de von all­ge­mei­ner Bedeu­tung siche­re die freie Bil­dung der öffent­li­chen Mei­nung, die sich im demo­kra­ti­schen Gemein­we­sen not­wen­dig plu­ra­lis­tisch im Wider­streit ver­schie­de­ner und aus ver­schie­de­nen Moti­ven ver­tre­te­ner Auf­fas­sun­gen vor allem in Rede und Gegen­re­de voll­zie­he. Der Antrag­stel­ler kön­ne nicht mit Erfolg gel­tend machen, von drit­ter Sei­te nega­tiv auf die Schrift ange­spro­chen und beschimpft wor­den zu sein. Wer sich selbst in füh­ren­der Funk­ti­on poli­tisch betä­ti­ge und mit sei­ner Über­zeu­gung mehr­fach selbst in die Öffent­lich­keit getre­ten sei, der müs­se im poli­ti­schen Dis­kurs hin­neh­men, mit sei­nen poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen öffent­lich iden­ti­fi­ziert zu wer­den.

Ver­wal­tungs­ge­richt Gel­sen­kir­chen, Beschluss vom 28. Sep­tem­ber 2012 – 12 L 874/​12