Flücht­lin­ge aus Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen

Eine Per­son kann von der Aner­ken­nung als Flücht­ling aus­ge­schlos­sen wer­den, wenn sie indi­vi­du­ell für Hand­lun­gen ver­ant­wort­lich ist, die von einer sich ter­ro­ris­ti­scher Metho­den bedie­nen­den Orga­ni­sa­ti­on began­gen wur­den
Der Umstand allein, dass die betref­fen­de Per­son einer sol­cher Orga­ni­sa­ti­on ange­hört hat, kann dage­gen nach einem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nicht auto­ma­tisch den Aus­schluss von der Flücht­lings­an­er­ken­nung zur Fol­ge haben.

Flücht­lin­ge aus Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen

Die FLücht­lings­an­er­ken­nungs-Richt­li­nie 2004/​83/​EG [1] zielt auf die Fest­le­gung von Min­dest­nor­men für die Aner­ken­nung von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen oder Staa­ten­lo­sen als Per­so­nen, die Anspruch auf inter­na­tio­na­len Schutz haben, sowie des Inhalts des zu gewäh­ren­den Schut­zes. Nach die­ser Richt­li­nie kann eine Per­son von der Aner­ken­nung als Flücht­ling u. a. dann aus­ge­schlos­sen wer­den, wenn schwer­wie­gen­de Grün­de zu der Annah­me berech­ti­gen, dass sie eine „schwe­re nicht­po­li­ti­sche Straf­tat“ began­gen hat oder dass sie sich „Hand­lun­gen, die den Zie­len und Grund­sät­zen der Ver­ein­ten Natio­nen zuwi­der­lau­fen“, zuschul­den kom­men ließ.

Anlass für das gest­ri­ge Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on war der Fall zwei­er tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger kur­di­scher Volks­zu­ge­hö­rig­keit. Wäh­rend der eine („B.“) den bewaff­ne­ten Gue­ril­la­kampf der DHKP/​C unter­stütz­te, war der ande­re („D.“) Gue­ril­la­kämp­fer und hoher Funk­tio­när der PKK. Die PKK und die DHKP/​C gehö­ren zu den Orga­ni­sa­tio­nen, die auf der von der Euro­päi­schen Uni­on erlas­se­nen Lis­te von Per­so­nen, Ver­ei­ni­gun­gen und Kör­per­schaf­ten, die an ter­ro­ris­ti­schen Hand­lun­gen betei­ligt sind, auf­ge­führt sind; die­se Lis­te wur­de im Rah­men der durch eine Reso­lu­ti­on des Sicher­heits­rats der Ver­ein­ten Natio­nen beschlos­se­nen Bekämp­fung des Ter­ro­ris­mus ein­ge­führt. B. bean­trag­te in Deutsch­land Asyl und Flücht­lings­schutz, wäh­rend D. von den deut­schen Behör­den bereits als Flücht­ling aner­kannt wor­den war. Bei­de hat­ten ange­ge­ben, sie hät­ten die DHKP/​C bzw. die PKK ver­las­sen und fürch­te­ten Ver­fol­gun­gen sowohl durch die tür­ki­schen Behör­den als auch sei­tens ihrer jewei­li­gen Orga­ni­sa­ti­on. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge wies den Asyl­an­trag von B. als unbe­grün­det zurück und stell­te fest, dass in sei­nem Fall die Vor­aus­set­zun­gen für die Flücht­lings­an­er­ken­nung nicht vor­lä­gen. Im Fall von D. wur­de die Asyl- und Flücht­lings­an­er­ken­nung durch das Bun­des­amt wider­ru­fen. In den bei­dem des­we­gen vor ihm anhän­gi­gen Rechts­strei­ten ersuch­te daher das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt den Euro­päi­schen Gerichts­hof im Wege der Vor­ab­ent­schei­dung um eine Aus­le­gung der Bestim­mun­gen der Richt­li­nie über den Aus­schluss von der Aner­ken­nung als Flücht­ling.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on prüft zunächst die Fra­ge, ob dann, wenn die betref­fen­de Per­son einer in der genann­ten Lis­te auf­ge­führ­ten Orga­ni­sa­ti­on ange­hört hat und deren bewaff­ne­ten Kampf, gege­be­nen­falls in her­vor­ge­ho­be­ner Posi­ti­on, aktiv unter­stützt hat, eine „schwe­re nicht­po­li­ti­sche Straf­tat“ oder „Hand­lun­gen, die den Zie­len und Grund­sät­zen der Ver­ein­ten Natio­nen zuwi­der­lau­fen“, vor­lie­gen. Hin­sicht­lich die­ser Fra­ge stellt der Gerichts­hof klar, dass der Aus­schluss einer Per­son, die einer sich ter­ro­ris­ti­scher Metho­den bedie­nen­den Orga­ni­sa­ti­on ange­hört hat, von der Aner­ken­nung als Flücht­ling eine indi­vi­du­el­le Prü­fung der genau­en tat­säch­li­chen Umstän­de vor­aus­setzt, um beur­tei­len zu kön­nen, ob schwer­wie­gen­de Grün­de zu der Annah­me berech­ti­gen, dass die­se Per­son im Rah­men ihrer Hand­lun­gen inner­halb die­ser Orga­ni­sa­ti­on eine schwe­re nicht­po­li­ti­sche Straf­tat began­gen hat oder sich Hand­lun­gen, die den Zie­len und Grund­sät­zen der Ver­ein­ten Natio­nen zuwi­der­lau­fen, zuschul­den kom­men ließ oder ob sie ande­re zu sol­chen Straf­ta­ten oder Hand­lun­gen ange­stif­tet oder sich in sons­ti­ger Wei­se dar­an betei­ligt hat.

Dar­aus folgt ers­tens, dass allein der Umstand, dass die betref­fen­de Per­son einer sol­chen Orga­ni­sa­ti­on ange­hört hat, nicht auto­ma­tisch zur Fol­ge haben kann, dass sie von der Aner­ken­nung als Flücht­ling aus­zu­schlie­ßen ist. Denn die Auf­nah­me einer Orga­ni­sa­ti­on in die genann­te Lis­te erlaubt zwar die Fest­stel­lung, dass die Ver­ei­ni­gung, der die betref­fen­de Per­son ange­hört hat, ter­ro­ris­ti­scher Art ist, jedoch sind die Umstän­de, unter denen die­se Auf­nah­me erfolgt ist, nicht mit einer indi­vi­du­el­len Wür­di­gung der genau­en tat­säch­li­chen Umstän­de ver­gleich­bar, die jeder Ent­schei­dung, eine Per­son von der Flücht­lings­an­er­ken­nung aus­zu­schlie­ßen, vor­aus­ge­hen muss. Zwei­tens stellt der Gerichts­hof fest, dass auch die Betei­li­gung an den Hand­lun­gen einer ter­ro­ris­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on allein nicht geeig­net ist, die auto­ma­ti­sche Anwen­dung der in der Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Aus­schluss­klau­seln aus­zu­lö­sen, da die Richt­li­nie eine voll­stän­di­ge Prü­fung sämt­li­cher beson­de­rer Umstän­de jedes Ein­zel­falls vor­aus­setzt.

Für die Fest­stel­lung, dass die Aus­schluss­grün­de vor­lie­gen, muss nach dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on die zustän­di­ge staat­li­che Stel­le der betref­fen­den Per­son einen Teil der indi­vi­du­el­len Ver­ant­wor­tung für Hand­lun­gen zurech­nen kön­nen, die von der frag­li­chen Orga­ni­sa­ti­on im Zeit­raum der Mit­glied­schaft der Per­son in die­ser Orga­ni­sa­ti­on began­gen wur­den. Hier­für hat die zustän­di­ge Stel­le ins­be­son­de­re die Rol­le zu prü­fen, die die betref­fen­de Per­son bei der Ver­wirk­li­chung ter­ro­ris­ti­scher Hand­lun­gen tat­säch­lich gespielt hat, ihre Posi­ti­on inner­halb die­ser Orga­ni­sa­ti­on, den Grad der Kennt­nis, die sie von deren Hand­lun­gen hat­te oder haben muss­te, die etwai­gen Pres­sio­nen, denen sie aus­ge­setzt gewe­sen wäre, oder ande­re Fak­to­ren, die geeig­net waren, ihr Ver­hal­ten zu beein­flus­sen. Eine staat­li­che Stel­le, die bei die­ser Prü­fung fest­stellt, dass die betref­fen­de Per­son, wie D, eine her­vor­ge­ho­be­ne Posi­ti­on in einer sich ter­ro­ris­ti­scher Metho­den bedie­nen­den Orga­ni­sa­ti­on inne­hat­te, kann ver­mu­ten, dass die­se Per­son eine indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung für von die­ser Orga­ni­sa­ti­on im rele­van­ten Zeit­raum began­ge­ne Hand­lun­gen trägt, jedoch bleibt nichts­des­to­we­ni­ger die Prü­fung sämt­li­cher erheb­li­cher Umstän­de erfor­der­lich, bevor die Ent­schei­dung erlas­sen wer­den kann, die betref­fen­de Per­son von der Aner­ken­nung als Flücht­ling aus­zu­schlie­ßen.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof stellt des Wei­te­ren fest, dass der Aus­schluss von der Aner­ken­nung als Flücht­ling nach einer der frag­li­chen Aus­schluss­re­ge­lun­gen nicht vor­aus­setzt, dass von der betref­fen­den Per­son eine gegen­wär­ti­ge Gefahr für den Auf­nah­me­mit­glied­staat aus­geht. Mit die­sen Aus­schluss­re­ge­lun­gen sol­len allein in der Ver­gan­gen­heit began­ge­ne Hand­lun­gen geahn­det wer­den. In der Sys­te­ma­tik der Richt­li­nie erlau­ben ande­re Vor­schrif­ten den zustän­di­gen Behör­den den Erlass der not­wen­di­gen Maß­nah­men, wenn von einer Per­son eine gegen­wär­ti­ge Gefahr aus­geht.

Schließ­lich legt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Richt­li­nie dahin aus, dass die Mit­glied­staa­ten nach ihrem natio­na­len Recht einer Per­son, die gemäß einer der Aus­schluss­re­ge­lun­gen der Richt­li­nie von der Aner­ken­nung als Flücht­ling aus­ge­schlos­sen ist, ein Asyl­recht zuer­ken­nen kön­nen, soweit die­se ande­re Form des Schut­zes nicht die Gefahr der Ver­wechs­lung mit der Rechts­stel­lung des Flücht­lings im Sin­ne der Richt­li­nie birgt.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 9. Novem­ber 2010 – C‑57/​09 und C‑101/​09

  1. Richt­li­nie 2004/​83/​EG des Rates vom 29.04.2004 über Min­dest­nor­men für die Aner­ken­nung und den Sta­tus von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen oder Staa­ten­lo­sen als Flücht­lin­ge oder als Per­so­nen, die ander­wei­tig inter­na­tio­na­len Schutz benö­ti­gen, und über den Inhalt des zu gewäh­ren­den Schut­zes, ABl. L 304, S. 12, berich­tigt in ABl. 2005, L 204, S. 24.[]