Stra­ßen­bau­bei­trä­ge – und der gebiets­be­zo­ge­ne Art­zu­schlag

Die Beschrän­kung des gebiets­be­zo­ge­nen Art­zu­schla­ges in einer Stra­ßen­aus­bau­bei­trag­sat­zung auf Grund­stü­cke in (fest­ge­setz­ten oder fak­ti­schen) Gewer­be­ge­bie­ten nach § 8 BauN­VO, Indus­trie­ge­bie­ten nach § 9 BauN­VO, Kern­ge­bie­ten nach § 7 BauN­VO oder in sons­ti­gen Son­der­ge­bie­ten nach § 11 BauN­VO ist eben­so zuläs­sig, wie der Ansatz eines gegen­über dem nut­zungs­be­zo­ge­nen Art­zu­schlag erhöh­ten Ver­viel­fäl­ti­gers.

Stra­ßen­bau­bei­trä­ge – und der gebiets­be­zo­ge­ne Art­zu­schlag

Eine Maß­stabs­re­ge­lung, die die Ent­ste­hung des nut­zungs­be­zo­ge­nen Art­zu­schlags an das Vor­lie­gen einer über­wie­gen­den gewerb­li­chen oder gewer­be­ähn­li­chen Nut­zung und zusätz­lich an die Bele­gen­heit des Grund­stücks in einem (fest­ge­setz­ten oder fak­ti­schen) Wohn­ge­biet nach den §§ 3, 4, 4a BauN­VO, Dorf­ge­biet nach § 5 BauN­VO, Misch­ge­biet nach § 6 BauN­VO oder ohne ent­spre­chen­de Gebiets­fest­set­zung im Gel­tungs­be­reich eines Bebau­ungs­plans knüpft, ver­stößt gegen das Vor­teils­prin­zip (§ 7 Abs. 1 Satz 2 KAG M V) und den all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz (Art. 3 GG), weil sie über­wie­gend gewerb­lich oder gewer­be­ähn­lich genutz­te Grund­stü­cke im unbe­plan­ten Innen­be­reich i.S.d. § 34 Abs. 1 Bau­GB ohne sach­li­chen Grund vom Art­zu­schlag frei­stellt. Der Feh­ler ist nach dem Grund­satz der regio­na­len Teil­bar­keit unbe­acht­lich, wenn es im Abrech­nungs­ge­biet der aus­ge­bau­ten Ver­kehrs­an­la­ge kei­ne Grund­stü­cke gibt, für die der nut­zungs­be­zo­ge­ne Art­zu­schlag zu berück­sich­ti­gen ist.

Es ist im Stra­ßen­bau­bei­trags­recht all­ge­mein aner­kannt, dass eine feh­ler­haf­te Ver­tei­lungs­re­ge­lung der Bei­trags­sat­zung nur dann zur Rechts­wid­rig­keit des Her­an­zie­hungs­be­schei­des führt, wenn sie im Abrech­nungs­ge­biet auch tat­säch­lich zur Anwen­dung kom­men muss (Grund­satz der regio­na­len Teil­bar­keit [1]).

Nach der im Rah­men der KAG-Novel­le 2005 in das Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­setz ein­ge­füg­ten Bestim­mung des § 7 Abs. 2 Satz 4 KAG M‑V ist aller­dings der Gebäu­de­ei­gen­tü­mer anstel­le des Grund­stücks­ei­gen­tü­mers bei­trags­pflich­tig. Die für unzu­läs­sig gewor­de­ne Alt­re­ge­lun­gen gel­ten­de Anpas­sungs­frist des § 22 Abs. 2 Satz 2 KAG M‑V ist lan­ge abge­lau­fen. Auch die­ser Feh­ler führt nach dem Grund­satz der regio­na­len Teil­bar­keit nicht zur Gesamt­nich­tig­keit der Sat­zung. Denn er ist nicht auf (feh­ler­haf­te) Ver­tei­lungs­re­ge­lun­gen beschränkt, son­dern auch auf Ent­ste­hens­re­geln bzw. sons­ti­ge Rege­lun­gen der Stra­ßen­bau­bei­trags­sat­zung anwend­bar, wenn dies denklo­gisch mög­lich und sinn­voll ist, d.h. wenn die Rege­lung auch ohne den unwirk­sa­men Teil noch Bestand hat und der unwirk­sa­me Teil im Abrech­nungs­ge­biet tat­säch­lich kei­ne Anwen­dung fin­det [2]

Wei­ter ist die sat­zungs­mä­ßi­ge Bestim­mung der Bei­trags­pflicht „ding­lich Berech­tig­ter“ unzu­läs­sig, weil nach § 7 Abs. 2 KAG M‑V nur Eigen­tü­mer, Erb­bau­be­rech­tig­te oder die Inha­ber ding­li­cher Nut­zungs­rech­te i.S.d. Art. 233 § 4 EGBGB – die Gebäu­de­ei­gen­tü­mer – bei­trags­pflich­tig sein kön­nen. Erb­bau­be­rech­tig­te oder die Inha­ber ding­li­cher Nut­zungs­rech­te i.S.d. Art. 233 Abs. 4 EGBGB sind mit dem Merk­mal „ding­lich Berech­tig­ter“ in der hier beur­teil­ten Sat­zung aber offen­sicht­lich nicht gemeint, denn sie wer­den in spe­zi­el­le­ren Vor­schrif­ten der Sat­zung aus­drück­lich genannt. Die­ser Feh­ler führt aber eben­falls nicht zur Gesamt­nich­tig­keit der Stra­ßen­bau­bei­trags­sat­zung. Viel­mehr liegt nach der Recht­spre­chung des OVG Meck­len­burg-Vor­pom­mern ledig­lich ein Fall der Teil­nich­tig­keit vor [3].

Feh­ler­haft ist im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall schließ­lich die Rege­lung über den gewerb­li­chen Art­zu­schlag. Der Art­zu­schlag resul­tiert aus dem dem Vor­teils­prin­zip inne­woh­nen­den Dif­fe­ren­zie­rungs­ge­bot. Er trägt den Ver­schie­den­hei­ten in der Art der bau­li­chen oder sonst bei­trags­er­heb­li­chen Nut­zung Rech­nung. Gewerb­li­che und dem Gewer­be ver­gleich­ba­re Nut­zun­gen schöp­fen regel­mä­ßig auf­grund des durch sie typi­scher­wei­se ver­ur­sach­ten ver­stärk­ten Ziel- und Quell­ver­kehrs aus einer Stra­ße einen grö­ße­ren Vor­teil als eine Wohn­nut­zung. § 7 Abs. 1 Satz 3 KAG M‑V schreibt zwar nicht vor, in wel­cher Wei­se die unter­schied­li­che Nut­zungs­art im Ver­gleich zum Nut­zungs­maß bei­trags­recht­lich zu bewer­ten ist. Es ist des­halb davon aus­zu­ge­hen, dass die Vor­schrift dem Orts­ge­setz­ge­ber für die Berück­sich­ti­gung der Nut­zungs­art im Ver­tei­lungs­maß­stab ein weit­ge­hen­des (Bewer­tungs-) Ermes­sen ein­räumt. Die Aus­übung die­ses Ermes­sens ist jedoch durch das Vor­teils­prin­zip ein­ge­schränkt [4].

Mit Blick auf das Vor­teils­prin­zip ist es zwar nicht zu bean­stan­den, wenn in der Stra­ßen­bau­bei­trags­sat­zung sowohl ein nut­zungs­be­zo­ge­ner als auch ein gebiets­be­zo­ge­ner Art­zu­schlag nor­miert ist. Eben­falls unbe­denk­lich ist, dass der gebiets­be­zo­ge­ne Art­zu­schlag höher ist als der nut­zungs­be­zo­ge­ne. Dies beruht auf der Annah­me, dass Grund­stü­cken in den in der Stra­ßen­bau­bei­trags­sat­zung genann­ten Gebiets­ty­pen der Bau­nut­zungs­ver­ord­nung (Gewer­be­ge­biet – § 8 BauN­VO, Indus­trie­ge­biet – § 9 BauN­VO, Kern­ge­biet – § 7 BauN­VO und sons­ti­ges Son­der­ge­biet – § 11 BauN­VO) durch eine bei­trags­fä­hi­ge Stra­ßen­bau­maß­nah­me ein grö­ße­rer Vor­teil ver­mit­telt wird, als Grund­stü­cken, die – außer­halb der genann­ten Gebiets­ty­pen gele­gen – ledig­lich über­wie­gend gewerb­lich oder in einer der gewerb­li­chen Nut­zung ähn­li­chen Wei­se genutzt wer­den.

Feh­ler­haft und weder mit dem Vor­teils­prin­zip des § 7 Abs. 1 Satz 2 KAG M‑V noch dem all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz des Art. 3 GG zu ver­ein­ba­ren ist es jedoch, dass § 5 Abs. 5 Buchst. a SBS die Ent­ste­hung des nut­zungs­be­zo­ge­nen Art­zu­schlags davon abhän­gig macht, dass die über­wie­gend gewerb­lich oder gewer­be­ähn­lich genutz­ten Grund­stü­cke in einem der in der Vor­schrift genann­ten fest­ge­setz­ten oder fak­ti­schen Gebiets­ty­pen der Bau­nut­zungs­ver­ord­nung lie­gen. Dies schließt die Anwend­bar­keit der Vor­schrift auf über­wie­gend gewerb­lich oder gewer­be­ähn­lich genutz­te Grund­stü­cke im unbe­plan­ten Innen­be­reich i.S.d. § 34 Abs. 1 Bau­GB aus. Ein sach­li­cher Grund für die­se Dif­fe­ren­zie­rung ist nicht erkenn­bar. Es kann auch nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass sich die Zuläs­sig­keit der Art der bau­li­chen Nut­zung im unbe­plan­ten Innen­be­reich im Regel­fall oder auch nur über­wie­gend nach § 34 Abs. 2 Bau­GB rich­tet, mit der Fol­ge, dass es für die Fäl­le des § 34 Abs. 1 Bau­GB kei­ner Rege­lung bedarf. Denn die Anwen­dung des § 34 Abs. 2 Bau­GB darf nicht dazu füh­ren, dass eine vor­han­de­ne Bebau­ung in Ziel­rich­tung auf eine schar­fe Tren­nung von Gebiets­cha­rak­ter und zuläs­si­ger Bebau­ung gera­de­zu gewalt­sam in eine der Alter­na­ti­ven des Gebiets­ka­ta­logs in § 1 Abs. 2 BauN­VO gepresst wird, um dann in einer zwei­ten Stu­fe mehr oder weni­ger sche­ma­tisch die Zuläs­sig­keits­re­geln der §§ 2 ff. BauN­VO anzu­wen­den [5]. Weist die nähe­re Umge­bung z.B. die Merk­ma­le zwei­er Bau­ge­bie­te i.S. der Bau­nut­zungs­ver­ord­nung auf, fin­det § 34 Abs. 2 Bau­GB kei­ne Anwen­dung. Die Zuläs­sig­keit des Vor­ha­bens beur­teilt sich in die­sem Fall aus­schließ­lich nach § 34 Abs. 1 Bau­GB [6].

Einer wei­te­ren Ver­tie­fung bedarf es vor­lie­gend nicht. Denn der dar­ge­stell­te Feh­ler führt nach dem Grund­satz der regio­na­len Teil­bar­keit eben­falls nicht zur Gesamt­nich­tig­keit der Stra­ßen­bau­bei­trags­sat­zung. Denn die ent­spre­chen­de Bestim­mung der Stra­ßen­bei­trags­sat­zung fin­det vor­lie­gend in Anse­hung der Grund­stü­cke der Klä­ge­rin kei­ne Anwen­dung. Anhalts­punk­te dafür, dass die Berück­sich­ti­gung eines nut­zungs­be­zo­ge­nen Art­zu­schla­ges für ande­re Grund­stü­cke im Abrech­nungs­ge­biet not­wen­dig ist, bestehen eben­falls nicht.

Ver­wal­tungs­ge­richt Greifs­wald, Urteil vom 2. April 2015 – 3 A 196/​14

  1. vgl. OVG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Beschluss vom 26.02.2004 – 1 M 242/​03[]
  2. VG Greifs­wald, Urteil vom 15.03.2010 – 3 A 2032/​08[]
  3. OVG MV, Urteil vom 14.09.2010 – 4 K 12/​07[]
  4. VG Greifs­wald, Urteil vom 19.04.2012 – 3 A 356/​10[]
  5. BVerwG, Urteil vom 23.04.1969 – VI C 12/​67, BVerw­GE 32, 31, 37[]
  6. Mitschang/​Reidt in: Battis/​Krautzberger/​Löhr, Bau­GB, 12. Auf­la­ge 2014, § 34 Rn. 60[]