Über­stel­lung nach der Dub­lin-III-Ver­ord­nung – und die ille­ga­le Wie­der­ein­rei­se des Asyl­be­wer­bers

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat in einem Ver­fah­ren, in dem die Zustän­dig­keit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für die Prü­fung eines Asyl­be­geh­rens im Streit steht, ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen zur Aus­le­gung der Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 (Dub­lin III-Ver­ord­nung) an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in Luxem­burg gerich­tet.

Über­stel­lung nach der Dub­lin-III-Ver­ord­nung – und die ille­ga­le Wie­der­ein­rei­se des Asyl­be­wer­bers

Es wird gemäß Art. 267 AEUV eine Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zu fol­gen­den Fra­gen ein­ge­holt:

  1. In einem Fall, in dem der Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge nach Stel­lung eines zwei­ten Asyl­an­trags in einem ande­ren Mit­glied­staat (hier: Deutsch­land) auf­grund gericht­li­cher Ableh­nung sei­nes Antrags auf Aus­set­zung der Über­stel­lungs­ent­schei­dung nach der Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 26. Juni 2013 (Dub­lin III-VO) in den ori­gi­när zustän­di­gen Mit­glied­staat der ers­ten Asyl­an­trag­stel­lung (hier: Ita­li­en) über­stellt wur­de und er danach umge­hend ille­gal in den zwei­ten Mit­glied­staat (hier: Deutsch­land) zurück­ge­kehrt ist:
    1. Ist nach den Grund­sät­zen der Dub­lin III-VO für die gericht­li­che Über­prü­fung einer Über­stel­lungs­ent­schei­dung die Sach­la­ge im Zeit­punkt der Über­stel­lung maß­geb­lich, weil mit der frist­ge­recht erfolg­ten Über­stel­lung die Zustän­dig­keit end­gül­tig bestimmt und daher zustän­dig­keits­re­le­van­te Vor­schrif­ten der Dub­lin III-VO für die wei­te­re Ent­wick­lung nicht mehr anzu­wen­den sind, oder sind nach­träg­li­che Ent­wick­lun­gen der für die Zustän­dig­keit im All­ge­mei­nen erheb­li­chen Umstän­de – z.B. Ablauf von Fris­ten zur Wie­der­auf­nah­me oder (neu­er­li­chen) Über­stel­lung – zu berück­sich­ti­gen?
    2. Sind nach abge­schlos­se­ner Zustän­dig­keits­be­stim­mung auf­grund der Über­stel­lungs­ent­schei­dung wei­te­re Über­stel­lun­gen in den ori­gi­när zustän­di­gen Mit­glied­staat mög­lich und bleibt die­ser Mit­glied­staat zur Auf­nah­me des Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen ver­pflich­tet?
  2. Wenn die Zustän­dig­keit mit der Über­stel­lung nicht end­gül­tig bestimmt ist: Wel­che der nach­ste­hend genann­ten Rege­lun­gen ist in einem sol­chen Fall auf eine Per­son im Sin­ne des Art. 18 Abs. 1 Buch­sta­ben b, c oder d Dub­lin III-VO wegen des noch lau­fen­den Rechts­behelfsverfahrens gegen die bereits voll­zo­ge­ne Über­stel­lungs­ent­schei­dung anzu­wen­den:
    1. Art. 23 Dub­lin III-VO (ana­log) mit der Fol­ge, dass bei einem nicht frist­ge­rech­ten erneu­ten Wie­der­auf­nah­me­ge­such ein Zustän­dig­keits­über­gang nach Art. 23 Abs. 2 und 3 Dub­lin III-VO ein­tre­ten kann, oder
    2. Art. 24 der Dub­lin III-VO (ana­log) oder
    3. kei­ne der unter a) und b) genann­ten Rege­lun­gen?
  3. Für den Fall, dass auf eine sol­che Per­son weder Art. 23 noch Art. 24 Dub­lin III-VO (ana­log) anwend­bar sind (Fra­ge 2 Buch­sta­be c): Sind auf­grund der ange­foch­te­nen Über­stel­lungs­ent­schei­dung bis zum Abschluss des dage­gen gerich­te­ten Rechts­be­helfs­ver­fah­rens wei­te­re Über­stel­lun­gen in den ori­gi­när zustän­di­gen Mit­glied­staat (hier: Ita­li­en) mög­lich und bleibt die­ser Mit­glied­staat zur Auf­nah­me des Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen ver­pflich­tet – unab­hän­gig von der Stel­lung wei­te­rer Wie­der­auf­nah­me­ge­su­che ohne Beach­tung der Fris­ten des Art. 23 Abs. 3 oder Art. 24 Abs. 2 Dub­lin III-VO und unab­hän­gig von Über­stel­lungs­fris­ten gemäß Art. 29 Abs. 1 und 2 Dub­lin III-VO?
  4. Für den Fall, dass auf eine sol­che Per­son Art. 23 Dub­lin III-VO (ana­log) anzu­wen­den ist (Fra­ge 2 Buch­sta­be a): Ist das erneu­te Wie­der­auf­nah­me­ge­such an eine neue Frist nach Art. 23 Abs. 2 Dub­lin III-VO (ana­log) gebun­den? Wenn ja: Wird die­se neue Frist durch die Kennt­nis der zustän­di­gen Behör­de von der Wie­der­ein­rei­se in Lauf gesetzt oder ist für den Frist­an­lauf ein ande­res Ereig­nis maß­ge­bend?
  5. Für den Fall, dass auf eine sol­che Per­son Art. 24 Dub­lin III-VO (ana­log) anzu­wen­den ist (Fra­ge 2 Buch­sta­be b):
    1. Ist das erneu­te Wie­der­auf­nah­me­ge­such an eine neue Frist nach Art. 24 Abs. 2 Dub­lin III-VO (ana­log) gebun­den? Wenn ja: Wird die­se neue Frist durch die Kennt­nis der zustän­di­gen Behör­de von der Wie­der­ein­rei­se in Lauf gesetzt oder ist für den Frist­an­lauf ein ande­res Ereig­nis maß­ge­bend?
    2. Wenn der ande­re Mit­glied­staat (hier: Deutsch­land) eine nach Art. 24 Abs. 2 Dub­lin III-VO (ana­log) zu beach­ten­de Frist ver­strei­chen lässt: Begrün­det die Stel­lung eines neu­en Asyl­an­trags gemäß Art. 24 Abs. 3 Dub­lin III-VO unmit­tel­bar die Zustän­dig­keit des ande­ren Mit­glied­staa­tes (hier: Deutsch­land) oder kann die­ser trotz des neu­en Asyl­an­trags erneut den ori­gi­när zustän­di­gen Mit­glied­staat (hier: Ita­li­en) ohne Bin­dung an eine Frist um Wie­der­auf­nah­me ersu­chen oder den Aus­län­der ohne Wie­der­auf­nah­me­ge­such in die­sen Mit­glied­staat über­stel­len?
    3. Wenn der ande­re Mit­glied­staat (hier: Deutsch­land) eine nach Art. 24 Abs. 2 Dub­lin III-VO (ana­log) zu beach­ten­de Frist ver­strei­chen lässt: Ist dann die Rechts­hän­gig­keit eines im ande­ren Mit­glied­staat (hier: Deutsch­land) vor der Über­stel­lung gestell­ten Asyl­an­trags der Stel­lung eines neu­en Asyl­an­trags gemäß Art. 24 Abs. 3 Dub­lin III-VO gleich­zu­stel­len?
    4. Wenn der ande­re Mit­glied­staat (hier: Deutsch­land) eine nach Art. 24 Abs. 2 Dub­lin III-VO (ana­log) zu beach­ten­de Frist ver­strei­chen lässt und der Aus­län­der weder einen neu­en Asyl­an­trag stellt noch die Rechts­hän­gig­keit eines im ande­ren Mit­glied­staat (hier: Deutsch­land) vor der Über­stel­lung gestell­ten Asyl­an­trags der Stel­lung eines neu­en Asyl­an­trags gemäß Art. 24 Abs. 3 Dub­lin III-VO gleich­zu­stel­len ist: Kann der ande­re Mit­glied­staat (hier: Deutsch­land) erneut den ori­gi­när zustän­di­gen Mit­glied­staat (hier: Ita­li­en) ohne Bin­dung an eine Frist um Wie­der­auf­nah­me ersu­chen oder den Aus­län­der ohne Wie­der­auf­nah­me­ge­such in die­sen Mit­glied­staat über­stel­len?

Die­sem Vor­ab­ent­schei­dun­ger­su­chen liegt der Fall eines syri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen zugrun­de, der Anfang Sep­tem­ber 2014 in Ita­li­en einen Asyl­an­trag gestellt hat­te. Mit­te Sep­tem­ber 2014 wur­de er in Deutsch­land auf­ge­grif­fen, wo er einen wei­te­ren Asyl­an­trag stell­te. Nach einer Tref­fer­mel­dung im Euro­dac-Sys­tem ersuch­te das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) am 11. Novem­ber 2014 die ita­lie­ni­schen Behör­den um die Wie­der­auf­nah­me des Asy­be­wer­bers. Mit Bescheid vom 30. Janu­ar 2015 lehn­te es den Asyl­an­trag des Asy­be­wer­bers wegen der Zustän­dig­keit Ita­li­ens als unzu­läs­sig ab und ord­ne­te die Abschie­bung des Asy­be­wer­bers nach Ita­li­en an. Sei­nen Antrag auf Anord­nung der auf­schie­ben­den Wir­kung lehn­te das Ver­wal­tungs­ge­richt ab und wies in der Fol­ge auch die Kla­ge ab 1 ab. Dar­auf­hin wur­de der Asy­be­wer­ber am 3. August 2015 nach Ita­li­en abge­scho­ben, kehr­te aber Mit­te August 2015 wie­der ille­gal in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zurück.

Die Beru­fung des Asy­be­wer­bers hat­te vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz Erfolg 2. Nach des­sen Auf­fas­sung war Ita­li­en ori­gi­när für die Prü­fung des Asyl­be­geh­rens zustän­dig. Die Zustän­dig­keit sei aber mitt­ler­wei­le auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­ge­gan­gen, da die Über­stel­lung des Asy­be­wer­bers nicht inner­halb der Sechs-Monats­frist des Art. 29 Abs. 2 Dub­lin III-VO erfolgt sei. Die­se Frist sei mit der (fin­gier­ten) Annah­me des Wie­der­auf­nah­me­ge­suchs durch die ita­lie­ni­schen Behör­den am 26. Novem­ber 2014 ange­lau­fen. Denn bei dem erfolg­los geblie­be­nen Antrag des Asy­be­wer­bers auf Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes han­de­le es sich nicht um einen mit auf­schie­ben­der Wir­kung ver­se­he­nen Rechts­be­helf i.S.d. Art. 29 Abs. 1 Dub­lin III-VO. Hier­ge­gen rich­tet sich die Revi­si­on des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist der Rechts­auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Rhein­land-Pfalz zur Frist­be­rech­nung nicht gefolgt, weil mit der ableh­nen­den Ent­schei­dung im Ver­fah­ren des vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes die Über­stel­lungs­frist neu in Lauf gesetzt wor­den ist. Damit stel­len sich uni­ons­recht­li­che Zwei­fels­fra­gen zu den Fol­gen der ille­ga­len Rück­kehr des Asy­be­wer­bers nach Deutsch­land. Daher hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on beschlos­sen und bis zur Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs das Ver­fah­ren aus­ge­setzt.

So ist ins­be­son­de­re zu klä­ren, ob sich die gericht­li­che Über­prü­fung sowohl der Ableh­nung des Asyl­an­trags als unzu­läs­sig als auch der Abschie­bungs­an­ord­nung aus­nahms­wei­se nach den Ver­hält­nis­sen im Zeit­punkt der frist­ge­recht erfolg­ten Über­stel­lung rich­tet, wenn mit die­ser die Zustän­dig­keits­be­stim­mung nach der Dub­lin III-VO abge­schlos­sen ist. Soll­ten jedoch auch danach ein­tre­ten­de Umstän­de als zustän­dig­keits­re­le­vant zu berück­sich­ti­gen sein, ist wei­ter zu klä­ren, nach wel­chen Bestim­mun­gen der Dub­lin III-VO sich dann die gericht­li­che Prü­fung einer voll­zo­ge­nen Über­stel­lungs­ent­schei­dung beur­teilt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschlss vom 27. April 2016 – 1 C 22.15

  1. VG Trier, Urteil vom 30.06.2015 – 1 K 473/​15.TR[]
  2. OVG Rhein­land-Pfalz, urteil vom 03.11.2015 – 1 A 10805/​15[]