Ver­wal­tungs­in­ter­ne Kon­trol­le der Bewer­tung von Prü­fungs­leis­tun­gen

Der Prüf­ling hat bei be­rufs­be­zo­ge­nen Prü­fun­gen kei­nen An­spruch auf ge­richt­li­chen Rechts­schutz gegen das Er­geb­nis eines durch­ge­führ­ten ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­rens zur Über­den­kung der Be­wer­tun­gen sei­ner Prü­fungs­leis­tun­gen durch den Prü­fer.

Ver­wal­tungs­in­ter­ne Kon­trol­le der Bewer­tung von Prü­fungs­leis­tun­gen

Die­se Fra­ge stell­te sich dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in einem Kla­ge­ver­fah­ren eines (durch­ge­fal­le­nen) baye­ri­schen Staats­ex­amens­kan­di­da­ten. Der Klä­ger macht rechts­grund­sätz­li­chen Klä­rungs­be­darf hin­sicht­lich der Fra­ge gel­tend, ob „Feh­ler in einem Nach­prü­fungs­ver­fah­ren nach § 14 bay­JA­PO gericht­lich gel­tend gemacht wer­den kön­nen“. Die Fra­ge stellt sich vor dem Hin­ter­grund der im Frei­staat Bay­ern auf­grund von § 14 Bay JAPO gel­ten­den Beson­der­heit, wonach der – bei berufs­be­zo­ge­nen Prü­fun­gen in Art. 12 Abs. 1 GG ver­an­ker­te – Anspruch des Prüf­lings auf Über­den­ken der Bewer­tun­gen sei­ner Prü­fungs­leis­tun­gen im Rah­men eines ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­rens 1 dort nicht ein­ge­bet­tet in ein Wider­spruchs­ver­fah­ren gemäß §§ 68 ff. VwGO, son­dern im Rah­men eines iso­lier­ten, eigen­stän­dig aus­ge­stal­te­ten Ver­fah­rens erfüllt wird.

Im vor­lie­gen­den Fall hat der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ange­nom­men, dass der Klä­ger sei­ne in einem sol­chen Ver­fah­ren gel­tend gemach­ten Ein­wen­dun­gen gegen die Bewer­tung sei­ner Prü­fungs­leis­tun­gen in der Ers­ten Juris­ti­schen Staats­prü­fung des­halb nicht mehr gericht­lich über­prü­fen las­sen kön­ne, weil – was hier unstrei­tig ist – der Prü­fungs­be­scheid man­gels einer gegen ihn erho­be­nen Kla­ge bestands­kräf­tig gewor­den ist 2. Dem­ge­gen­über steht der Klä­ger auf dem Stand­punkt, dass gegen in die­sem Ver­fah­ren nicht beho­be­ne oder dort erst­mals auf­ge­tre­te­ne Kor­rek­tur­feh­ler im Rah­men einer anschlie­ßen­den Beschei­dungs­kla­ge gemäß § 113 Abs. 5 Satz 2 VwGO gericht­lich vor­ge­gan­gen wer­den kön­ne. Er ist der Auf­fas­sung, der Erst­gut­ach­ter sei­ner Klau­sur Nr. 6 sei auf sei­ne in die­sem Ver­fah­ren vor­ge­tra­ge­nen Ein­wän­de nicht oder nur mit unzu­tref­fen­den Argu­men­ten ein­ge­gan­gen.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt folg­te sei­ner Argu­men­ta­ti­on nicht:

Der bei berufs­be­zo­ge­nen Prü­fun­gen bestehen­de Anspruch des Prüf­lings auf ein Über­den­ken der Bewer­tun­gen sei­ner Prü­fungs­leis­tun­gen durch den Prü­fer im Rah­men eines ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­rens besteht zusätz­lich zu sei­nem Anspruch auf gericht­li­chen Rechts­schutz aus Art.19 Abs. 4 GG. Da die gericht­li­che Kon­trol­le der Prü­fungs­ent­schei­dung hin­sicht­lich prü­fungs­spe­zi­fi­scher Wer­tun­gen, bei denen dem Prü­fer ein Ent­schei­dungs­spiel­raum ver­bleibt, nur ein­ge­schränkt erfol­gen kann, erfüllt das ver­wal­tungs­in­ter­ne Kon­troll­ver­fah­ren eine Kom­ple­men­tär­funk­ti­on für die Durch­set­zung des Grund­rechts der Berufs­frei­heit 3.

Die Aus­ge­stal­tung des ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­rens obliegt dem Gesetz- bzw. Ver­ord­nungs­ge­ber 4. Aus Art. 12 Abs. 1 GG folgt für ihn nicht die zwin­gen­de Vor­ga­be, es dem gericht­li­chen Ver­fah­ren vor­zu­schal­ten. Bei Erhe­bung sub­stan­zi­ier­ter Ein­wen­dun­gen gegen Prü­fungs­be­wer­tun­gen im Rah­men eines gericht­li­chen Ver­fah­rens ist die­ses regel­mä­ßig auf Antrag des Prüf­lings gemäß § 94 VwGO aus­zu­set­zen, sofern eine ver­wal­tungs­in­ter­ne Kon­trol­le zu ihnen noch nicht statt­ge­fun­den hat 5. Die in dem baye­ri­schen Prü­fungs­recht ange­leg­te zeit­lich par­al­le­le Anord­nung von ver­wal­tungs­in­ter­nem Kon­troll­ver­fah­ren und gericht­li­chem Ver­fah­ren (vgl. § 14 Abs. 5 Bay JAPO) stößt daher nicht auf bun­des­recht­li­che Hin­der­nis­se.

Bei einer recht­li­chen Gestal­tung wie der­je­ni­gen des baye­ri­schen Prü­fungs­rechts tritt, sofern der Prüf­ling sich auf die Ein­lei­tung des ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­rens beschränkt und die Kla­ge­frist des § 74 Abs. 1 Satz 2, Abs. 2 VwGO für ein gericht­li­ches Ver­fah­ren unge­nutzt ver­strei­chen lässt, anders als bei einer von vor­ne­her­ein kon­se­ku­ti­ven Anord­nung bei­der Ver­fah­ren durch den Gesetz- bzw. Ver­ord­nungs­ge­ber die Mög­lich­keit auf, dass im ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­ren nicht beho­be­ne oder erst­ma­lig began­ge­ne Kor­rek­tur­feh­ler nicht im Rah­men einer gericht­li­chen Über­prü­fung des Prü­fungs­be­scheids aus­ge­gli­chen wer­den kön­nen. Dies gebie­tet indes nicht, gericht­li­chen Rechts­schutz gegen das Ergeb­nis des ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­rens zu eröff­nen.

Das grund­recht­lich durch Art. 12 Abs. 1 GG gefor­der­te Über­den­ken der Prü­fungs­be­wer­tun­gen im Rah­men eines ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­rens bil­det der Sache nach eine Ver­fah­rens­ge­währ­leis­tung. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat es dem­entspre­chend aus der ver­fah­rens­recht­li­chen Dimen­si­on des Grund­rechts­schut­zes abge­lei­tet 6. Eben­so wie der grund­recht­lich durch Art.19 Abs. 4 GG gewähr­leis­te­te Anspruch des Prüf­lings auf gericht­li­che Kon­trol­le der Prü­fungs­be­wer­tung dient es der effek­ti­ven Durch­set­zung sei­nes mate­ri­ell­recht­li­chen, auf Art. 12 Abs. 1 Satz 1 GG gestütz­ten Anspruchs auf eine recht­mä­ßi­ge Prü­fungs­be­wer­tung. Als ver­fah­rens­recht­li­ches Instru­ment der Feh­ler­kon­trol­le kommt ihm eine unter­stüt­zen­de Funk­ti­on im Rah­men des grund­recht­li­chen Schutz­sys­tems zu. Die vom Klä­ger ver­tre­te­ne Ansicht, wonach die­se Feh­ler­kon­trol­le ihrer­seits einer gericht­li­chen Über­prü­fung auf ihre 7 Feh­ler­frei­heit zugäng­lich sein müss­te, ver­kennt die­se Funk­ti­on und über­höht das „Über­den­ken“ zu einem ver­selb­stän­dig­ten Rechts­schutz­ziel, das es sei­ner grund­rechts­dog­ma­ti­schen Kon­zep­ti­on nach gera­de nicht dar­stellt 8. Ist – wie hier – auf Antrag des Prüf­lings ein ver­wal­tungs­in­ter­nes Kon­troll­ver­fah­ren abschlie­ßend durch­ge­führt wor­den, ist die zu sei­nen Guns­ten bestehen­de Ver­fah­rens­ge­währ­leis­tung erfüllt, selbst wenn den Prü­fern bei Über­den­ken ihrer Prü­fungs­be­wer­tung Kor­rek­tur­feh­ler unter­lau­fen sein soll­ten 9. Eine Ergeb­nis­rich­tig­keit des Kon­troll­ver­fah­rens garan­tiert die Rechts­ord­nung dem Prüf­ling so wenig wie in Bezug auf gericht­li­che Kon­troll­ver­fah­ren.

Der Prüf­ling hat es in der Hand, um gericht­li­chen Rechts­schutz gegen die feh­ler­haf­te Bewer­tung sei­ner Prü­fungs­leis­tung nach­zu­su­chen, indem er gegen den Prü­fungs­be­scheid Rechts­mit­tel ergreift. Ver­säumt er, dies inner­halb der gesetz­li­chen Kla­ge­frist zu tun, so wird der Prü­fungs­be­scheid bestands­kräf­tig. Die Bestands­kraft des Prü­fungs­be­scheids wür­de offen­kun­dig unter­lau­fen wer­den, wenn der Prüf­ling – im Gewan­de eines Anspruchs auf erneu­te Beschei­dung des Antrags auf Nach­prü­fung gemäß § 14 Bay JAPO – nun­mehr ein Begeh­ren auf gericht­li­che Kon­trol­le gel­tend machen könn­te. Der grund­recht­lich ver­an­ker­te Anspruch des Prüf­lings auf Durch­füh­rung eines ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­rens böte hier­für nach dem Vor­ge­sag­ten kei­ne Recht­fer­ti­gung. Die durch ihn abge­deck­ten Schutz­in­ter­es­sen des Prüf­lings wer­den hier­durch nicht unzu­mut­bar beein­träch­tigt. Dies folgt in Bezug auf sol­che Kor­rek­tur­feh­ler, die sich auf den Bereich nicht­prü­fungs­spe­zi­fi­scher Wer­tun­gen bezie­hen, schon dar­aus, dass inso­weit die kom­pen­sa­to­ri­sche, die prü­fungs­rechts­ty­pi­sche Lücken­haf­tig­keit der gericht­li­chen Kon­trol­le aus­glei­chen­de Funk­ti­on des ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­rens über­haupt nicht zum Tra­gen käme; das ver­wal­tungs­in­ter­ne Kon­troll­ver­fah­ren bie­tet hin­sicht­lich die­ser Feh­ler­ka­te­go­rie kei­ne Über­prü­fungs­mög­lich­kei­ten, die über die – vom Prüf­ling unge­nutz­ten – gericht­li­chen Über­prü­fungs­mög­lich­kei­ten hin­aus­gin­gen. Dort, wo Letz­te­res allein der Fall wäre – also im Bereich prü­fungs­spe­zi­fi­scher Wer­tun­gen , wür­de die gericht­li­che Kon­trol­le indes selbst dann, wenn sie dem ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­ren nach­ge­schal­tet wäre, ins Lee­re zie­len, da die ein­schlä­gi­gen gericht­li­chen Kon­troll­gren­zen auch hier Gel­tung bean­spru­chen müss­ten.

Art.19 Abs. 4 GG gewähr­leis­tet dem Prüf­ling gericht­li­chen Rechts­schutz aller­dings dann, wenn die Prü­fungs­be­hör­de sich wei­gert, über­haupt ein ver­wal­tungs­in­ter­nes Kon­troll­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren 10. Andern­falls lie­fe die aus Art. 12 Abs. 1 GG flie­ßen­de Ver­fah­rens­ge­währ­leis­tung leer. Die Fra­ge, inwie­weit gericht­li­cher Rechts­schutz dar­über hin­aus auch gegen die Miss­ach­tung grund­le­gen­der Anfor­de­run­gen an die Gestal­tung des ver­wal­tungs­in­ter­nen Kon­troll­ver­fah­rens 11 eröff­net sein muss, bedarf hier kei­ner Klä­rung.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 9. August 2012 – 6 B 19.12

  1. BVerwG, Urtei­le vom 09.12.1992 – 6 C 3.92, BVerw­GE 91, 262, 266 = Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen Nr. 307 S. 229 und vom 24.02.1993 – 6 C 35.92, BVerw­GE 92, 132, 136 = Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen Nr. 313 S. 261, seit­dem stRspr des BVerwG; zuvor BVerfG, Beschluss vom 17.04.1991 – 1 BvR 419/​81, 213/​83, BVerfGE 84, 34, 45 ff.
  2. BayVGH, Beschluss vom 08.02.2012 – 7 BV 11.2480
  3. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 24.02.1993 a.a.O. S. 137 bzw. S. 261 f.; und vom 30.06.1994 – 6 C 4.93 – Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen Nr. 334 S. 34
  4. BVerwG, Urtei­le vom 24.02.1993 a.a.O. S. 140 f. bzw. S. 265 f.;; und vom 30.06.1994 a.a.O. S. 35
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 30.06.1994 a.a.O. S. 34 f.
  6. BVerfG, Beschluss vom 17.04.1991 a.a.O.
  7. eige­ne
  8. vgl. bereits BVerwG, Beschluss vom 10.07.1998 – 6 B 63.98
  9. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 30.06.1994 a.a.O. S. 37;; und vom 14.07.1999 – 6 C 20.98 – Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen Nr. 396 S. 23
  10. vgl. BVerwG, Urteil vom 14.07.1999 a.a.O.
  11. hier­zu BVerwG, Urteil vom 24.02.1993 a.a.O. S. 137 f. bzw. S. 262