Ver­wei­ge­rung sub­si­diä­ren Schut­zes – ohne Anhö­rung des Flücht­lings

Eine Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung hin­sicht­lich des sub­si­diä­ren Schut­zes darf nicht ohne die nach § 29 Abs. 2 Satz 1 AsylG erfor­der­li­che per­sön­li­che Anhö­rung des Flücht­lings erge­hen.

Ver­wei­ge­rung sub­si­diä­ren Schut­zes – ohne Anhö­rung des Flücht­lings

Nach § 29 Abs. 2 Satz 1 AsylG hört das Bun­des­amt den Aus­län­der zu den Grün­den nach Absatz 1 Num­mer 1 Buch­sta­be b bis Num­mer 4 per­sön­lich an, bevor es über die Zuläs­sig­keit eines Asyl­an­trags ent­schei­det. Ob die­se mit Wir­kung vom 06.08.2016 durch das Inte­gra­ti­ons­ge­setz ein­ge­füg­te Ver­fah­rens­be­stim­mung auf ein vor ihrem Inkraft­tre­ten abge­schlos­se­nes Ver­wal­tungs­ver­fah­ren in zeit­li­cher Hin­sicht bereits Anwen­dung fin­det, bedarf hier kei­ner Ver­tie­fung. Denn eine den Anfor­de­run­gen die­ser Rege­lung genü­gen­de Anhö­rung hat vor­lie­gend statt­ge­fun­den.

Im hier ent­schie­de­nen Fall ist die Asyl­be­wer­be­rin am 2.11.2010 gemäß § 24 Abs. 1 Satz 3, § 25 AsylVfG in der sei­ner­zeit gel­ten­den Fas­sung zu ihrem Asyl­an­trag und even­tu­el­len Grün­den, die zur Zuer­ken­nung sub­si­diä­ren Schut­zes füh­ren oder die­ser ent­ge­gen­ste­hen könn­ten, umfas­send ange­hört wor­den. Sie wur­de dabei auch zu ihrem Rei­se­weg, der Stel­lung eines Asyl­an­trags und der Zuer­ken­nung von Asyl oder Flücht­lings­ei­gen­schaft befragt sowie zu mög­li­chen Grün­den, die einer Abschie­bung in ihr Hei­mat­land oder einen ande­ren Staat ent­ge­gen­ste­hen könn­ten. Auch wenn nicht aus­drück­lich nach einer Gewäh­rung sub­si­diä­ren Schut­zes gefragt wor­den ist, ist dem Zweck des § 29 Abs. 2 Satz 1 AsylG damit Genü­ge getan. Die Ant­wor­ten der Asyl­be­wer­be­rin zei­gen, dass sie die ihr gestell­ten Fra­gen so weit ver­stan­den hat, dass ihre Stel­lung­nah­me die bei einer Ent­schei­dung nach § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG (mög­li­cher­wei­se) zu berück­sich­ti­gen­den Aspek­te ins­ge­samt abdeckt. So hat sie ange­ge­ben, sie sei im Dezem­ber 2008 in Lam­pe­du­sa nach Ita­li­en gekom­men und nach min­des­tens zehn Tagen nach Sizi­li­en in ein Asyl­la­ger in "Fuchia" (phon.). Sie habe in Ita­li­en einen Asyl­an­trag gestellt. In Sizi­li­en habe sie "einen Brief mit Auf­ent­halt für drei Jah­re bekom­men", danach habe sie das Asyl­la­ger ver­las­sen. Im Sep­tem­ber 2009 sei sie nach Schwe­den wei­ter­ge­reist und drei bis vier Mona­te spä­ter nach Mai­land (Ita­li­en) abge­scho­ben wor­den. Von dort sei sie nach erneu­tem Auf­ent­halt in Schwe­den im Juni 2010 nach Deutsch­land gekom­men. Zu den Ver­hält­nis­sen in Ita­li­en hat sie sich eben­falls geäu­ßert und schlim­me Erleb­nis­se geschil­dert wie eine Ver­ge­wal­ti­gung durch soma­li­sche Lands­leu­te. Nach Ita­li­en wol­le sie auf kei­nen Fall zurück, dann lie­ber in ihre Hei­mat nach Soma­lia zurück, auch wenn sie dort getö­tet wer­de.

Damit hat­te die Asyl­be­wer­be­rin – bezo­gen auf die für die spä­te­re Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung maß­geb­li­chen Umstän­de – hin­rei­chend Gele­gen­heit zur per­sön­li­chen Stel­lung­nah­me. Die Pflicht zur per­sön­li­chen Anhö­rung nach § 29 Abs. 2 Satz 1 AsylG erfor­dert nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts nicht, dass das Bun­des­amt nach Erhalt ent­spre­chen­der Bele­ge oder Indi­zi­en für eine Schutz­ge­wäh­rung in einem ande­ren Mit­glied­staat noch ein­mal aus­drück­lich Gele­gen­heit gibt, zu die­sen und der auf­grund des­sen beab­sich­tig­ten Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung Stel­lung zu neh­men 1. Des­sen unge­ach­tet hat das Bun­des­amt der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten der Asyl­be­wer­be­rin mit Schrei­ben vom 04.05.2012 eine sol­che Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ein­ge­räumt und sie hat mit Schrift­satz vom 21.05.2012 hier­von auch Gebrauch gemacht.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist an die­ser eigen­stän­di­gen Aus­wer­tung des im Ver­wal­tungs­vor­gang befind­li­chen Pro­to­kolls über die Anhö­rung vom 02.11.2010, deren pro­to­kol­lier­ter Ver­lauf von kei­nem Betei­lig­ten bestrit­ten wird, nicht durch eine gegen­tei­li­ge, für das Revi­si­ons­ge­richt nach § 137 Abs. 2 VwGO grund­sätz­lich bin­den­de Tat­sa­chen­fest­stel­lung des Beru­fungs­ge­richts gehin­dert. Die Aus­sa­ge im ange­foch­te­nen Urteil, eine Anhö­rung im Sin­ne von § 29 Abs. 2 Satz 1 AsylG sei nicht erfolgt, ist kei­ne Tat­sa­chen­fest­stel­lung; ihr liegt auch kei­ne abwei­chen­de Tat­sa­chen­fest­stel­lung des Beru­fungs­ge­richts zugrun­de. Viel­mehr beruht sie der Sache nach auf einer abwei­chen­den Bestim­mung der recht­li­chen Anfor­de­run­gen an eine per­sön­li­che Anhö­rung im Sin­ne von § 29 Abs. 2 Satz 1 AsylG. Denn aus­weis­lich des Tat­be­stan­des hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof die am 2.11.2010 durch­ge­führ­te Anhö­rung der Asyl­be­wer­be­rin durch das Bun­des­amt zur Kennt­nis genom­men und nicht etwa über­se­hen. Sei­ne Fest­stel­lung, es feh­le an einer per­sön­li­chen Anhö­rung "zur Fra­ge der Unzu­läs­sig­keit des Asyl­an­trags", grün­det erkenn­bar auf einer Aus­le­gung des § 29 Abs. 2 Satz 1 AsylG, die­ser ver­lan­ge vom Bun­des­amt, dem Antrag­stel­ler nach Ermitt­lung der Vor­aus­set­zun­gen eines Unzu­läs­sig­keits­tat­be­stan­des noch ein­mal geson­dert zu der beab­sich­tig­ten Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung und den zugrun­de lie­gen­den tat­säch­li­chen Annah­men per­sön­lich anzu­hö­ren. Die­se recht­li­che Bewer­tung unter­liegt der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Über­prü­fung und erweist sich wie aus­ge­führt als unzu­tref­fend.

Die im Vor­la­ge­be­schluss des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 27.06.2017 2 auf­ge­wor­fe­ne uni­ons­recht­li­che Zwei­fels­fra­ge zu den Fol­gen einer feh­len­den Anhö­rung des Aus­län­ders zur beab­sich­tig­ten Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung des Bun­des­am­tes stellt sich auf der Grund­la­ge der vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht. Die hier erfolg­te Anhö­rung genügt sowohl den Vor­ga­ben des Art. 12 Abs. 1 i.V.m. Abs. 2 Satz 1 Buchst. b Richt­li­nie 2005/​85/​EG als auch den­je­ni­gen des Art. 14 Abs. 1 i.V.m. Art. 34 Abs. 1 Richt­li­nie 2013/​32/​EU. Die Asyl­be­wer­be­rin hat­te in die­sem Rah­men hin­rei­chen­de Gele­gen­heit, zu den für die spä­te­re Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung maß­geb­li­chen Umstän­den Stel­lung zu neh­men 3.

§ 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG fin­det in zeit­li­cher Hin­sicht in der Fas­sung des am 1.08.2016 in Kraft getre­te­nen Inte­gra­ti­ons­ge­set­zes auf den vor­lie­gend im August 2010 gestell­ten Antrag bereits Anwen­dung.

Nach natio­na­lem Recht ist § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG auch auf vor sei­nem Inkraft­tre­ten gestell­te Anträ­ge anzu­wen­den, über die noch nicht bestands­kräf­tig ent­schie­den ist (§ 77 Abs. 1 AsylG). Der dar­in lie­gen­den "unech­ten Rück­wir­kung" steht Ver­fas­sungs­recht grund­sätz­lich nicht ent­ge­gen. Das Ver­trau­en der Betrof­fe­nen in den Fort­be­stand der frü­he­ren (jeden­falls bis zum Inkraft­tre­ten des § 60 Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG am 1.12 2013 bestehen­den) Rechts­la­ge wiegt nach Auf­fas­sung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts weni­ger schwer als das mit der Neu­re­ge­lung ver­folg­te Ziel, Sekun­där­mi­gra­ti­on nach erfolg­ter Schutz­ge­wäh­rung in Über­ein­stim­mung mit Art. 33 Abs. 2 Buchst. a Richt­li­nie 2013/​32/​EU zu ver­mei­den 4. Dar­an ändert vor­lie­gend nichts, dass das Bun­des­amt nach der Ein­rei­se der Asyl­be­wer­be­rin wegen attes­tier­ter Rei­se­un­fä­hig­keit den Selbst­ein­tritt erklärt, den Antrag im natio­na­len Ver­fah­ren geprüft und auf eine Abschie­bungs­an­dro­hung zunächst ver­zich­tet hat. Der Geset­zes­zweck, uner­wünsch­te Sekun­där­mi­gra­ti­on zu ver­mei­den, kann auch in einem sol­chen Fall noch erreicht wer­den, weil die betrof­fe­nen Per­so­nen in den Mit­glied­staat, der ihnen sub­si­diä­ren Schutz gewährt hat, abge­scho­ben oder zumin­dest ver­an­lasst wer­den kön­nen, frei­wil­lig dort­hin zurück­zu­keh­ren. Das aus einer Rei­se­un­fä­hig­keit fol­gen­de Hin­der­nis ist typi­scher­wei­se vor­über­ge­hen­der Natur.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kann auch nicht abschlie­ßend zu der Ent­schei­dung gelan­gen, dass die Über­gangs­re­ge­lung in Art. 52 Richt­li­nie 2013/​32/​EU einer Anwen­dung des § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG auf den vor­lie­gen­den Fall ent­ge­gen­steht 5. Denn die­se Fra­ge ist der­zeit Gegen­stand meh­re­rer beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on anhän­gi­ger Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 6.

Die­se Fra­gen stel­len sich im vor­lie­gen­den Fall eben­falls. Im Unter­schied zu den Ver­fah­ren, die dem Gerichts­hof bereits vor­ge­legt wor­den sind, begehrt die Asyl­be­wer­be­rin hier zwar nur noch sub­si­diä­ren Schutz. Für die­sen Fall berei­tet die Aus­le­gung der Über­gangs­vor­schrift in Art. 52 Abs. 1 Richt­li­nie 2013/​32/​EU im Ergeb­nis aber die­sel­ben Schwie­rig­kei­ten. Dass die in Art. 52 Abs. 1 Satz 2 Richt­li­nie 2013/​32/​EU erwähn­te Vor­gän­ger-Richt­li­nie 2005/​85/​EU aus­weis­lich ihrer Über­schrift und der Art. 2 Buchst. b und Art. 3 Abs. 1 nur für Ersu­chen um inter­na­tio­na­len Schutz eines Mit­glied­staats im Sin­ne der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on galt, bedeu­tet nicht, dass sich vor­lie­gend die Fra­ge nicht stellt, in wel­chem Ver­hält­nis die Sät­ze 1 und 2 des Art. 52 Abs. 1 Richt­li­nie 2013/​32/​EU zuein­an­der ste­hen. Denn die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat­te ihr Asyl­ver­fah­ren bereits unter Gel­tung der Richt­li­nie 2005/​85/​EG auch hin­sicht­lich des sub­si­diä­ren Schut­zes den Ver­fah­rens­re­ge­lun­gen die­ser Richt­li­nie unter­stellt (vgl. Art. 3 Abs. 3 Richt­li­nie 2005/​85/​EG). Nach deut­schem Asyl­ver­fah­rens­recht war mit jedem Asyl­an­trag, der in § 13 Abs. 2 AsylVfG a.F. als Antrag auf Asyl und Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft defi­niert war, jeden­falls bei nega­ti­ver Ent­schei­dung immer auch fest­zu­stel­len, ob die Vor­aus­set­zun­gen des § 60 Abs. 2 bis 5 oder 7 Auf­en­thG a.F. vor­lie­gen. Dies schloss den sei­ner­zeit nur in § 60 Abs. 2, 3 und 7 Satz 2 Auf­en­thG a.F. gere­gel­ten sub­si­diä­ren Schutz ein. War somit nach Stel­lung eines Asyl­an­trags in dem­sel­ben Ver­fah­ren auch über den sub­si­diä­ren Schutz zu ent­schei­den, ist die Richt­li­nie 2005/​85/​EG nach ihrem Arti­kel 3 Absatz 3 wäh­rend des gesam­ten Ver­fah­rens anzu­wen­den. Auch die nach­träg­li­che Beschrän­kung eines Schutz­be­geh­rens auf den sub­si­diä­ren Schutz – wie sie hier erfolgt ist – änder­te dann nichts dar­an, dass die Vor­ga­ben der Richt­li­nie 2005/​85/​EG zu beach­ten blie­ben.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 21. Novem­ber 2017 – 1 C 40.16

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 02.08.2017 – 1 C 37.16 31[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 27.06.2017 – 1 C 26.16[]
  3. vgl. zu einem ähn­li­chen Fall BVerwG, Beschluss vom 02.08.2017 – 1 C 37.16 31[]
  4. vgl. BVerwG, Beschluss vom 01.06.2017 – 1 C 22.16 13; der Sache nach auch Urteil vom 17.06.2014 – 10 C 7.13, BVerw­GE 150, 29 Rn. 28 ff.[]
  5. vgl. noch BVerwG, Beschluss vom 23.10.2015 – 1 B 41.15, NVwZ 2015, 1779 Rn. 11 f.[]
  6. BVerwG, Beschlüs­se vom 23.03.2017 – 1 C 17.16 – Asyl­ma­ga­zin 2017, 294; und vom 01.06.2017 – 1 C 22.16 []