Vor­aus­set­zun­gen für die För­de­rung von Zuflucht­stät­ten

Um in den Genuß der För­der­pau­scha­le nach Nr.5.2 Satz 1 RL in Höhe von 2.200 € für jeden Bele­gungs­platz zu gelan­gen, muss eine Zuflucht­stät­te für miss­han­del­te Frau­en und ihre Kin­der zugleich die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung der För­der­pau­scha­le nach Nr. 5.2 Satz 3 RL in Höhe von 32.000 EUR für die Bera­tungs­tä­tig­keit und die Kin­der­be­treu­ung erfül­len, mit­hin in der Zuflucht­stät­te die Bera­tung, Unter­brin­gung und Betreu­ung der von häus­li­cher Gewalt betrof­fe­nen Frau­en u n d ihrer Kin­der ange­bo­ten wer­den.

Vor­aus­set­zun­gen für die För­de­rung von Zuflucht­stät­ten

So hat das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall eines Klä­ger ent­schie­den, der sich gegen die Rich­tig­keit des erst­in­stanz­li­chen Urteils gewen­det hat, wonach das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung einer Zuwen­dung zur För­de­rung von elf Bele­gungs­plät­zen für von Gewalt betrof­fe­ne Frau­en und Mäd­chen für das Haus­halts­jahr 2009 in Höhe von ins­ge­samt 24.200 EUR ver­neint wor­den ist.

Ernst­li­che Zwei­fel an der Rich­tig­keit der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung im Sin­ne des § 124 Abs. 2 Nr. 1 VwGO, die die Zulas­sung der Beru­fung recht­fer­ti­gen, sind zu beja­hen, wenn auf­grund der Begrün­dung des Zulas­sungs­an­trags und der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts gewich­ti­ge, gegen die Rich­tig­keit der Ent­schei­dung spre­chen­de Grün­de zuta­ge tre­ten [1]. Die Rich­tig­keits­zwei­fel müs­sen sich dabei auch auf das Ergeb­nis der Ent­schei­dung bezie­hen; es muss also mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit anzu­neh­men sein, dass die Beru­fung zu einer Ände­rung der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung füh­ren wird [2].

Der Klä­ger ist der Auf­fas­sung, er erfül­le ohne Wei­te­res die sich aus dem ein­deu­ti­gen Wort­laut erge­ben­den Vor­aus­set­zun­gen der Nr. 5.2 Satz 1 der vom Minis­te­ri­um für Sozia­les, Frau­en, Fami­lie und Gesund­heit erlas­se­nen Richt­li­nie über die Gewäh­rung von Zuwen­dun­gen zur För­de­rung von Maß­nah­men für Frau­en und Mäd­chen, die von Gewalt betrof­fen sind. Auf­grund des ein­deu­ti­gen Wort­lauts der Richt­li­nie bestehe ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts auch kein Bedarf für eine an der Ver­wal­tungs­pra­xis des Beklag­ten ori­en­tier­te Aus­le­gung, die mit einer inhalt­li­chen Ver­knüp­fung der För­der­tat­be­stän­de in Nr. 5.2 Satz 1 und Nr. 5.2 Satz 3 der Richt­li­nie zudem im Wider­spruch zum ein­deu­ti­gen Wort­laut der Richt­li­nie ste­he.

Die­se Ein­wän­de begrün­den nach dem ein­gangs dar­ge­stell­ten Maß­stab kei­ne ernst­li­chen Zwei­fel an der Rich­tig­keit der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat zutref­fend fest­ge­stellt, dass dem Klä­ger kein Anspruch auf Gewäh­rung einer Zuwen­dung zur För­de­rung von elf Bele­gungs­plät­zen für von Gewalt betrof­fe­ne Frau­en und Mäd­chen für das Haus­halts­jahr 2009 in Höhe von ins­ge­samt 24.200 EUR zusteht.

Der Beklag­te gewährt auf der Grund­la­ge der vom Nie­der­säch­si­schen Minis­te­ri­um für Sozia­les, Frau­en, Fami­lie und Gesund­heit erlas­se­nen Richt­li­nie über die Gewäh­rung von Zuwen­dun­gen zur För­de­rung von Maß­nah­men für Frau­en und Mäd­chen, die von Gewalt betrof­fen sind, – Richt­li­nie – vom 20. Dezem­ber 2006 [3], der §§ 23, 44 LHO und der hier­zu ergan­ge­nen Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten Pro­jekt­för­de­run­gen. Der­ar­ti­ge ermes­sens­len­ken­de Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten begrün­den nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, anders als Geset­ze und Rechts­ver­ord­nun­gen, aber nicht schon durch ihr Vor­han­den­sein sub­jek­ti­ve Rech­te des Bür­gers [4]. Eine über die ihnen zunächst nur inne­woh­nen­de inter­ne Bin­dung hin­aus­ge­hen­de anspruchs­be­grün­den­de Außen­wir­kung wird viel­mehr nur durch den Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG) und das im Rechts­staats­prin­zip ver­an­ker­te Gebot des Ver­trau­ens­schut­zes (Art. 20, 28 GG) ver­mit­telt [5], dies aber nur in der Aus­prä­gung, die die Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten durch die stän­di­ge Ver­wal­tungs­pra­xis gefun­den haben [6]. Dem­entspre­chend unter­lie­gen Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten auch kei­ner eigen­stän­di­gen rich­ter­li­chen Aus­le­gung wie Rechts­nor­men. Maß­geb­lich ist viel­mehr, wie die zu ihrer Anwen­dung beru­fe­nen Behör­den die Ver­wal­tungs­vor­schrift im maß­geb­li­chen Zeit­punkt in stän­di­ger, vom Urhe­ber der Ver­wal­tungs­vor­schrift gebil­lig­ter oder jeden­falls gedul­de­ter Pra­xis gehand­habt haben und in wel­chem Umfang sie infol­ge­des­sen durch den grund­ge­setz­li­chen Gleich­heits­satz gebun­den sind [7].

Hier­an gemes­sen hat sich das Ver­wal­tungs­ge­richt [8] bei der Anwen­dung der Richt­li­ni­en­be­stim­mun­gen auf den vor­lie­gen­den Sach­ver­halt zutref­fend an der stän­di­gen Ver­wal­tungs­pra­xis des Beklag­ten ori­en­tiert, wonach die Gewäh­rung der pau­scha­len Zuwen­dung für Bele­gungs­plät­ze nach Nr. 5.2 Satz 1 Richt­li­nie davon abhängt, dass auch eine nach Nr. 5.2 Satz 3 Richt­li­nie geför­der­te Bera­tung und Kin­der­be­treu­ung vor­ge­hal­ten wird. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ge­rin ist dabei uner­heb­lich, ob der Wort­laut der Richt­li­nie die­ser stän­di­gen Ver­wal­tungs­pra­xis ent­ge­gen­steht und daher bei der Anwen­dung der Ver­wal­tungs­vor­schrift deren Wort­laut vor­ran­gig zu berück­sich­ti­gen ist.

Maß­geb­lich ist allein, ob die stän­di­ge Ver­wal­tungs­pra­xis vom Urhe­ber der Ver­wal­tungs­vor­schrift gebil­ligt oder jeden­falls gedul­det wird. Die­se Vor­aus­set­zung ist nach den unwi­der­spro­che­nen Ein­las­sun­gen des Beklag­ten hier erfüllt. Denn danach hat das Nie­der­säch­si­sche Minis­te­ri­um für Sozia­les, Frau­en, Fami­lie und Gesund­heit die stän­di­ge Ver­wal­tungs­pra­xis der Beklag­ten aus­drück­lich gebil­ligt, wonach die Gewäh­rung der Zuwen­dun­gen nach Nr. 5.2 Satz 1 und Nr. 5.2 Satz 3 Richt­li­nie von ein­an­der abhän­gig ist und die dort bestimm­ten För­der­pau­scha­len nur gemein­sam gewährt wer­den kön­nen. Da der Klä­ger die Vor­aus­set­zun­gen einer För­de­rung nach Nr. 5.2 Satz 3 Richt­li­nie hier nicht erfüllt, weil in der von ihm betrie­be­nen Ein­rich­tung kein Bedarf für eine Kin­der­be­treu­ung besteht und auch eine Kin­der­be­treu­ung in dem erfor­der­li­chen Umfang nicht vor­ge­hal­ten wird, steht dem Klä­ger daher auch kein Anspruch auf Gewäh­rung der pau­scha­len För­de­rung nach Nr. 5.2 Satz 1 Richt­li­nie zu.

Obwohl nicht mehr ent­schei­dungs­er­heb­lich weist das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt dar­auf hin, dass die beschrie­be­ne stän­di­ge Ver­wal­tungs­pra­xis des Beklag­ten auch mit dem Wort­laut der Richt­li­nie in Ein­klang steht.

Nach Nr. 1.1 Richt­li­nie (Zuwen­dungs­zweck) wird die Zuwen­dung

  • an Zuflucht­stät­ten für miss­han­del­te Frau­en und ihre Kin­der (Alter­na­ti­ve 1),
  • an Bera­tungs­ein­rich­tun­gen für Mäd­chen und Frau­en, die von Gewalt betrof­fen sind, (Alter­na­ti­ve 2) und
  • an Bera­tungs- und Inter­ven­ti­ons­stel­len bei häus­li­cher Gewalt (Alter­na­ti­ve 3)

gewährt.
Bereits der Beschrei­bung des Zuwen­dungs­zwecks in Nr. 1.1 Alt. 1 Richt­li­nie ist zu ent­neh­men, dass es sich um eine Zuflucht­stät­te für miss­han­del­te Frau­en und ihre Kin­der han­deln muss. Hier­an kon­se­quent anknüp­fend wird in Nr. 2 Richt­li­nie auch der Gegen­stand der För­de­rung als "Bera­tung, Unter­brin­gung und Betreu­ung der von häus­li­cher Gewalt betrof­fe­nen Frau­en und ihrer Kin­der" bezeich­net. Die För­de­rung einer Zuflucht­stät­te setzt hier­nach vor­aus, dass in die­ser nicht nur die Bera­tung, Unter­brin­gung und Betreu­ung der von häus­li­cher Gewalt betrof­fe­nen Frau­en ange­bo­ten wird, son­dern auch und zwar dane­ben die Bera­tung, Unter­brin­gung und Betreu­ung der Kin­der der von häus­li­cher Gewalt betrof­fe­nen Frau­en. Dem­entspre­chend kommt nach Nr. 3.1 Richt­li­nie als Zuwen­dungs­emp­fän­ger auch nur eine "Zuflucht­stät­te für miss­han­del­te Frau­en und ihrer Kin­der" in Betracht. Nach dem Wort­laut und der offen­sicht­li­chen Sys­te­ma­tik die­ser Bestim­mun­gen wird der Zuwen­dungs­zweck bei der För­de­rung von Zuflucht­stät­ten folg­lich nur erreicht, wenn die­se ein gemein­sa­mes Beratungs‑, Unter­brin­gungs- und Betreu­ungs­an­ge­bot sowohl für die von häus­li­cher Gewalt betrof­fe­nen Frau­en als auch deren Kin­der vor­hal­ten. Zuflucht­stät­ten, die, wie die hier vom Klä­ger betrie­be­ne Ein­rich­tung, eine Bera­tung, Unter­brin­gung und Betreu­ung nur der von häus­li­cher Gewalt betrof­fe­nen Frau­en anbie­ten, sol­len hin­ge­gen gar nicht geför­dert wer­den. Nach die­sen aus der Richt­li­nie klar erkenn­ba­ren Maß­ga­ben ist es mit dem Wort­laut der Bestim­mun­gen zu Art, Umfang und Höhe der Zuwen­dung in Nr. 5.2 Richt­li­nie nicht nur ver­ein­bar, son­dern zwin­gend gebo­ten, dass die För­der­pau­scha­len nach Nr. 5.2 Satz 1 Richt­li­nie (2.200 EUR für jeden Bele­gungs­platz für Frau­en) und Nr. 5.2 Satz 3 Richt­li­nie (32.000 EUR für die Bera­tungs­tä­tig­keit und die Kin­der­be­treu­ung) nur dann und zwar gemein­sam gewährt wer­den, wenn in der Zuflucht­stät­te die Bera­tung, Unter­brin­gung und Betreu­ung der von häus­li­cher Gewalt betrof­fe­nen Frau­en und ihrer Kin­der ange­bo­ten wird.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 7. Okto­ber 2011 – 8 LA 93/​11

  1. vgl. OVG Lüne­burg, Beschl. v. 11.02.2011 – 8 LA 259/​10[]
  2. vgl. BVerwG, Beschl. v. 10.03.2004 – 7 AV 4.03 -, NVwZ-RR 2004, 542, 543[]
  3. Nds. MBl. 2007, S. 90[]
  4. vgl. BVerwG, Urt. v. 17.01.1996 – 11 C 5.95 -, NJW 1996, 1766, 1767 m.w.N.[]
  5. vgl. BVerwG, Urt. v. 08.04.1997 – 3 C 6.95 -, BVerw­GE 104, 220, 223 f.; Urt. v. 17.04.1970 – 7 C 60.68 -, BVerw­GE 35, 159, 161 f.[]
  6. vgl. BVerwG, Urt. v. 23.04.2003 – 3 C 25.02 -, NVwZ 2003, 1384 f. m.w.N.[]
  7. vgl. BVerwG, Urt. v. 02.02.1995 – 2 C 19.94 -, NVwZ-RR 1996, 47, 48 m.w.N.[]
  8. VG Sta­de, Urteil vom 23.03.2011 – 4 A 1732/​09[]