Wider­ruf der Aner­ken­nung ira­ki­scher Flücht­lin­ge

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat jetzt in meh­re­ren Fäl­len ira­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger ent­schie­den, ob die Vor­aus­set­zun­gen für den Wider­ruf der Flücht­lings­an­er­ken­nung wegen Ände­rung der Ver­hält­nis­se im Her­kunfts­land nach den Vor­ga­ben der hier­zu ergan­ge­nen Grund­satz­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vor­lie­gen:

Wider­ruf der Aner­ken­nung ira­ki­scher Flücht­lin­ge

Die Klä­ger der fünf Aus­gangs­ver­fah­ren sind zwi­schen 1997 und 2002 nach Deutsch­land ein­ge­reis­te ira­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge. Sie wur­den als Flücht­lin­ge aner­kannt, weil sie sei­ner­zeit mit Ver­fol­gung durch das Régime Sad­dam Hus­seins rech­nen muss­ten. Nach des­sen Sturz wider­rief das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge im Jahr 2005 die Aner­ken­nun­gen wegen der ver­än­der­ten poli­ti­schen Ver­hält­nis­se im Irak. Die Kla­gen hat­ten in ers­ter Instanz Erfolg. Im Beru­fungs­ver­fah­ren wur­den die Wider­rufs­be­schei­de hin­ge­gen als recht­mä­ßig ange­se­hen. Dies wur­de damit begrün­det, dass die Ver­fol­gungs­ge­fahr im Irak nach der Ent­mach­tung Sad­dam Hus­seins und der Zer­schla­gung sei­nes Regimes end­gül­tig weg­ge­fal­len sei und den Klä­gern auch nicht aus ande­ren Grün­den Ver­fol­gung dro­he.

Auf die Revi­sio­nen der Klä­ger leg­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Jahr 2008 meh­re­re Fra­gen zu den uni­ons­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für das Erlö­schen der Flücht­lings­ei­gen­schaft (Art. 11 Abs. 1 Buchst. e der Richt­li­nie 2004/​83/​EG) zur Vor­ab­ent­schei­dung vor . Die­se Fra­gen hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof inzwi­schen beant­wor­tet 1. Die­sem des EuGH ist zu ent­neh­men, dass die Flücht­lings­ei­gen­schaft erlischt, wenn die der Flücht­lings­an­er­ken­nung zugrun­de­lie­gen­den Umstän­de in Anbe­tracht einer erheb­li­chen und nicht nur vor­über­ge­hen­den Ver­än­de­rung weg­ge­fal­len sind und der Betrof­fe­ne auch nicht aus ande­ren Grün­den Furcht vor Ver­fol­gung haben muss. Der in der Erlö­schens­vor­schrift ange­spro­che­ne Schutz des Lan­des bezieht sich daher nur auf den Schutz vor Ver­fol­gung im Sin­ne der Richt­li­nie. Uner­heb­lich ist des­halb, ob im Her­kunfts­land sons­ti­ge Gefah­ren dro­hen. Die Been­di­gung der Flücht­lings­ei­gen­schaft ist damit grund­sätz­lich das Spie­gel­bild der Aner­ken­nung. Aller­dings muss die Ver­än­de­rung der Umstän­de erheb­lich und nicht nur vor­über­ge­hend sein (Art. 11 Abs. 2 der Richt­li­nie). Dafür muss fest­ste­hen, dass die Ursa­chen, die zu der Aner­ken­nung als Flücht­ling geführt haben, besei­tigt sind und die­se Besei­ti­gung als dau­er­haft ange­se­hen wer­den kann. Dau­er­haft ist die Ver­än­de­rung in der Regel nur, wenn im Her­kunfts­land ein Staat oder ein sons­ti­ger Schutz­ak­teur im Sin­ne des Art. 7 der Richt­li­nie vor­han­den ist, der geeig­ne­te Schrit­te ein­ge­lei­tet hat, um die der Aner­ken­nung zugrun­de lie­gen­de Ver­fol­gung zu ver­hin­dern.

In Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt den Wider­ruf in zwei Fäl­len bestä­tigt. Hier beruh­te die Flücht­lings­an­er­ken­nung allein auf der Asyl­an­trag­stel­lung und der dar­aus abge­lei­te­ten Geg­ner­schaft gegen das Régime Sad­dam Hus­seins. Die sich hier­aus erge­ben­de Furcht vor Ver­fol­gung ist nach den Fest­stel­lun­gen der Beru­fungs­ge­rich­te inzwi­schen dau­er­haft weg­ge­fal­len, ohne dass ande­re Umstän­de gel­tend gemacht wor­den sind, die eine Ver­fol­gungs­furcht begrün­den könn­ten. In den drei ande­ren Fäl­len fehl­te es hin­ge­gen an hin­rei­chen­den tatrich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen, ob die der Aner­ken­nung zugrun­de lie­gen­den Umstän­de tat­säch­lich dau­er­haft weg­ge­fal­len sind und den Klä­gern auch nicht wegen ande­rer Umstän­de Ver­fol­gung droht. Die­se Ver­fah­ren muss­ten des­halb zur wei­te­ren Auf­klä­rung an die Beru­fungs­ge­rich­te zurück­ver­wie­sen wer­den.

BVerwG 10 C 3.10, 10 C 5.10 – 7.10 und 10 C 9.10 – Urtei­le vom 24. Febru­ar 2011

  1. EuGH, Urteil vom 02.03.2010 – C‑175/​08 u.a.[]