Betei­li­gungs­pro­spekt – und die Dar­stel­lung der kapi­tal­mä­ßi­gen und per­so­nel­len Ver­flech­tun­gen

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat der Pro­spekt über ein Betei­li­gungs­an­ge­bot, der für einen Bei­tritts­in­ter­es­sen­ten im All­ge­mei­nen die ein­zi­ge Unter­rich­tungs­mög­lich­keit dar­stellt, den Anle­ger über alle Umstän­de, die für sei­ne Ent­schlie­ßung von wesent­li­cher Bedeu­tung sind oder sein kön­nen, sach­lich rich­tig und voll­stän­dig zu unter­rich­ten.

Betei­li­gungs­pro­spekt – und die Dar­stel­lung der kapi­tal­mä­ßi­gen und per­so­nel­len Ver­flech­tun­gen

Dazu gehört auch eine Dar­stel­lung der wesent­li­chen kapi­tal­mä­ßi­gen und per­so­nel­len Ver­flech­tun­gen zwi­schen einer­seits der Fonds­ge­sell­schaft, ihren Geschäfts­füh­rern und beherr­schen­den Gesell­schaf­tern, und ande­rer­seits dem Unter­neh­men sowie deren Geschäfts­füh­rern und beherr­schen­den Gesell­schaf­tern, in deren Hand die Betei­li­gungs­ge­sell­schaft die nach dem Pro­spekt durch­zu­füh­ren­den Vor­ha­ben ganz oder wesent­lich gelegt hat, und die Auf­klä­rung über die die­sem Per­so­nen­kreis gewähr­ten Son­der­zu­wen­dun­gen oder Son­der­vor­tei­le 1. Dem Anle­ger müs­sen hin­rei­chen­de Infor­ma­tio­nen gebo­ten wer­den, um selbst beur­tei­len zu kön­nen, ob fak­tisch eine Beein­flus­sung der Ent­schei­dun­gen droht 2.

Damit sind die abs­trak­ten Anfor­de­run­gen für eine ord­nungs­ge­mä­ße Auf­klä­rung eines Anla­ge­in­ter­es­sen­ten über wesent­li­che kapi­tal­mä­ßi­ge und per­so­nel­le Ver­flech­tun­gen geklärt. Über die so defi­nier­te Auf­klä­rungs­pflicht hin­aus ist die Fra­ge, wann eine zu offen­ba­ren­de, weil wesent­li­che kapi­tal­mä­ßi­ge Ver­flech­tung allein auf­grund des wirt­schaft­li­chen Werts der Betei­li­gung vor­liegt, nicht grund­sätz­lich klä­rungs­fä­hig. So wird auch in Geset­zen eine wesent­li­che Betei­li­gung an einem Unter­neh­men ab dem Über­schrei­ten von unter­schied­li­chen Schwel­len­wer­ten ange­nom­men (vgl. § 74 Abs. 2 AO, § 43 WPHG, Art. 43 VO (EU) 575/​2013).

All­ge­mein­gül­ti­ge, star­re Betei­li­gungs­gren­zen las­sen sich unter­halb der Schwel­le der Beherr­schung los­ge­löst von der kon­kre­ten Fall­ge­stal­tung und den Umstän­den des Ein­zel­falls nicht auf­stel­len. Es kommt allein dar­auf an, ob die kapi­tal­mä­ßi­ge Ver­flech­tung so wesent­lich ist, dass sie des­halb einen auf­klä­rungs­be­dürf­ti­gen Inter­es­sen­kon­flikt begrün­det. Ange­sichts der Viel­zahl der denk­ba­ren Fall­ge­stal­tun­gen unter­liegt die Beur­tei­lung, ob eine kapi­tal­mä­ßi­ge Ver­flech­tung wesent­lich ist und des­halb einen auf­klä­rungs­be­dürf­ti­gen Inter­es­sen­kon­flikt begrün­det, einer in ers­ter Linie dem Tatrich­ter vor­be­hal­te­nen Gesamt­schau unter umfas­sen­der Wür­di­gung aller für die Beur­tei­lung des Ein­zel­fal­les maß­geb­li­chen Umstän­de. Dabei kommt es u.a. dar­auf an, wel­che Gesell­schafts­form das Unter­neh­men hat, in des­sen Hand die Betei­li­gungs­ge­sell­schaft die nach dem Emis­si­ons­pro­spekt durch­zu­füh­ren­den Vor­ha­ben gelegt hat, da bei einer kapi­tal­markt­fä­hi­gen Rechts­form bzw. Kapi­tal­ge­sell­schaft bereits eine gerin­ge­re Betei­li­gungs­quo­te der ver­floch­te­nen Gesell­schaft bzw. des Gesell­schaf­ters einen grö­ße­ren Ein­fluss ver­mit­telt als bei einer Per­so­nen­ge­sell­schaft, wie § 179 Abs. 2 AktG, § 53 Abs. 2 GmbHG zei­gen.

Wei­ter­hin kommt der Funk­ti­on und Rol­le der Gesell­schaft bzw. des Gesell­schaf­ters in dem Unter­neh­men, in des­sen Hand die nach dem Emis­si­ons­pro­spekt durch­zu­füh­ren­den Vor­ha­ben gelegt wor­den sind, eben­so erheb­li­che Bedeu­tung zu wie der Fra­ge, ob dabei gleich­läu­fi­ge oder gegen­läu­fi­ge Inter­es­sen ver­folgt wer­den. Ent­steht auf­grund der Ver­flech­tung ein (Sonder)Vorteil, so kann wei­ter von Bedeu­tung sein, wie hoch ein wirt­schaft­li­cher Vor­teil der ver­floch­te­nen Gesell­schaft bzw. des Gesell­schaf­ters tat­säch­lich ist. Das hängt nicht allei­ne von der pro­zen­tua­len Betei­li­gung, son­dern ins­be­son­de­re auch von dem Gesamt­vo­lu­men der Ausschüttungen/​Gewinne und dem Unter­neh­mens­wert ab.

Die wesent­li­chen kapi­tal­mä­ßi­gen Ver­flech­tun­gen müs­sen bestehen zwi­schen einer­seits den Geschäfts­füh­rern der Kom­ple­men­tärGmbH der Fonds­ge­sell­schaft und ande­rer­seits den beherr­schen­den auch mit­tel­ba­ren Gesell­schaf­tern der Unter­neh­men, in deren Hand die Betei­li­gungs­ge­sell­schaft die nach dem Emis­si­ons­pro­spekt durch­zu­füh­ren­den Vor­ha­ben ganz oder wesent­lich gelegt hat.

Zwar kann nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ein beherr­schen­der Ein­fluss im Sin­ne des § 17 AktG auch von meh­re­ren gleich­ge­ord­ne­ten Unter­neh­men aus­ge­hen (Mehr­müt­ter­herr­schaft), wenn für die Aus­übung gemein­sa­mer Herr­schaft eine aus­rei­chend siche­re Grund­la­ge besteht. Eine sol­che Grund­la­ge kön­nen nicht nur ver­trag­li­che oder orga­ni­sa­to­ri­sche Bin­dun­gen, son­dern auch recht­li­che und tat­säch­li­che Umstän­de sons­ti­ger Art bil­den, wie wenn eine Grup­pe von Gesell­schaf­ten mit glei­cher per­so­nel­ler Zusam­men­set­zung mehr als die Hälf­te der Antei­le eines ande­ren Unter­neh­mens inne­hat 3. Allein die Mög­lich­keit, dass meh­re­re Gesell­schaf­ter gemein­sam eine Mehr­heit in der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung hät­te bil­den kön­nen, genügt dafür nicht.

Eine Auf­klä­rungs­pflicht über die Betei­li­gung ergibt sich auch nicht allein aus einem mög­li­chen Son­der­vor­teil auf­grund einer Betei­li­gung unab­hän­gig von einer wesent­li­chen kapi­tal­mä­ßi­gen Ver­flech­tung in Anleh­nung an die Recht­spre­chung zu auf­klä­rungs­be­dürf­ti­gen Innen­pro­vi­sio­nen. Über Son­der­vor­tei­le ist erst dann auf­zu­klä­ren, wenn eine wesent­li­che und damit auf­klä­rungs­be­dürf­ti­ge Ver­flech­tung vor­liegt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. Juni 2019 – II ZR 409/​18

  1. BGH, Urteil vom 06.10.1980 – II ZR 60/​80, BGHZ 79, 337, 345; Urteil vom 10.10.1994 – II ZR 95/​93, ZIP 1994, 1851, 1852; Urteil vom 21.09.2010 – XI ZR 232/​09, ZIP 2010, 2140 Rn. 29; Beschluss vom 15.01.2013 – II ZR 43/​12; Beschluss vom 23.09.2014 – II ZR 320/​13; Beschluss vom 23.09.2014 – II ZR 319/​13; Beschluss vom 24.02.2015 – II ZR 104/​13; Beschluss vom 07.07.2015 – II ZR 104/​13; Urteil vom 22.04.2010 – III ZR 318/​08, ZIP 2010, 1132 Rn. 25; Urteil vom 15.07.2010 – III ZR 321/​08, ZIP 2010, 1801 Rn. 25; Urteil vom 29.05.2008 – III ZR 59/​07, ZIP 2008, 1481 Rn. 25[]
  2. BGH, Beschluss vom 24.02.2015 – II ZR 104/​13[]
  3. BGH, Urteil vom 04.03.1974 – II ZR 89/​72, BGHZ 62, 193 15[]