Bil­der für den elek­tro­ni­schen Pro­gramm­füh­rer

Die Ver­viel­fäl­ti­gung und öffent­li­che Zugäng­lich­ma­chung urhe­ber­recht­lich geschütz­ter Text- und Bild­bei­trä­ge, die von Fern­seh­sen­dern zur Vor­ankün­di­gung und Bewer­bung ihrer Pro­gram­me im Inter­net bereit­ge­stellt wer­den, durch den Betrei­ber eines wer­be­fi­nan­zier­ten elek­tro­ni­schen Pro­gramm­füh­rers ist nicht als Bericht­erstat­tung über Tages­er­eig­nis­se gemäß § 50 UrhG gerecht­fer­tigt. Der Umstand, dass eine Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft der Auf­sicht durch das Patent­amt unter­liegt (§§ 18 ff. UrhWG), steht der Gel­tend­ma­chung des Ein­wands kar­tell­rechts­wid­ri­ger Ungleich­be­hand­lung durch den von der Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft auf Unter­las­sung in Anspruch genom­me­nen Werk­nut­zer nicht ent­ge­gen.

Bil­der für den elek­tro­ni­schen Pro­gramm­füh­rer

EPG ist kei­ne Bericht­erstat­tung über Tages­er­eig­nis­se

Zur Bericht­erstat­tung über Tages­er­eig­nis­se durch Funk oder ähn­li­che tech­ni­sche Mit­tel ist die Ver­viel­fäl­ti­gung, Ver­brei­tung und öffent­li­che Wie­der­ga­be von Wer­ken, die im Ver­lauf die­ser Ereig­nis­se wahr­nehm­bar wer­den, in einem durch den Zweck gebo­te­nen Umfang zuläs­sig, § 50 UrhG.

Das Ereig­nis, über das im elek­tro­ni­schen Pro­gramm­füh­rer unter­rich­tet wird, ist das künf­tig aus­zu­strah­len­de Fern­seh­pro­gramm. Es kann offen­blei­ben, ob die­ses Pro­gramm ein Gesche­hen ist, das für die Öffent­lich­keit von Inter­es­se ist und damit die Vor­aus­set­zun­gen eines Tages­er­eig­nis­ses gege­ben sind 1. Jeden­falls fehlt es an den wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen der Schran­ken­re­ge­lung des § 50 UrhG.

§ 50 UrhG ist jeden­falls des­halb nicht anwend­bar, weil eine erlaub­nis- und ver­gü­tungs­freie öffent­li­che Wie­der­ga­be der Pro­gramm­in­for­ma­tio­nen durch den TV-Anbie­ter nicht gebo­ten ist.

Die Schran­ken­re­ge­lung des § 50 UrhG dient der Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit sowie dem Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit. Sie soll die anschau­li­che Bericht­erstat­tung über aktu­el­le Ereig­nis­se in den Fäl­len, in denen Jour­na­lis­ten oder ihren Auf­trag­ge­bern die recht­zei­ti­ge Ein­ho­lung der erfor­der­li­chen Zustim­mun­gen noch vor dem Abdruck oder der Sen­dung eines aktu­el­len Berichts nicht mög­lich oder nicht zumut­bar ist, dadurch erleich­tern, dass sie die Ver­viel­fäl­ti­gung, Ver­brei­tung und öffent­li­che Wie­der­ga­be geschütz­ter Wer­ke, die im Ver­lauf sol­cher Ereig­nis­se wahr­nehm­bar wer­den, ohne den Erwerb ent­spre­chen­der Nut­zungs­rech­te und ohne die Zah­lung einer Ver­gü­tung erlaubt. Ist es dem Bericht­erstat­ter oder sei­nem Auf­trag­ge­ber mög­lich und zumut­bar, vor dem Abdruck oder der Sen­dung des Berichts die Zustim­mung des Rechts­in­ha­bers ein­zu­ho­len, gibt es kei­ne Recht­fer­ti­gung dafür, sich über die Belan­ge des Berech­tig­ten hin­weg­zu­set­zen 2.

Es ist ohne Wei­te­res mög­lich und zumut­bar, vor der Über­nah­me der in Rede ste­hen­den Tex­te und Bil­der aus den Pres­se­loun­ges in den elek­tro­ni­schen Pro­gramm­füh­rer die Zustim­mung der Berech­tig­ten ein­zu­ho­len. Das Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit und das Eigen­in­ter­es­se der Sen­de­un­ter­neh­men an einer Wer­bung für ihr Fern­seh­pro­gramm sind auch dann gewahrt, wenn die Beklag­te nach Zustim­mung der Berech­tig­ten und gegen Zah­lung einer Ver­gü­tung auf die urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Pro­gramm­in­for­ma­tio­nen der Sen­de­un­ter­neh­men zugreift, um über deren Fern­seh­pro­gram­me zu berich­ten. Der von der Revi­si­on wei­ter ange­führ­te Gesichts­punkt, dass Zeit­schrif­ten­ver­la­gen die ent­spre­chen­den Infor­ma­tio­nen kos­ten­frei zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, ist mög­li­cher­wei­se kar­tell­recht­lich bedeut­sam, kann aber die Anwen­dung der Schran­ken­re­ge­lung nach § 50 UrhG nicht recht­fer­ti­gen.

Kei­ne Mono­po­li­sie­rungs­ge­fahr?

Den Ein­wand, dass im Fal­le des Obsie­gens des Sen­de­un­ter­neh­mens das Geschäfts­mo­dell eines "unab­hän­gi­gen wer­be­fi­nan­zier­ten Inter­net-EPG" unmög­lich wür­de, weil die EPG-Anbie­te­rin dann gebüh­ren­pflich­ti­ge Lizenz­ver­trä­ge abschlie­ßen müs­se und die Gebüh­ren nicht durch Wer­bung refi­nan­zie­ren kön­ne, weil die Lizenz­ver­trä­ge ein aus­drück­li­ches Wer­be- und Emp­feh­lungs­ver­bot ent­hiel­ten, läßt der Bun­des­ge­richts­hof nicht gel­ten: Eine Rechts­ver­let­zung ist für den Bun­des­ge­richts­hof nicht ersicht­lich. Ins­be­son­de­re ist Art. 5 Abs. 1 GG nicht betrof­fen. Dem EPG-Anbie­ter geht es im Streit­fall nicht um die Zuläs­sig­keit einer eige­nen Bericht­erstat­tung über das Pro­gramm der Sen­de­un­ter­neh­men, son­dern um das Recht zur kos­ten­frei­en Über­nah­me von Bild- und Text­bei­trä­gen, die die Sen­de­un­ter­neh­men zur Ver­fü­gung stel­len.

Kar­tell­recht­li­ches Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot

Der EPG-Anbie­ter kann gegen­über dem Unter­las­sungs­be­geh­ren des Sen­de­un­ter­neh­mens ein­wen­den, die Wei­ge­rung der Sen­de­un­ter­neh­men, ihr das Text- und Bild­ma­te­ri­al wie den Zeit­schrif­ten­ver­la­gen kos­ten­frei zur Ver­fü­gung zu stel­len, ver­sto­ße gegen das kar­tell­recht­li­che Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot.

Es ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass gegen Ansprü­che von Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten der Ein­wand der kar­tell­rechts­wid­ri­gen Ungleich­be­hand­lung vor den Zivil­ge­rich­ten erho­ben wer­den kann 3. Auch in der Lite­ra­tur wird soweit ersicht­lich ein­hel­lig ver­tre­ten, dass die Auf­sicht gemäß §§ 18 ff. UrhWG den Weg der Nut­zer zu den ordent­li­chen Gerich­ten nicht ver­sperrt 4. Weder Wort­laut noch Sinn und Zweck die­ser Vor­schrif­ten recht­fer­ti­gen ein ande­res Ver­ständ­nis.

Man­gels gegen­tei­li­ger Fest­stel­lun­gen ist für die revi­si­ons­recht­li­che Beur­tei­lung zugrun­de zu legen, dass die Über­las­sung der Nut­zungs­rech­te an Text- und Bild­ma­te­ri­al einen sach­lich eigen­stän­di­gen Markt betrifft, auf dem die Sen­de­un­ter­neh­men und die Klä­ge­rin markt­be­herr­schend sind. Allein die­se kön­nen die Nut­zungs­rech­te an den Bil­dern und beschrei­ben­den Tex­ten zu ihrem zukünf­ti­gen Fern­seh­pro­gramm ein­räu­men 5.

Für das Revi­si­ons­ver­fah­ren ist fer­ner davon aus­zu­ge­hen, dass die Ein­räu­mung von Nut­zungs­rech­ten an Text- und Bild­bei­trä­gen mit Pro­gramm­in­for­ma­tio­nen einen Geschäfts­ver­kehr betrifft, der Print­ver­la­gen auf der einen und Betrei­bern elek­tro­ni­scher Pro­gramm­füh­rer auf der ande­ren Sei­te als gleich­ar­ti­gen Unter­neh­men übli­cher­wei­se zugäng­lich ist. Die Beklag­te hat vor­ge­tra­gen, dass die Pro­gramm­in­for­ma­tio­nen, die für die Erstel­lung einer gedruck­ten Pro­gramm­vor­schau ver­wen­det wer­den, in For­mat und Inhalt iden­tisch sind mit den­je­ni­gen Infor­ma­tio­nen, die in elek­tro­ni­schen Pro­gramm­füh­rern Ver­wen­dung fin­den. Auch die Funk­tio­nen, die Betrei­ber von elek­tro­ni­schen Pro­gramm­füh­rern und Her­aus­ge­ber gedruck­ter Pro­gramm­zei­tun­gen gegen­über dem Ver­brau­cher erfüll­ten, sei­en iden­tisch.

Für das Revi­si­ons­ver­fah­ren kann damit auch eine Ungleich­be­hand­lung im Sin­ne von § 20 Abs. 1, 2. Altern. GWB nicht ver­neint wer­den. Die Sen­de­un­ter­neh­men stel­len Print­ver­la­gen die Nut­zungs­rech­te an Pro­gramm­in­for­ma­tio­nen in ihren Pres­se­loun­ges unent­gelt­lich zur Ver­fü­gung, behan­deln also die Ver­la­ge und die Beklag­te ungleich.

Fest­stel­lun­gen zu einer mög­li­chen sach­li­chen Recht­fer­ti­gung die­ser Ungleich­be­hand­lung hat das Beru­fungs­ge­richt – von sei­nem Rechts­stand­punkt aus fol­ge­rich­tig – nicht getrof­fen. Ein sach­lich gerecht­fer­tig­ter Grund für die Ungleich­be­hand­lung kann nicht ohne wei­te­res in dem Umstand gese­hen wer­den, dass die Beklag­te die Pro­gramm­in­for­ma­tio­nen zusam­men mit Wer­bung ver­öf­fent­li­chen will. Denn das ist auch bei den nach der Lebens­er­fah­rung regel­mä­ßig jeden­falls teil­wei­se durch Anzei­gen finan­zier­ten Pro­gramm­zei­tun­gen und zeit­schrif­ten der Fall. Dazu, ob eine Ungleich­be­hand­lung von Print­ver­la­gen und Betrei­bern elek­tro­ni­scher Pro­gramm­füh­rer etwa des­we­gen gerecht­fer­tigt sein kann, weil die Sen­de­un­ter­neh­men ihre Pro­gram­me selbst zwar nicht in Print­me­di­en, ohne wei­te­res aber im Inter­net prä­sen­tie­ren könn­ten und zudem die Nut­zungs­mög­lich­kei­ten geziel­ter Wer­bung bei elek­tro­ni­schen Pro­gramm­füh­rern weit über die­je­ni­gen in Print­me­di­en hin­aus­gin­gen 6, fehlt es bis­lang an hin­rei­chen­den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. März 2012 – KZR 108/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 20.12.2007 I ZR 42/​05, BGHZ 175, 135 Rn. 48 TV-Total[]
  2. BGHZ 175, 135 Rn. 49 TV-Total[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 30.01.1970 KZR 3/​69, GRUR 1970, 200 Ton­band­ge­rä­te­Impor­teur[]
  4. Rein­bo­the in Schricker/​Loewenheim aaO § 18 UrhWG Rn. 2 aE; Ger­lach in Wandtke/​Bullinger, Urhe­ber­recht, 3. Aufl., § 18 UrhWG Rn. 2; Schul­ze in Dreier/​Schulze, UrhG, 3. Aufl., § 19 UrhWG Rn. 10; Him­mel­mann in Kreile/​Becker/​Riesenhuber, Recht und Pra­xis der GEMA, 2. Aufl., Kap. 18 Rn. 170, jeweils mwN[]
  5. vgl. zu Sen­de­un­ter­neh­men auch EuGH, Urteil vom 06.04.1995 Ver­bun­de­ne Rechts­sa­chen C‑241/​91 und C‑242/​91, Slg. 1995, I‑743838 = GRURInt.1995, 490, 493 Rn. 53 Mag­ill TV Gui­de; OLG Ham­burg, NJWE-Wett­bR 1997, 214, 215 f.; LG Ham­burg, AfP 2009, 421, 423[]
  6. vgl. dazu LG Köln, ZUMRD 2010, 283, 299[]