Frei­schwin­ger – eine never-ending-(Prozess-)Story

Auch ein Design­mö­bel aus den 20er Jah­ren kann heu­te noch Gegen­stand von Urhe­ber­rech­ten – und wie­der­hol­ten Rechts­strei­tig­kei­ten hier­über – sein: Das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf hat jetzt auf Antrag der Fir­ma Tho­net GmbH, Fran­ken­berg, einem ita­lie­ni­schen Möbelun­ter­neh­men unter­sagt, Nach­bil­dun­gen des von Mart Stam im Jahr 1926 geschaf­fe­nen Frei­schwin­gers zu ver­trei­ben und hier­für zu wer­ben.

Frei­schwin­ger – eine never-ending-(Prozess-)Story

Das aktu­el­le Urteil

Die kla­gen­de Fir­ma Tho­net GmbH besitzt die Nut­zungs- und Ver­triebs­rech­te für den von Mart Stam im Jahr 1926 ent­wor­fe­nen und 1927 auf der Werk­bund-Aus­stel­lung auf dem Wei­ßen­hof in Stutt­gart aus­ge­stell­ten Frei­schwin­ger. Das beklag­te ita­lie­ni­sche Unter­neh­men hat­te auf der IMM Colo­gne 2007 den nach­fol­gend abge­bil­de­ten Stuhl aus­ge­stellt und zum Ver­kauf ange­bo­ten. Das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf hat nun fest­ge­stellt, dass der Mart-Stam-Stuhl als Werk der bil­den­den Kunst wei­ter­hin urhe­ber­recht­lich geschützt sei. Der auf der Möbel­mes­se ange­bo­te­ne Stuhl stel­le eine unzu­läs­si­ge Nach­bil­dung dar.

Der Gesamt­ein­druck des nach­ge­bil­de­ten Stuhls stim­me, so das Düs­sel­dor­fer Ober­lan­des­ge­richt, mit dem Ursprungs­werk über­ein. So wer­de die Stren­ge und Ein­heit­lich­keit der Lini­en­füh­rung sowie die Wür­fel­form des Ori­gi­nals über­nom­men. Es sei hier­bei uner­heb­lich, ob der Quer­schnitt des Strahl­oh­res rund (Ori­gi­nal) oder recht­eckig (Nach­bil­dung) sei. Der Gesamt­ein­druck wer­de auch nicht dadurch beein­träch­tigt, dass das Stahl­rohr bei dem Ori­gi­nal umlau­fend, das Stahl­rohr bei der Nach­bil­dung an der Rücken­flä­che ende. Auch die leich­te Nei­gung der Rücken­leh­ne nach hin­ten bei der Nach­bil­dung stel­le die Grund­form nicht in Fra­ge. Der Urhe­ber­rechts­schutz ent­fal­le auch nicht des­halb, weil hin­ter­bein­lo­se Boden­ge­stel­le bei Stahl­rohr­mö­beln heu­te ein all­ge­mei­nes Stil­ele­ment sei­en.

Die frü­he­ren Rechts­strei­tig­kei­ten

Inter­es­sant ist hier auch die bis­he­ri­ge Geschich­te der Rechts­strei­tig­kei­ten:

Nach der Prä­sen­ta­ti­on des Frei­schwin­gers ("Krag­stuhl") auf der Werk­bund-Aus­stel­lung auf dem Wei­ßen­hof 1927 kam es ab 1929 zu diver­senen Pro­zes­sen, in denen um die Fra­ge der Urhe­ber­schaft an dem Frei­schwin­ger gestrit­ten wur­de. Im ers­ten, abschlie­ßend 1932 vom Reichts­ge­richt 1 ent­schie­de­nen Pro­zess war die jet­zi­ge Klä­ge­rin bereits betei­ligt, damals aller­dings noch als Beklag­te, die von dem dama­li­gen Inha­ber der Rech­te Mart Stamms, Anton Lorenz, wegen Ver­let­zung des Urhe­ber­rechts in Anspruch genom­men wur­de.

Die heu­ti­ge Klä­ge­rin argu­men­tier­te damals unter ande­rem, der Stuhl sei eine rein tech­ni­sche Erfin­dung und somit ent­fal­le jedes Urhe­ber­recht. Das Reichs­ge­richt urteil­te 1932 aller­dings gegen sie: Die Reichs­ge­richts­rä­te bil­lig­ten dem Stuhl Mart Stams eine eige­ne Schöp­fungs­qua­li­tät und Mart Stam die künst­le­ri­sche Urhe­ber­schaft an dem kubi­schen Frei­schwin­ger zu.

Auch der Bun­des­ge­richts­hof hat­te sich in der Fol­ge­zeit noch zwei­mal mit Unter­las­sungs­kla­gen in Zusam­men­hang mit dem Mart-Stam-Stuhl befasst und sowohl 1961 2 wie auch 1981 3 einen weit­rei­chen­den Urhe­ber­rechts­schutz bejaht.

Wäh­rend der "Krag­stuhl" Mart Stamms damit in Deutsch­land bis heu­te urhe­ber­recht­li­chen Schutz genießt, zeigt die Recht­spre­chung in Öster­reich, dass bei nahe­zu glei­cher Rechts­la­ge die Fra­ge des Urhe­ber­rechts auch anders ent­schie­den wer­den kann, ganz so, wie die heu­ti­ge Klä­ge­rin 1932 vor dem Reichts­ge­richt argu­men­tier­te: Der Obers­te Gerichts­hof in Öster­reich ver­nein­te ein Urhe­ber­rechts­schutz für den Mart-Stam-Stuhl 4.

Auf der Wei­ßen­hof-Aus­stel­lung wur­de auch noch ein zwei­ter Frei­schwin­ger gezeigt, den M20 von Lud­wig Mies van der Rohe, der zwar deut­li­che Anlei­hen bei dem Mart-Stam-Stuhl auf­wies, der aber auf­grund einer abwei­chen­den Kon­struk­ti­on eine grö­ße­re Elas­ti­zi­tät besaß. Für die­se Vari­an­te des Frei­schwin­gers hat­te Mies van der Rohe bereits 1926, noch vor der öffent­li­chen Prä­sen­ta­ti­on der bei­den Stüh­le auf der Wei­ßen­hof-Aus­stel­lung, ein Patent ange­mel­det. 1936 war die­ses Patent Gegen­stand eines Pro­zes­ses, in dem die Fir­ma Mau­ser ver­such­te, das Patent unter ande­rem mit der Begrün­dung für nich­tig erklä­ren zu las­sen, dass der älte­re Stuhl Mart Stams ein Bei­spiel für eine Vor­be­nut­zung sei. Die Rich­ter sahen jedoch weder die ähn­li­che Form noch den Ein­fluss Mart Stams auf Mies van der Rohe als ent­schei­dend an. Ent­scheid­und für sie war eine wesent­li­che Neue­rung durch Mies van der Rohe: sei­ne Stuhl­kon­struk­ti­on feder­te, wäh­rend der Krag­stuhl von Mart Stam starr war. Die­se Fede­rung als wesent­li­ches Ele­ment sowie wei­te­re tech­ni­sche Aspek­te sei­ner Kon­struk­ti­on "ret­te­ten" Mies van der Rohe sein Patent.

Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 11. August 2009 – I‑20 U 120/​08

  1. RG, Urteil vom 01.06.1932 – GRUR 1932, 892 ff.[]
  2. BGH, Urteil vom 27.02.1961 – I ZR 127/​59 = GRUR 1961, 635, 638 – Stahl­rohr­stuhl I[]
  3. BGH, Urteil vom 27.05.1981 – I ZR 102/​79 = GRUR 1981, 820 – Stahl­rohr­stuhl II[]
  4. OGH, Urteil vom 19.12.1989 – GRUR – Aus­lands- und Inter­na­tio­na­ler Teil, 1992, 465[]