Gas­be­zug in der Grund­ver­sor­gung – und die Preis­an­pas­sung

Wie der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nen Urtei­len vom 28.10.2015 1 ent­schie­den hat, kann an sei­ner frü­he­ren Recht­spre­chung zum gesetz­li­chen Preis­än­de­rungs­recht gemäß § 4 Abs. 2 AVB­GasV, § 5 Abs. 2 Gas­GVV aF ange­sichts des auf Vor­la­ge des Bun­des­ge­richts­hofs ergan­ge­nen Urteils des Gerichts­hofs vom 23.10.2014 2 jeden­falls für die Zeit nach Ablauf der gemäß Art. 33 Abs. 1 der Gas-Richt­li­nie 2003/​55/​EG bis zum 1.07.2004 rei­chen­den Frist zu deren Umset­zung nicht mehr fest­ge­hal­ten wer­den.

Gas­be­zug in der Grund­ver­sor­gung – und die Preis­an­pas­sung

Aller­dings kön­nen die Richt­li­ni­en­be­stim­mun­gen und die dar­in an Preis­an­pas­sun­gen nor­mier­ten Anfor­de­run­gen auch nicht mit Ablauf der Umset­zungs­frist im Wege richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung in § 4 Abs. 2 AVB­GasV, § 5 Abs. 2 Gas­GVV aF "hin­ein­ge­le­sen" wer­den. Denn nicht (frist­ge­recht) umge­setz­te Richt­li­ni­en der Euro­päi­schen Uni­on kön­nen zur Aus­le­gung oder Fort­bil­dung des natio­na­len Rechts nur inso­weit her­an­ge­zo­gen wer­den, als die­ses dafür Raum gibt. Zudem ent­fal­ten sie bei Feh­len die­ser Mög­lich­keit im natio­na­len Recht kei­ne unmit­tel­ba­ren Wir­kun­gen in einem aus­schließ­lich zwi­schen Pri­va­ten bestehen­den Rechts­ver­hält­nis.

Zu erst­ge­nann­tem Gesichts­punkt ist der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nen Urtei­len vom 28.10.2015 3 zu dem Ergeb­nis gelangt, dass sich ein Recht des Gas­ver­sor­gers zur ein­sei­ti­gen Ände­rung der Prei­se, wel­ches den Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen der Gas-Richt­li­nie nach Maß­ga­be der für den Bun­des­ge­richts­hof bin­den­den Aus­le­gung des Gerichts­hofs ent­spricht, nicht aus einer richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung oder einer richt­li­ni­en­kon­for­men Rechts­fort­bil­dung des § 4 Abs. 1, 2 AVB­GasV oder der die Grund­ver­sor­gung betref­fen­den Vor­schrif­ten des der AVB­GasV zugrun­de lie­gen­den und ihr über­ge­ord­ne­ten Ener­gie­wirt­schafts­ge­set­zes – für § 5 Abs. 2 Gas­GVV aF gilt Ent­spre­chen­des – her­lei­ten lässt. Eine sol­che, ins­be­son­de­re auch im Wort­laut der genann­ten Bestim­mun­gen nicht ange­leg­te Bedeu­tung wür­de – wie dort im Ein­zel­nen aus­ge­führt – ihnen ein Ver­ständ­nis bei­mes­sen, das dem erkenn­ba­ren Wil­len des (natio­na­len) Gesetz- und Ver­ord­nungs­ge­bers ent­ge­gen­stün­de. Denn ins­be­son­de­re im Ver­ord­nungs­ge­bungs­ver­fah­ren ist deut­lich gewor­den, dass zum einen dem Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se des Gas­kun­den im Hin­blick auf die Beson­der­hei­ten der Grund­ver­sor­gung und aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit Gren­zen gesetzt und zum ande­ren ein Bedürf­nis zur Trans­pa­renz nur hin­sicht­lich des Umfangs einer Preis­än­de­rung und nicht dar­über hin­aus aner­kannt wer­den soll­ten 4.

Eben­so wenig lie­gen die in den BGH, Urtei­len vom 28.10.2015 5 näher dar­ge­stell­ten Vor­aus­set­zun­gen vor, unter denen eine unmit­tel­ba­re Anwen­dung der Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen der Gas-Richt­li­nie auf die zwi­schen den Par­tei­en bestehen­de Lie­fer­be­zie­hung in Betracht kommt. Zwar hat das Beru­fungs­ge­richt die Gas­ver­sor­ge­rin, bei der es sich um ein Kom­mu­nal­un­ter­neh­men in der Rechts­form der GmbH han­delt, als "Behör­de" ange­se­hen. Unge­ach­tet der Fra­ge, ob die Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen der Gas-Richt­li­nie die für eine unmit­tel­ba­re Anwen­dung erfor­der­li­che inhalt­li­che Unbe­dingt­heit und hin­rei­chen­de Genau­ig­keit auf­wei­sen, ist jedoch weder fest­ge­stellt noch sonst ersicht­lich, dass es sich bei der Gas­ver­sor­ge­rin um eine in der dafür erfor­der­li­chen Wei­se dem Staat zuzu­rech­nen­de Orga­ni­sa­ti­on oder Ein­rich­tung han­delt, ins­be­son­de­re dass die Gas­ver­sor­ge­rin bei der Erbrin­gung ihrer Ver­sor­gungs­leis­tun­gen mit (beson­de­ren) Rech­ten und Pflich­ten ver­se­hen sein soll­te, die über die­je­ni­gen hin­aus­ge­hen, wel­che sich aus den ansons­ten auf die­sem Gebiet für die Bezie­hun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen gel­ten­den Vor­schrif­ten erge­ben 6. Über­gan­ge­nen Tat­sa­chen­vor­trag zeigt die Revi­si­ons­er­wi­de­rung inso­weit nicht auf.

Die Preis­er­hö­hung ist auch nicht des­halb unwirk­sam, weil das Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men über die strei­ti­gen Preis­er­hö­hun­gen "ledig­lich selek­tiv unmit­tel­bar (brief­lich)" unter­rich­tet habe. Der Ver­ord­nungs­ge­ber hat zwar bei der Schaf­fung der Gas­GVV zusätz­lich zu der bereits in § 4 Abs. 1, 2 AVB­GasV ent­hal­te­nen Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung der öffent­li­chen Bekannt­ma­chung der Preis­än­de­rung unter ande­rem eine Ver­pflich­tung des Gas­ver­sor­gers geschaf­fen, zeit­gleich mit der öffent­li­chen Bekannt­ga­be der Preis­än­de­run­gen die­se auch auf sei­ner Inter­net­sei­te zu ver­öf­fent­li­chen und eine brief­li­che Mit­tei­lung an den Kun­den zu ver­sen­den (§ 5 Abs. 2 Satz 2 Gas­GVV aF). Dies ist hin­ge­gen nicht als ein wei­te­res Wirk­sam­keits­er­for­der­nis aus­ge­stal­tet, son­dern dient ledig­lich der erleich­ter­ten Kennt­nis­nah­me durch den Kun­den 7. Ohne­hin hat die Gas­ver­sor­ge­rin die Kun­din nach Inkraft­tre­ten der Gas­GVV zusätz­lich zur öffent­li­chen Bekannt­ga­be unstrei­tig auch per Brief über die jewei­li­gen Preis­an­pas­sun­gen unter­rich­tet.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nen Urtei­len vom 28.10.2015 8 ent­schie­den hat, ergibt sich aus der gebo­te­nen und sich an dem objek­tiv zu ermit­teln­den hypo­the­ti­schen Wil­len der Ver­trags­par­tei­en aus­zu­rich­ten­den ergän­zen­den Aus­le­gung (§§ 157, 133 BGB) eines – wie hier – auf unbe­stimm­te Dau­er ange­leg­ten Gas­lie­fe­rungs­ver­trags, dass der Grund­ver­sor­ger berech­tigt ist, Stei­ge­run­gen sei­ner Bezugs­kos­ten, soweit die­se nicht durch Kos­ten­sen­kun­gen in ande­ren Berei­chen aus­ge­gli­chen wer­den, wäh­rend der Ver­trags­lauf­zeit an sei­ne Kun­den wei­ter­zu­ge­ben, und er ver­pflich­tet ist, bei einer Tarif­an­pas­sung Kos­ten­sen­kun­gen eben­so zu berück­sich­ti­gen wie Kos­ten­er­hö­hun­gen.

Der Gas­ver­sor­ge­rin steht somit infol­ge ergän­zen­der Ver­trags­aus­le­gung des Gas­lie­fe­rungs­ver­trags der Par­tei­en ein Preis­än­de­rungs­recht, des­sen wirk­sa­me Aus­übung nicht an die Unter­rich­tung der Kun­din über ihr Kün­di­gungs­recht gebun­den ist, in dem vor­ste­hend beschrie­be­nen Umfang zu, so dass der berech­tig­ter­wei­se erhöh­te Preis zum ver­ein­bar­ten Preis wird. Aus­gangs­punkt dafür ist der zuletzt vor dem 7.09.2005 – dem Beginn des hier strei­ti­gen Ver­sor­gungs­zeit­raums – gel­ten­de Arbeits­preis, denn zuvor erfolg­te Preis­an­pas­sun­gen hat die Kun­din nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts nicht in Fra­ge gestellt 9. Von dem Preis­än­de­rungs­recht aller­dings nicht erfasst sind Preis­er­hö­hun­gen, die über die blo­ße Wei­ter­ga­be von (Bezugs-)Kostensteigerungen hin­aus­ge­hen und der Erzie­lung eines (zusätz­li­chen) Gewinns die­nen 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Dezem­ber 2015 – VIII ZR 208/​12

  1. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 21 ff., ins­be­son­de­re Rn. 33; und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 23 ff., ins­be­son­de­re Rn. 35[]
  2. EuGH, Urteil vom 23.10.2014 – C‑359/​11 und C‑400/​11, aaO – Schulz und Egbring­hoff[]
  3. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 34 ff.; und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 36 ff.[]
  4. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 59, und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 61[]
  5. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 63 ff.; und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 65 ff.; jeweils mwN[]
  6. vgl. EuGH, Urtei­le vom 12.07.1990 – C‑188/​89, Slg. 1990, I‑3313 Rn. 17 ff. – Fos­ter u.a.; vom 04.12 1997 – C‑253/​96 bis C‑258/​96, Slg. 1997, I‑6907 Rn. 46 f. – Kam­pel­mann u.a.; vom 05.02.2004 – C‑157/​02, Slg. 2004, I‑1515 Rn. 24 – Rie­ser Inter­na­tio­na­le Trans­por­te; vom 24.01.2012 – C‑282/​10, NJW 2012, 509 Rn. 39 – Dom­in­guez; jeweils mwN[]
  7. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 51, und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 53[]
  8. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 66 ff.; und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 68 ff.[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 84, und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 86[]
  10. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 85, und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 87; jeweils mwN[]