Kei­ne Auf­klä­rungs­pflicht über die Pro­vi­si­on frei­er Anla­ge­be­ra­ter

Für den nicht bank­mä­ßig gebun­de­nen, frei­en Anla­ge­be­ra­ter besteht – soweit nicht § 31d des Wert­pa­pier­han­dels­ge­set­zes ein­greift – nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs kei­ne Ver­pflich­tung gegen­über sei­nem Kun­den, unge­fragt über eine von ihm bei der emp­foh­le­nen Anla­ge erwar­te­te Pro­vi­si­on auf­zu­klä­ren, wenn der Kun­de selbst kei­ne Pro­vi­si­on zahlt und offen ein Agio oder Kos­ten für die Eigen­ka­pi­tal­be­schaf­fung aus­ge­wie­sen wer­den, aus denen ihrer­seits die Ver­triebs­pro­vi­sio­nen auf­ge­bracht wer­den 1.

Kei­ne Auf­klä­rungs­pflicht über die Pro­vi­si­on frei­er Anla­ge­be­ra­ter

Auf­klä­rungs­pflich­ten einer Bank

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist es aner­kannt, dass eine Bank, die einen Kun­den über Kapi­tal­an­la­gen berät und Fonds­an­tei­le emp­fiehlt, bei denen sie ver­deck­te Rück­ver­gü­tun­gen erhält, die­sen Kun­den über eine sol­che Rück­ver­gü­tung auf­zu­klä­ren hat, um ihm einen inso­fern bestehen­den Inter­es­sen­kon­flikt der Bank offen­zu­le­gen. Die­se ohne Rück­sicht auf die Höhe der Rück­ver­gü­tung bestehen­de Auf­klä­rungs­pflicht ver­setzt den Kun­den erst in die Lage, das Umsatz­in­ter­es­se der Bank selbst ein­zu­schät­zen und zu beur­tei­len. Wenn eine Bank einen Kun­den ohne Zwi­schen­schal­tung eines Ver­mö­gens­ver­wal­ters berät, Anla­ge­emp­feh­lun­gen abgibt und dabei an den emp­foh­le­nen Fonds durch Rück­ver­gü­tung ver­dient, sind die Kun­den­in­ter­es­sen durch die von der Bank erhal­te­nen Rück­ver­gü­tun­gen gefähr­det. Es besteht die kon­kre­te Gefahr, dass die Bank Anla­ge­emp­feh­lun­gen nicht allein im Kun­den­in­ter­es­se nach den Kri­te­ri­en anle­ger- und objekt­ge­rech­ter Bera­tung abgibt, son­dern zumin­dest auch in ihrem eige­nen Inter­es­se, mög­lichst hohe Rück­ver­gü­tun­gen zu erhal­ten. Dabei spielt es kei­ne Rol­le, ob die Rück­ver­gü­tun­gen einem bestimm­ten Geschäft unmit­tel­bar zuge­ord­net oder in gewis­sen Zeit­ab­stän­den gezahlt wer­den. Wesent­lich ist dabei nur, dass die Rück­ver­gü­tun­gen umsatz­ab­hän­gig sind 2. Auf­klä­rungs­pflich­ti­ge Rück­ver­gü­tun­gen lie­gen dabei nur dann vor, wenn Tei­le der Aus­ga­be­auf­schlä­ge oder Ver­wal­tungs­ge­büh­ren, die der Kun­de über die Bank an die Gesell­schaft zahlt, hin­ter sei­nem Rücken an die bera­ten­de Bank umsatz­ab­hän­gig zurück­flie­ßen, so dass die­se ein für den Kun­den nicht erkenn­ba­res beson­de­res Inter­es­se hat, gera­de die­se Betei­li­gung zu emp­feh­len 3.

Auf­klä­rungs­pflich­ten eines frei­en Anla­ge­be­ra­ters

Die­se vom Bun­des­ge­richts­hof für die Bera­tung einer Bank gegen­über ihren Kun­den unter Berück­sich­ti­gung der ver­trag­li­chen Bezie­hung zwi­schen ihnen und den dar­aus fol­gen­den Beson­der­hei­ten abge­lei­te­ten Grund­sät­ze sind, so der Bun­des­ge­richts­hof, auf den Bera­tungs­ver­trag des Klä­gers mit einem frei­en, nicht bank­ge­bun­de­nen Anla­ge­be­ra­ter regel­mä­ßig nicht über­trag­bar.

Das Ver­trags­ver­hält­nis zwi­schen dem Kun­den und sei­ner Bank ist übli­cher­wei­se auf Dau­er gegrün­det. Dies gilt selbst dann, wenn die Anla­ge­be­ra­tung sich als ers­ter Kon­takt zwi­schen dem Kun­den und sei­ner Bank dar­stellt, da regel­mä­ßig das Inter­es­se der Bank dar­auf gerich­tet sein wird, die infol­ge der Anla­ge­be­ra­tung vom Kun­den erwor­be­nen Wert­pa­pie­re etwa im Rah­men eines Depot­ver­trags für den Kun­den zu ver­wal­ten und ein wei­te­res Kon­to zur Abwick­lung der Wert­pa­pier­ge­schäf­te zu errich­ten. Die Ver­trags­be­zie­hung des Kun­den zu sei­ner Bank ist dar­über hin­aus regel­mä­ßig davon geprägt, dass die Bank für die jewei­li­gen Dienst­leis­tun­gen vom Kun­den Ent­gel­te oder Pro­vi­sio­nen erhält, etwa Depot­ge­büh­ren, Kon­to­füh­rungs­ge­büh­ren sowie An- und Ver­kaufs­pro­vi­si­on für den Erwerb oder die Ver­äu­ße­rung von Wert­pa­pie­ren. Der von sei­ner Bank bezüg­lich einer Geld­an­la­ge in Wert­pa­pie­re bera­te­ne Kun­de muss des­halb nicht damit rech­nen, dass die Bank bei der Anla­ge­be­ra­tung eige­ne Inter­es­sen ver­folgt, weil sie zum Bei­spiel ein umsatz­ab­hän­gi­ges eige­nes Pro­vi­si­ons­in­ter­es­se gegen­über dem jewei­li­gen Fonds­an­bie­ter hat. Dem­entspre­chend ist es dem Bank­kun­den nicht ohne wei­te­res erkenn­bar, auf­grund wel­cher Inter­es­sen­la­ge die kon­kre­te Anla­ge­be­ra­tung erfolgt und ob sie aus­schließ­lich von sei­nen Inter­es­sen als Anle­ger bestimmt wird, wenn die Bank ver­deckt Rück­ver­gü­tun­gen im oben genann­ten Sinn erhält. Soweit die Bank eige­ne Pro­duk­te emp­fiehlt, ist für den Kun­den offen­sicht­lich, dass sie neben even­tu­ell vom Kun­den zu zah­len­den Pro­vi­sio­nen mit der Anla­ge selbst und nicht nur mit­tels Ver­triebs­pro­vi­sio­nen Gewin­ne erzielt. Ins­ge­samt geht der Kun­de des­halb grund­sätz­lich nicht davon aus, dass die ihn bera­ten­de Bank aus den von ihm an die Anla­ge­ge­sell­schaft gezahl­ten Aus­ga­be­auf­schlä­gen oder Ver­wal­tungs­ge­büh­ren eine Rück­ver­gü­tung erhält.

Das ver­trag­li­che Ver­hält­nis zwi­schen einem Kun­den und sei­nem nicht bank­mä­ßig gebun­de­nen, frei­en Anla­ge­be­ra­ter weicht in ent­schei­den­den Punk-ten von dem zwi­schen einem Kun­den und sei­ner Bank ab. Wenn ein Anle­ger sich durch einen frei­en Anla­ge­be­ra­ter über eine Kapi­tal­an­la­ge, ins­be­son­de­re Fonds bera­ten lässt, und selbst kei­ne Pro­vi­si­on für die Anla­ge­be­ra­tung zahlt, so liegt es für den Kun­den auf der Hand, dass der Anla­ge­be­ra­ter von der kapi­tal­su­chen­den Anla­ge­ge­sell­schaft Ver­triebs­pro­vi­sio­nen erhält, die jeden­falls wirt­schaft­lich betrach­tet dem vom Kun­den an die Anla­ge­ge­sell­schaft gezahl­ten Betrag ent­nom­men wer­den. Da der Anla­ge­be­ra­ter mit der Bera­tung selbst sein Geld ver­die­nen muss, kann auch nicht ange­nom­men wer­den, er wür­de die­se Leis­tun­gen ins­ge­samt kos­ten­los erbrin­gen. Die ver­trag­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen einem Kun­den und einem Anla­ge­be­ra­ter sind auch regel­mä­ßig nicht in eine dau­er­haf­te Geschäfts­be­zie­hung ein­ge­bet­tet, auf­grund derer der Anla­ge­be­ra­ter Gebüh­ren oder Pro­vi­sio­nen vom Kun­den erhält. Dar­aus erhellt für den Kun­den, dass der Anla­ge­be­ra­ter bei allen von ihm emp­foh­le­nen Pro­duk­ten ein Pro­vi­si­ons­in­ter­es­se hat, das – wie bereits aus­ge­führt – sich nur auf eine Pro­vi­si­on sei­tens der Anla­ge­ge­sell­schaft bezie­hen kann. Dabei wird dem Kun­den des Anla­ge­be­ra­ters beson­ders deut­lich vor Augen geführt, dass der Bera­ter sei­ne Ver­gü­tung von der Anla­ge­ge­sell­schaft erhält, wenn er Ver­wal­tungs­ge­büh­ren oder Aus­ga­be­auf­schlä­ge zusätz­lich zum Anla­ge­be­trag zah­len muss, die dem Kapi­tal­stock sei­ner Anla­ge nicht zugu­te kom­men. Wenn dem Kun­den bekannt ist, dass in sei­nem Zah­lungs­be­trag zum Bei­spiel ein Agio ent­hal­ten ist, so liegt für ihn erst recht klar erkenn­bar zuta­ge, dass aus die­sen Mit­teln auch Ver­triebs­pro­vi­sio­nen gezahlt wer­den, an denen sein Anla­ge­be­ra­ter par­ti­zi­piert. Weil für den Kun­den ins­ge­samt das Pro­vi­si­ons­in­ter­es­se sei­nes Anla­ge­be­ra­ters bei jeder Anla­ge­emp­feh­lung offen zuta­ge liegt, kann sich ein Inter­es­sen­kon­flikt im Hin­blick auf die ver­dien­te Pro­vi­si­on des­halb nur aus der Pro­vi­si­ons­hö­he aus der kon­kret emp­foh­le­nen Anla­ge im Ver­gleich zur Pro­vi­si­ons­hö­he bei ande­ren Anla­ge­pro­duk­ten erge­ben. Um die­ses Risi­ko ein­zu­schät­zen, kann ein Inter­es­se des Kun­den bestehen, die kon­kre­te Höhe der vom Bera­ter erziel­ten Pro­vi­si­on bei Täti­gung der Anla­ge durch den Kun­den zu erfah­ren. Da dem Kun­den das gene­rel­le Pro­vi­si­ons­in­ter­es­se bekannt ist, ist es ihm unschwer mög­lich, so er Zwei­fel an der anle­ger­ge­rech­ten Bera­tung hat, die­se von sei­nem Anla­ge­be­ra­ter zu erfra­gen. Von einem Anla­ge­be­ra­ter kann aber nicht ver­langt wer­den, dass er sei­ne Kun­den ohne Anlass oder Nach­fra­ge über die Höhe gege­be­nen­falls sämt­li­cher Pro­vi­sio­nen für die Ver­mitt­lung der in sei­nem Bera­tungs­pro­gramm ent­hal­te­nen Anla­gen auf­klärt.

Danach besteht wegen der Beson­der­hei­ten der ver­trag­li­chen Bezie­hung zwi­schen einem Anle­ger und sei­nem Anla­ge­be­ra­ter jeden­falls dann – soweit nicht der im vor­lie­gen­den Fall nicht anwend­ba­re § 31d WpHG ein­greift – kei­ne Ver­pflich­tung für den Bera­ter, unge­fragt den Anle­ger über eine von ihm bei der emp­foh­le­nen Anla­ge erwar­te­te Pro­vi­si­on auf­zu­klä­ren, wenn die­ser selbst – wie hier – kei­ne Pro­vi­si­on an den Bera­ter zahlt und offen ein Agio oder Kos­ten für die Eigen­ka­pi­tal­be­schaf­fung aus­ge­wie­sen wer­den, aus denen ihrer­seits die Ver­triebs­pro­vi­sio­nen auf­ge­bracht wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. April 2010 – III ZR 196/​09

  1. Abgren­zung zu BGHZ 170, 226 und BGH, Beschluss vom 20. Janu­ar 2009 – XI ZR 510/​07NJW 2009, 1416[]
  2. BGHZ 170, 226, 234 f Rn. 23; BGH, Urteil vom 20.01.2009 – XI ZR 510/​07, NJW 2009, 1416, 1417 Rn. 12[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 27.10.2009 – XI ZR 338/​08, ZIP 2009, 2380, 2383 Rn. 31[]