Wider­rufs­recht bei geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds

Die Richt­li­nie 85/​577/​EWG des Rates vom 20. Dezem­ber 1985 betref­fend den Ver­brau­cher­schutz im Fal­le von außer­halb von Geschäfts­räu­men geschlos­se­nen Ver­trä­gen ist auf den Bei­tritt zu einem geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds anwend­bar, wenn der Zweck des Bei­tritts nicht vor­ran­gig dar­in besteht, Mit­glied die­ser Gesell­schaft zu wer­den, son­dern Kapi­tal anzu­le­gen. Dies gilt unab­hän­gig davon, ob der Fonds in der Rechts­form einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts oder einer OHG bzw. KG errich­tet ist (acte clai­re).

Wider­rufs­recht bei geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds

Die Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft, die ent­spre­chend den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des Zivil­rechts einen ver­nünf­ti­gen Aus­gleich und eine gerech­te Risi­ko­ver­tei­lung zwi­schen den ein­zel­nen Betei­lig­ten sichern soll, ist mit der Richt­li­nie 85/​577/​EWG ver­ein­bar und bleibt anwend­bar. Art. 5 Abs. 2 der Richt­li­nie schließt damit auch nicht aus, den wider­ru­fen­den Ver­brau­cher auf sei­ne Haft­sum­me nach § 171 Abs. 1 HGB in Anspruch zu neh­men.

Mit die­ser Ent­schei­dung reagiert der Bun­des­ge­richts­hof erneut auf das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 15. April 2010 1. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat auf die in einem ande­ren Ver­fah­ren vom Bun­des­ge­richts­hof zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­leg­ten Fra­gen aus­ge­führt, dass die Richt­li­nie 85/​577/​EWG des Rates vom 20. Dezem­ber 1985 betref­fend den Ver­brau­cher­schutz im Fal­le von außer­halb von Geschäfts­räu­men geschlos­se­nen Ver­trä­gen zwar auf den Bei­tritt zu einem geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds in der Form einer Per­so­nen­ge­sell­schaft anwend­bar ist, wenn der Zweck des Bei­tritts nicht vor­ran­gig dar­in besteht, Mit­glied die­ser Gesell­schaft zu wer­den, son­dern Kapi­tal anzu­le­gen. Dies gilt unab­hän­gig davon, ob der Fonds in der Form einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts oder einer OHG bzw. KG errich­tet ist (acte clai­re). Der Euro­päi­sche Gerichts­hof stellt auf die Erklä­rung des Bei­tritts zum Zweck der Kapi­tal­an­la­ge ab; nach sei­ner Auf­fas­sung kommt es für die Fra­ge der Anwend­bar­keit der Richt­li­nie in ers­ter Linie auf die Umstän­de des Ver­trags­schlus­ses und nicht auf die Rechts­form der Anla­ge­ge­sell­schaft an.

Die Richt­li­nie schließt es nach Ansicht des Gerichts­hofs in die­sen Fäl­len aber kei­nes­wegs aus, dass der Ver­brau­cher gege­be­nen­falls gewis­se Fol­gen tra­gen muss, die sich aus der Aus­übung sei­nes Wider­rufs­rechts erge­ben 2. Wie der Euro­päi­sche Gerichts­hof aus­drück­lich fest­ge­stellt hat, darf das natio­na­le Recht bei der Rege­lung der Rechts­fol­gen des Wider­rufs einen ver­nünf­ti­gen Aus­gleich und eine gerech­te Risi­ko­ver­tei­lung zwi­schen den ein-zel­nen Betei­lig­ten her­stel­len 3. Es ist ins­be­son­de­re zuläs­sig, dem wider­ru­fen­den Ver­brau­cher und nicht den Dritt­gläu­bi­gern die finan­zi­el­len Fol­gen des Wider­rufs des Bei­tritts auf­zu­er­le­gen, zumal die­se an dem Ver­trag, der wider­ru­fen wird, nicht betei­ligt waren 4.

Die Aus­füh­run­gen des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zur Ver­ein­bar­keit der Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft mit Art. 5 Abs. 2 der Richt­li­nie gel­ten wegen der iden­ti­schen Inter­es­sen­la­ge bei einer Per­so­nen­han­dels­ge­sell­schaft eben­so wie bei einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts. Damit schließt Art. 5 Abs. 2 der Richt­li­nie auch nicht aus, die wider­ru­fen­den Ver­brau­cher auf ihre Haft­sum­me gem. § 171 Abs. 1 HGB in Anspruch zu neh­men.

Die Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft trägt der Beson­der­heit des Gesell­schafts­rechts Rech­nung, dass – nach­dem die Orga­ni­sa­ti­ons­ein­heit erst ein­mal, wenn auch auf feh­ler­haf­ter Grund­la­ge in Voll­zug gesetzt wor­den ist – die Ergeb­nis­se die­ses Vor­gangs, der regel­mä­ßig mit dem Ent­ste­hen von Ver­bind­lich­kei­ten ver­bun­den ist, nicht ohne wei­te­res rück­gän­gig gemacht wer­den kön­nen. Die­se Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft, der der feh­ler­haf­te Gesell­schafts­bei­tritt gleich­steht 5, gehört zum "gesi­cher­ten Bestand­teil des Gesell­schafts­rechts" 6. Die gegen­läu­fi­gen Inter­es­sen des Bei­tre­ten­den, der Mit­ge­sell­schaf­ter und der Gläu­bi­ger der Gesell­schaft wer­den gleich­mä­ßig berück­sich­tigt. Dar­in liegt die Eigen­heit der gesell­schafts­recht­li­chen Kon­stel­la­ti­on. Der Kern der Aus­sa­gen der Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft bzw. von dem feh­ler­haf­ten Betritt besteht nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, der die Lite­ra­tur ein­mü­tig folgt, dar­in, dass der Bei­tre­ten­de – bis zum Aus­tritt infol­ge der gel­tend gemach­ten Feh­ler­haf­tig­keit durch Wider­ruf/​Kün­di­gungGesell­schaf­ter mit allen Rech­ten und Pflich­ten ist, und zwar sowohl im Innen- 7 als auch im Außen­ver­hält­nis 8. Ist der feh­ler­haft Bei­getre­te­ne bis zum Zeit­punkt sei­nes Aus­schei­dens Kom­man­di­tist mit allen Rech­ten und Pflich­ten, ist er das auch in Bezug auf sei­ne Außen­haf­tung nach § 171 HGB.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Juli 2010 – II ZR 269/​07

  1. EuGH, Urteil vom 15.04.2010 – C‑215/​08, ZIP 2010, 772 ff.[]
  2. EuGH, ZIP 2010, 772 Tz. 45[]
  3. EuGH, aaO Tz. 48[]
  4. EuGH, aaO Tz. 49[]
  5. BGHZ 26, 330, 334 ff.; BGHZ 153, 214, 221; BGH, Urtei­le vom 14.10.1991 – II ZR 212/​90, WM 1992, 490, 491; und vom 02.07.2001 – II ZR 304/​00, ZIP 2001, 1364, 1366[]
  6. BGHZ 55, 5, 8[]
  7. sie­he bereits BGHZ 26, 330, 334[]
  8. so zu §§ 128 ff. HGB: BGHZ 44, 235, 236; BGH, Urteil vom 12.10.1983 – II ZR 251/​86, ZIP 1988, 512, 513; BGHZ 177, 108 Tz. 22; sie­he zur Lite­ra­tur nur Staub/​Habersack, HGB 5. Aufl., § 130 Rn. 7 m.w.N.[]