Wider­ruf eines Gesell­schafts­bei­tritts – die Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft

Die Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft ist mit EU-Recht ver­ein­bar, ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hofs anhand eines Rechts­streits, in dem der Wider­ruf eines Gesell­schafts­bei­tritts nach (frü­he­ren) Haus­tür­wi­der­rufs­ge­setz erklärt wor­den war, und setzt damit ein Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on um.

Wider­ruf eines Gesell­schafts­bei­tritts – die Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft

Der Beklag­te hat 1991 auf­grund von Ver­hand­lun­gen, die in sei­ner Pri­vat­woh­nung geführt wor­den sind, sei­nen Bei­tritt zu einem geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds in Form einer GbR, einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts, erklärt.

In einem Vor­pro­zess for­der­te die Klä­ge­rin als Geschäfts­füh­re­rin der GbR vom Beklag­ten die Zah­lung von Nach­schüs­sen, die die Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung der GbR zur Besei­ti­gung von Unter­de­ckun­gen beschlos­sen hat­te. Im Lau­fe des Ver­fah­rens hat der Beklag­te sei­ne Mit­glied­schaft in der GbR frist­los gekün­digt und die Bei­tritts­er­klä­rung nach § 3 HWiG (jetzt § 312 BGB) wider­ru­fen. Die Kla­ge ist im Vor­pro­zess mit der Begrün­dung abge­wie­sen wor­den, nach wirk­sa­mer Kün­di­gung des Gesell­schafts­bei­tritts durch den Beklag­ten bestün­den zwi­schen den Par­tei­en nur noch Ansprü­che nach den Grund­sät­zen der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft. Die Nach­schuss­for­de­rung sei daher nicht mehr selb­stän­dig ein­klag­bar, son­dern sie sei als unselb­stän­di­ger Rech­nungs­pos­ten in die zu erstel­len­de Aus­ein­an­der­set­zungs­rech­nung ein­zu­stel­len.

Die Klä­ge­rin hat die­ser Rechts­an­sicht des Beru­fungs­ge­richts im Vor­pro­zess Rech­nung getra­gen und eine Aus­ein­an­der­set­zungs­rech­nung erstellt, die ein nega­ti­ves Auseinandersetzungs-„Guthaben“ des Beklag­ten – d.h. einen Anspruch der Gesell­schaft gegen den Beklag­ten auf Ver­lust­de­ckung nach § 739 BGB – aus­weist.

Der Beklag­te betreibt gegen die Klä­ge­rin die Zwangs­voll­stre­ckung aus dem Kos­ten­fest­set­zungs­be­schluss des Vor­pro­zes­ses. Die Klä­ge­rin hat mit ihrer For­de­rung gegen den Beklag­ten auf Zah­lung die­ses Anspruchs auf Ver­lust­de­ckung die Auf­rech­nung gegen die For­de­rung aus dem Kos­ten­fest­set­zungs­be­schluss erklärt und im vor­lie­gen­den Rechts­streit Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge erho­ben. Das Land­ge­richt Mün­chen I hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben [1], Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat dage­gen auf die Beru­fung des Beklag­ten das land­ge­richt­li­che Urteil auf­ge­ho­ben und die Kla­ge abge­wie­sen [2]. Hier­ge­gen rich­tet sich die vom Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen zuge­las­se­ne Revi­si­on der Klä­ge­rin.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in die­ser Sache zunächst ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gerich­tet [3]. Der EuGH hat ent­schie­den, dass die Haus­tür­ge­schäf­te-Richt­li­nie [4] grund­sätz­lich auf den Bei­tritt zu einer Per­so­nen­ge­sell­schaft anwend­bar ist, wenn der Zweck eines sol­chen Bei­tritts vor­ran­gig nicht dar­in besteht, Mit­glied die­ser Gesell­schaft zu wer­den, son­dern Kapi­tal anzu­le­gen. Zugleich ste­he Art. 5 Abs. 2 der Richt­li­nie einer Rück­ab­wick­lung eines wirk­sam wider­ru­fe­nen Gesell­schafts­bei­tritts nach den Grund­sät­zen der im deut­schen Recht aner­kann­ten Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft nicht ent­ge­gen, auch wenn dadurch der Ver­brau­cher mög­li­cher­wei­se weni­ger als den Wert sei­ner Ein­la­ge zurück­er­hal­te oder sich am Ver­lust des Fonds betei­li­gen müs­se [5]. Nach dem Urteil des Gerichts­hofs der Euor­päi­schen Unon bleibt daher die Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft anwend­bar.

Der Bun­des­ge­richts­hofs hat in Umset­zung die­ses Urteils des EuGH nun die land­ge­richt­li­che Ent­schei­dung wie­der­her­ge­stellt. Der Klä­ge­rin steht gegen den Beklag­ten ein Anspruch auf Ver­lust­aus­gleich auch dann zu, wenn der Beklag­te sei­nen Bei­tritt zu dem geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds wirk­sam nach § 3 HWiG (jetzt § 312 BGB) wider­ru­fen hat. Die Klä­ge­rin konn­te mit die­sem Anspruch gegen die Kos­ten­for­de­rung auf­rech­nen, so dass die Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge begrün­det ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Juli 2010 – II ZR 292/​06

  1. LG Mün­chen I, Urteil vom 25.04.2006 – 34 O 16095/​05[]
  2. OLG Mün­chen, Urteil vom 23.11.2006 – 8 U 3479/​06[]
  3. BGH – II ZR 292/​06, ZIP 2008,1018[]
  4. Richt­li­nie 85/​577/​EWG des Rates vom 20. Dezem­ber 1985 betref­fend den Ver­brau­cher­schutz im Fal­le von außer­halb von Geschäfts­räu­men geschlos­se­nen Ver­trä­gen[]
  5. EuGH, Urteil vom 15.04.2010 – C‑215/​08, DStR 2010, 878[]