Sat.1 und das Has­seröder Män­ner-Camp

Die Live­schal­tun­gen des Fern­seh­sen­ders Sat.1 in das "Has­seröder Män­ner-Camp" waren kei­ne unzu­läs­si­ge Pro­dukt­plat­zie­rung.

Sat.1 und das Has­seröder Män­ner-Camp

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig ent­schied, dass Sat.1 nicht die Gren­zen zuläs­si­ger Pro­dukt­plat­zie­rung über­schrit­ten hat, als es im Vor- und Nach­spann zur Über­tra­gung eines Fuß­ball­spiels Live­schal­tun­gen in das "Has­seröder Män­ner-Camp" vor­nahm.

Seit 2010 ist nach dem Rund­funk­staats­ver­trag Pro­dukt­plat­zie­rung im Fern­se­hen aus­nahms­wei­se u.a. in Sport­sen­dun­gen zuläs­sig. Eine Vor­aus­set­zung hier­für ist, dass das Pro­dukt nicht zu stark her­aus­ge­stellt wird. Sat.1 über­trug im Mai 2011 das Fina­le der UEFA-Euro­pa League. Im Rah­men von zwei Live­schal­tun­gen in das "Has­seröder Män­ner-Camp" wur­de ein Fuß­ball­ex­per­te (Rei­ner Cal­mund) inter­viewt, neben dem vier Män­ner zu sehen waren. Sie waren durch ein Gewinn­spiel aus­ge­wählt wor­den, ein Wochen­en­de in dem "Has­seröder Män­ner-Camp" zu ver­brin­gen. Die Män­ner tru­gen jeweils Sweat­shirts mit den Auf­dru­cken der Braue­rei. Wäh­rend der ers­ten Live­schal­tung stan­den sie an einem Tisch, auf dem sich fünf gefüll­te Bier­glä­ser sowie ein Eis­kü­bel mit dem Schrift­zug der Braue­rei befan­den. Wäh­rend der zwei­ten Live­schal­tung spiel­ten die vier Män­ner wäh­rend des Inter­views Tisch­fuß­ball; vor dem Fuß­ball­ex­per­ten stand eine Fla­sche mit dem sicht­ba­ren Emblem der Braue­rei. In den 50 Sekun­den bzw. 1:17 Minu­ten dau­ern­den Live­schal­tun­gen wur­de der Name der Braue­rei drei- bzw. zwei­mal erwähnt. Die beklag­te Lan­des­zen­tra­le für Medi­en und Kom­mu­ni­ka­ti­on Rhein­land-Pfalz bean­stan­de­te die Pro­dukt­plat­zie­rung als Ver­stoß gegen den Rund­funk­staats­ver­trag. Auf die Kla­ge von Sat.1 hin hat das Ver­wal­tungs­ge­richt den Bean­stan­dungs­be­scheid der Lan­des­zen­tra­le auf­ge­ho­ben. Auf deren Beru­fung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt die Kla­ge abge­wie­sen. Es hat ange­nom­men, ein Pro­dukt wer­de im Sin­ne des Rund­funk­staats­ver­tra­ges zu stark her­aus­ge­stellt, wenn die Her­aus­stel­lung nach ihrer Art, ihrer Häu­fig­keit und ihrer Dau­er nicht durch redak­tio­nel­le Erfor­der­nis­se des Pro­gramms oder die Not­wen­dig­keit der Dar­stel­lung der Lebens­wirk­lich­keit gerecht­fer­tigt sei. Die­se Gren­ze sei im vor­lie­gen­den Fall von Sat.1 über­schrit­ten wor­den.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat der Revi­si­on von Sat.1 statt­ge­ge­ben. Die Her­aus­stel­lung eines Pro­dukts ist nicht bereits des­halb zu stark, weil ein hier­mit ver­folg­ter Wer­be­zweck sich als sol­cher erkenn­bar im Sen­dungs­ge­sche­hen abbil­det. Zu stark ist sie erst dann, wenn der Wer­be­zweck das Sen­dungs­ge­sche­hen domi­niert, d.h. der redak­tio­nel­le Gesche­hens­ab­lauf ihm gegen­über in den Hin­ter­grund rückt. Ob dies der Fall ist, bestimmt sich all­ge­mein nach der Zahl und Län­ge der Pro­dukt­dar­stel­lun­gen sowie danach, wie weit die­se sich ihrer Art nach vom übri­gen Sen­dungs­ge­sche­hen abhe­ben und gege­be­nen­falls den redak­tio­nel­len Hand­lungs­ab­lauf sogar regel­recht unter­bre­chen. Erscheint – wie im vor­lie­gen­den Fall – ein bestimm­ter Hand­lungs­strang in die Sen­dung auf­ge­nom­men, um Gele­gen­heit für eine Pro­dukt­plat­zie­rung zu schaf­fen, gel­ten zusätz­li­che Anfor­de­run­gen. Es kommt hier auch dar­auf an, inwie­weit der auf­ge­nom­me­ne Hand­lungs­strang hin­rei­chend star­ke Bezü­ge zum redak­tio­nel­len Sen­dungs­kon­zept auf­weist und sich so im Gan­zen betrach­tet – trotz der werb­li­chen Motiv­la­ge – noch in das übri­ge Sen­dungs­ge­sche­hen inhalt­lich ein­passt.

Im vor­lie­gen­den Fall hat­ten die Inter­views mit dem der Öffent­lich­keit bekann­ten Fuß­ball­ex­per­ten im "Has­seröder Män­ner-Camp" über­wie­gend das über­tra­ge­ne Fuß­ball­spiel zum Gegen­stand. Das Pro­dukt bzw. die Emble­me der Braue­rei sind im Rah­men der Kame­ra­füh­rung nicht künst­lich in den Vor­der­grund gerückt (fokus­siert) wor­den und über­la­ger­ten so die Inter­views nicht. Ver­meint­li­che Qua­li­tä­ten des dar­ge­stell­ten Pro­dukts spiel­ten in den Live­schal­tun­gen kei­ne Rol­le. Das Zei­gen einer gesel­li­gen Zusam­men­kunft von Men­schen zur gemein­sa­men Ver­fol­gung eines Fuß­ball­spiels bil­det in einer Fuß­ball­sen­dung kei­nen Fremd­kör­per, son­dern fügt sich in die­se kon­zep­tio­nell ein. Fer­ner ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Zuschau­er im Rah­men von Fuß­ball­sen­dun­gen (ein­schließ­lich des Vor- und Nach­spanns zur Spiel­über­tra­gung) ohne­hin mit einer Viel­zahl werb­lich moti­vier­ter Dar­stel­lun­gen kon­fron­tiert sind; daher ist ein wei­ter gefass­ter Maß­stab als in ande­ren Sen­dungs­for­ma­ten ange­bracht. Bei Wür­di­gung sämt­li­cher die­ser Umstän­de hiel­ten sich die Live­schal­tun­gen in das "Has­seröder Män­ner-Camp" im Rah­men des rund­funk­recht­lich Zuläs­si­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 23. Juli 2014 – 6 C 31.2013 -