Sexu­el­ler Miß­brauch wäh­rend der Hyp­no­se­be­hand­lung

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart hat die Kla­ge eines Psy­cho­the­ra­peu­ten gegen den Wider­ruf sei­ner Appro­ba­ti­on im Jah­re 2009 durch das im Regie­rungs­prä­si­di­um Stutt­gart ange­sie­del­te Lan­des­ge­sund­heits­amt Baden-Würt­tem­berg mit der Begrün­dung zurück­ge­wie­sen, dass der Psy­cho­the­ra­peut durch den sexu­el­len Miss­brauch unter Aus­nut­zung eines Behand­lungs­ver­hält­nis­ses unwür­dig zur Aus­übung sei­nes Beru­fes ist.

Sexu­el­ler Miß­brauch wäh­rend der Hyp­no­se­be­hand­lung

Der als psy­cho­lo­gi­scher Psy­cho­the­ra­peut prak­ti­zie­ren­de 62-Jäh­ri­ge Klä­ger war rechts­kräf­tig im Juli 2008 wegen sexu­el­len Miss­brauchs unter Aus­nut­zung eines Behand­lungs­ver­hält­nis­ses in sie­ben Fäl­len zu einer Gesamt­frei­heits­stra­fe von einem Jahr und drei Mona­ten auf Bewäh­rung ver­ur­teilt wor­den. Der Klä­ger hat­te nach den straf­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen zwi­schen 2003 und letzt­mals im Janu­ar 2008 an min­des­tens sie­ben Pati­en­tin­nen im Alter von ca. 20 bis 41 Jah­ren sexu­el­le Miss­brauchs­hand­lun­gen vor­ge­nom­men, wäh­rend er bei ihnen Ent­span­nungs- oder Atem­übun­gen bzw. Hyp­no­se­be­hand­lun­gen durch­führ­te. Der Klä­ger trug dage­gen vor, das Straf­ur­teil, an wel­ches das Ver­wal­tungs­ge­richt nicht gebun­den sei, beru­he letzt­lich auf einem Deal "Geständ­nis gegen Bewäh­rungs­stra­fe". Das Lan­des­ge­sund­heits­amt Baden-Würt­tem­berg hielt dem ent­ge­gen, es sei nicht zu erken­nen, dass der Klä­ger im Straf­ver­fah­ren ein fal­sches Geständ­nis abge­ge­ben habe. Das Ver­wal­tungs­ge­richt sei des­halb nicht gehal­ten, das gesam­te Ver­fah­ren noch ein­mal auf­zu­rol­len. Auch habe der Klä­ger gegen das Straf­ur­teil kein Rechts­mit­tel ein­ge­legt.

Die Stutt­gar­ter Ver­wal­tungs­rich­ter gaben nun dem Lan­des­ge­sund­heits­amt Recht und sahen den Wider­ruf als recht­mä­ßig an: Das Lan­des­ge­sund­heits­amt habe den kla­gen­den Psy­cho­the­ra­peu­ten zu Recht als unwür­dig beur­teilt, denn sein schwer­wie­gen­des Fehl­ver­hal­ten las­se eine wei­te­re Berufs­aus­übung als Psy­cho­the­ra­peut untrag­bar erschei­nen. Nach den straf­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen habe der Klä­ger zwi­schen 2003 und letzt­mals im Janu­ar 2008 in fünf Fäl­len im Rah­men von Ent­span­nungs- bzw. Atem­übun­gen sei­nen Pati­en­tin­nen unter die Klei­dung gegrif­fen und deren Brüs­te betas­tet sowie zwei­mal im Rah­men einer Hyp­no­se­be­hand­lung, bei der die Pati­en­tin jedoch nicht in einen hyp­no­ti­schen Zustand gera­ten sei­en, deren Brüs­te ein­mal über und ein­mal unter ihrem BH betas­tet. Die­se straf­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen lege das Ver­wal­tungs­ge­richt auch sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de.

Das Ver­hal­ten des Klä­gers, das sich nicht nur über einen län­ge­ren Zeit­raum von meh­re­ren Jah­ren hin­ge­zo­gen und auf meh­re­re Pati­en­tin­nen bezo­gen habe, son­dern sich gera­de im beson­ders schutz­be­dürf­ti­gen Bereich des direk­ten Ver­hält­nis­ses zwi­schen The­ra­peut und Pati­en­tin mani­fes­tiert habe, stel­le eine schwer­wie­gen­de Ver­feh­lung dar, die eine wei­te­re Berufs­aus­übung untrag­bar erschei­nen las­se.

Den vom Klä­ger gegen das Straf­ur­teil erho­be­nen Ein­wen­dun­gen lie­ßen sich kei­ne gewich­ti­gen Anhalts­punk­te ent­neh­men, dass die hier­in getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen unrich­tig sein könn­ten. Der Klä­ger habe in der Haupt­ver­hand­lung vor dem Amts­ge­richt die Taten voll­um­fäng­lich ein­ge­räumt und sogar erklärt, er wis­se nicht, wie er sich habe so fehl­ver­hal­ten kön­nen; dar­über hin­aus habe er noch im Ter­min auf Rechts­mit­tel ver­zich­tet.

Soweit der Klä­ger nun im ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren dar­auf hin­wei­se, es habe sich dabei um einen Deal im Straf­ver­fah­ren gehan­delt, so ver­mö­ge dies die Rich­tig­keit der Fest­stel­lun­gen nicht infra­ge zu stel­len. Auch ein soge­nann­ter Deal besa­ge nicht, dass der Klä­ger ein fal­sches Geständ­nis abge­legt habe. Der Deal bedeu­te ledig­lich, dass der betrof­fe­ne Ange­klag­te im Gegen­zug für ein Geständ­nis, das wei­te­re Ermitt­lun­gen über­flüs­sig mache oder den geschä­dig­ten Zeu­gin­nen ein erneu­tes Auf­tre­ten vor Gericht erspa­re, ein mil­de­res Urteil erhal­te.

Weder das fort­ge­schrit­te­ne Lebens­al­ter des Klä­gers noch der Umstand, dass er sich nach sei­nem Vor­trag in der letz­ten Zeit nichts mehr habe zuschul­den kom­men las­sen, führ­ten zu einer ande­ren Beur­tei­lung. Davon abge­se­hen, dass es eine Selbst­ver­ständ­lich­keit dar­stel­len soll­te, dass der Klä­ger sich nicht wie­der zu Las­ten sei­ner Pati­en­tin­nen straf­bar gemacht habe, sei der Wider­ruf der Appro­ba­ti­on allein durch die Tat­sa­che gerecht­fer­tigt, dass er sich als unwür­dig erwie­sen habe. Der Wider­ruf der Appro­ba­ti­on erwei­se sich auch im Hin­blick auf den damit ver­bun­de­nen Ein­griff in die Berufs­frei­heit als ver­hält­nis­mä­ßig, denn der Wider­ruf sei durch die über­ra­gen­de Bedeu­tung des Schut­zes des Anse­hens der Berufs­grup­pe des Klä­gers im Inter­es­se eines funk­tio­nie­ren­den The­ra­peut-Pati­en­ten-Ver­hält­nis­ses gerecht­fer­tigt.

Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 1. Okto­ber 2009 – 4 K 597/​09