Ter­ror­gel­der

Wie ist in der Euro­päi­schen Uni­on mit Kon­ten und Ver­mö­gens­wer­ten von Per­so­nen zu ver­fah­ren, die El-Quai­da nahe­ste­hen? Mit die­ser Fra­ge hat­te sich jetzt das Gericht ers­ter Instanz der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten zu befas­sen.

Ter­ror­gel­der

Omar Moham­med Oth­man, auch unter dem Namen „Abu Qata­da“ bekannt, ist ein jor­da­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, der seit 1993 im Ver­ei­nig­ten König­reich lebt. Seit Febru­ar 2001 wur­de er wie­der­holt auf­grund der bri­ti­schen Anti­ter­ror­vor­schrif­ten ver­haf­tet und wird gegen­wär­tig immer noch fest­ge­hal­ten. Die Ent­schei­dung der bri­ti­schen Regie­rung, ihn nach Jor­da­ni­en aus­zu­lie­fern, die durch ein Urteil des House of Lords (Obers­tes Gericht des Ver­ei­nig­ten König­reichs) vom 18. Febru­ar 2009 bestä­tigt wur­de, wird der­zeit auf­grund einer von Herrn Oth­man beim Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te erho­be­nen Indi­vi­du­al­be­schwer­de nicht voll­zo­gen.

Herr Oth­man wur­de vom Sank­ti­ons­aus­schuss des Sicher­heits­rats der Ver­ein­ten Natio­nen als eine mit Osa­ma Bin Laden, Al-Qai­da oder den Tali­ban ver­bün­de­te Per­son bezeich­net. Auf­grund einer Rei­he von Reso­lu­tio­nen des Sicher­heits­rats müs­sen alle Mit­glied­staa­ten der Orga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen die direkt oder indi­rekt von der­ar­ti­gen Per­so­nen oder Ein­rich­tun­gen kon­trol­lier­ten Gel­der und sons­ti­gen Ver­mö­gens­wer­te ein­frie­ren.

In der Euro­päi­schen Gemein­schaft erließ der Rat zur Umset­zung die­ser Reso­lu­tio­nen eine Ver­ord­nung 1, mit der das Ein­frie­ren der Gel­der und sons­ti­gen wirt­schaft­li­chen Wer­te der Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen, deren Namen in einer der Ver­ord­nung bei­gefüg­ten Lis­te genannt wer­den, ange­ord­net wird. Die­se Lis­te wird regel­mä­ßig ange­passt, um Ände­run­gen der kon­so­li­dier­ten Lis­te des Sank­ti­ons­aus­schus­ses, des Organs des Sicher­heits­rats, Rech­nun­gen zu tra­gen. Ent­spre­chend wur­de am 19. Okto­ber 2001 der Name von Herrn Oth­man der kon­so­li­dier­ten Lis­te hin­zu­ge­fügt und dann in die Lis­te der Gemein­schafts­ver­ord­nung auf­ge­nom­men.

Herr Oth­man erhob dar­auf­hin beim Gericht ers­ter Instanz Kla­ge auf Nich­tig­erklä­rung der Ver­ord­nung, soweit die­ser Rechts­akt ihn betrifft. Und das EuG gab ihm zunächst Recht:

Das EuG bezog ist in sei­ner Ent­schei­dung zunächst auf das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten im Fall Kadi 2, in dem der EuGH die Ver­ord­nung des Rates für nich­tig erklärt hat, soweit damit die Gel­der der bei­den Rechts­mit­tel­füh­rer ein­ge­fro­ren wur­den, weil die Ver­ord­nung unter Ver­stoß gegen die Grund­rech­te die­ser Per­so­nen, ins­be­son­de­re die Rech­te auf Ver­tei­di­gung, effek­ti­ve gericht­li­che Kon­trol­le und Eigen­tum, erlas­sen wor­den war.

Das EuG führt aus, dass sich Herr Oth­man sowohl hin­sicht­lich des Ver­fah­rens, das zum Erlass der ange­foch­te­nen Ver­ord­nung geführt hat, als auch bezüg­lich des Umfangs, der Aus­wir­kun­gen und der mög­li­chen Recht­fer­ti­gung der Ein­schrän­kung der Aus­übung sei­nes Eigen­tums­rechts infol­ge der Ver­ord­nung in einer tat­säch­li­chen und recht­li­chen Lage befin­det, die in allen Punk­ten mit der­je­ni­gen von Herrn Kadi ver­gleich­bar ist. Das Gericht ist daher zu dem Schluss gelangt, dass der Rat die Ver­ord­nung unter Ver­stoß gegen die Grund­rech­te von Herrn Oth­man erlas­sen hat. Folg­lich erklärt das Gericht die Ver­ord­nung für nich­tig, soweit damit die Gel­der von Herrn Oth­man ein­ge­fro­ren wer­den.

Das EuG baut jedoch auch der zustän­di­gen EU-Behör­de (dem Rat) eine Brü­cke, indem es betont, dass nach der Sat­zung des Gerichts­hofs eine sol­che Ent­schei­dung des Gerichts, mit der eine Ver­ord­nung für nich­tig erklärt wird, erst nach Ablauf der Rechts­mit­tel­frist vor dem Gerichts­hof, d. h. zwei Monat und zehn Tage nach der Zustel­lung des Urtei­les, oder, wenn ein Rechts­mit­tel ein­ge­legt wor­den ist, nach des­sen Zurück­wei­sung wirk­sam wird, so dass der Rat damit über weit­aus genug Zeit ver­fügt, um die fest­ge­stell­ten Ver­stö­ße zu hei­len, indem er gege­be­nen­falls eine neue restrik­ti­ve Maß­nah­me gegen­über Herrn Oth­man erlässt, ohne dass es not­wen­dig ist, die Wir­kun­gen der Ver­ord­nung über die­sen Zeit­raum hin­aus auf­recht­zu­er­hal­ten.

Gericht Ers­ter Instanz der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, Urteil vom 11. Juni 2009 – T‑318/​01

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 881/​2002 des Rates vom 27. Mai 2002 über die Anwen­dung bestimm­ter spe­zi­fi­scher restrik­ti­ver Maß­nah­men gegen bestimm­te Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen, die mit Osa­ma bin Laden, dem Al-Qai­da-Netz­werk und den Tali­ban in Ver­bin­dung ste­hen, und zur Auf­he­bung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 467/​2001 (ABl. L 139, S. 9).[]
  2. Urteil des Gerichts­hofs vom 3. Sep­tem­ber 2008, Kadi und Al Bara­ka­at Inter­na­tio­nal Foundation/​Rat und Kom­mis­si­on (ver­bun­de­ne Rechts­sa­chen C 402/​05 P und C 415/​05 P) []