Urhe­ber­recht­li­che Schutz­fä­hig­keit – und das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Hat das Gericht das Ver­ständ­nis des Ver­kehrs ohne Inan­spruch­nah­me sach­ver­stän­di­ger Hil­fe beur­teilt, obwohl es selbst nicht hin­rei­chend sach­kun­dig ist, oder hat es eine mög­li­che, aber kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­li­che eige­ne Sach­kun­de nicht dar­ge­legt, han­delt es sich um einen Ver­fah­rens­feh­ler nach § 286 ZPO, der im Revi­si­ons­ver­fah­ren unein­ge­schränkt gerügt wer­den kann 1.

Urhe­ber­recht­li­che Schutz­fä­hig­keit – und das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Bei der urhe­ber­recht­li­chen Schutz­fä­hig­keit han­delt es sich zwar um eine Fra­ge der Rechts­an­wen­dung 2. Für die Fest­stel­lung der die­ser recht­li­chen Beur­tei­lung zugrun­de lie­gen­den tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen gel­ten jedoch die all­ge­mei­nen Regeln gemäß § 286 ZPO 3.

Die Beur­tei­lung der urhe­ber­recht­li­chen Schutz­fä­hig­keit bemisst sich nach der Auf­fas­sung der mit musi­ka­li­schen Fra­gen eini­ger­ma­ßen ver­trau­ten und hier­für auf­ge­schlos­se­nen Ver­kehrs­krei­se 4. Das Beru­fungs­ge­richt ist inso­weit davon aus­ge­gan­gen, dass sei­ne Mit­glie­der dem ange­spro­che­nen Ver­kehrs­kreis ange­hö­ren. Die­ser Umstand recht­fer­tigt es jedoch im Streit­fall nicht, auf sach­ver­stän­di­ge Hil­fe bei der Tat­sa­chen­fest­stel­lung zu ver­zich­ten. Viel­mehr führt die Zuge­hö­rig­keit der Tatrich­ter zum für die Beur­tei­lung maß­geb­li­chen Ver­kehrs­kreis ledig­lich dazu, dass es im All­ge­mei­nen kei­nes durch eine Mei­nungs­um­fra­ge unter­mau­er­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zur Ermitt­lung des Ver­kehrs­ver­ständ­nis­ses bedarf 5. Dar­um geht es im Streit­fall jedoch eben­so wenig wie um die Fra­ge, ob die Mit­glie­der des Beru­fungs­ge­richts auf­grund ihrer lang­jäh­ri­gen Tätig­keit in einem Spe­zi­al­se­nat über das nöti­ge Erfah­rungs­wis­sen ver­fü­gen, um auch die Anschau­ung von Fach­krei­sen zu beur­tei­len, denen sie selbst nicht ange­hö­ren 6.

Für die Beur­tei­lung der schöp­fe­ri­schen Eigen­tüm­lich­keit kommt es viel­mehr gera­de bei dem vom Beru­fungs­ge­richt ange­nom­me­nen Schutz der klei­nen Mün­ze maß­geb­lich auf die Abgren­zung von nicht dem Urhe­ber­rechts­schutz zugäng­li­chem rein hand­werk­li­chem Schaf­fen unter Ver­wen­dung for­ma­ler Gestal­tungs­ele­men­te an, die auf den Leh­ren von Har­mo­nik, Rhyth­mik und Melo­dik beru­hen oder die sonst zum musi­ka­li­schen All­ge­mein­gut gehö­ren. Im Hin­blick auf die­se Umstän­de reicht das blo­ße Anhö­ren eines Ton­trä­gers durch den Tatrich­ter grund­sätz­lich nicht aus. Es wird für eine tatrich­ter­li­che Wür­di­gung viel­mehr im Regel­fall die Hil­fe eines Sach­ver­stän­di­gen uner­läss­lich sein 7.

Die im Streit­fall von den Par­tei­en ein­ge­reich­ten Gut­ach­ten wider­spre­chen sich bei der Beur­tei­lung der Fra­ge der Schutz­fä­hig­keit der streit­be­fan­ge­nen Musik­tei­le. Bei einer sol­chen Sach­la­ge wird im Regel­fall die Her­an­zie­hung eines gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen not­wen­dig sein 8. Abwei­chen­des ergibt sich hier nicht dar­aus, dass das Beru­fungs­ge­richt sich auf nach sei­ner Ansicht nicht bestrit­te­ne tat­säch­li­che Anga­ben der Par­tei­gut­ach­ter bezo­gen hat. Die Revi­si­on weist zu Recht dar­auf hin, dass der Beklag­te die Aus­füh­run­gen der Pri­vat­gut­ach­ter des Klä­gers zu 1 umfas­send bestrit­ten hat. Auch soweit sich das Beru­fungs­ge­richt auf tat­säch­li­che Anga­ben des Par­tei­gut­ach­ters W. gestützt hat, ist sei­ne Beur­tei­lung nicht rechts­feh­ler­frei. Zwar sind die Aus­füh­run­gen eines Par­tei­gut­ach­ters als qua­li­fi­zier­ter Par­tei­vor­trag zu wer­ten 9 und kön­nen als sol­cher der tatrich­ter­li­chen Beur­tei­lung gemäß § 286 ZPO zugrun­de gelegt wer­den. Das Beru­fungs­ge­richt ist jedoch wie­der­holt den Anga­ben des Sach­ver­stän­di­gen W. des­halb nicht gefolgt, weil es die­se als nicht über­zeu­gend ange­se­hen oder sogar man­gels nähe­rer Aus­füh­run­gen des Gut­ach­ters als unsub­stan­ti­iert qua­li­fi­ziert hat. Es hat damit der Sache nach den Tat­sa­chen­vor­trag des Beklag­ten als unsub­stan­ti­iert und daher unbe­acht­lich ange­se­hen, obwohl die­ser sei­ner Sub­stan­ti­ie­rungs­last gera­de durch Ein­rei­chung des als qua­li­fi­zier­ter Par­tei­vor­trag anzu­se­hen­den Pri­vat­gut­ach­tens bereits erfüllt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. April 2015 – I ZR 225/​12

  1. BGH, Urteil vom 02.10.2003 – I ZR 150/​01, BGHZ 156, 250, 254 Markt­füh­rer­schaft, mwN[]
  2. BGH, GRUR 1991, 533 Brown Girl II[]
  3. vgl. BGH, GRUR 1981, 267, 268 Dirla­da; GRUR 1991, 533 Brown Girl II[]
  4. BGH, GRUR 1981, 267, 268 Dirla­da[]
  5. vgl. BGHZ 156, 250, 255 Markt­füh­rer­schaft; BGH, Urteil vom 09.06.2011 – I ZR 113/​10, GRUR 2012, 215 Rn. 14 = WRP 2012, 75 Zer­ti­fi­zier­ter Tes­ta­ments­voll­stre­cker; Urteil vom 13.09.2012 – I ZR 230/​11, BGHZ 194, 314 Rn. 32 Bio­mi­ne­ral­was­ser[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 06.02.2013 – I ZR 62/​11, GRUR 2013, 649 Rn. 50 = WRP 2013, 772 Basis­in­su­lin mit Gewichts­vor­teil, mwN[]
  7. vgl. BGH, GRUR 1981, 267, 268 Dirla­da[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 28.05.1998 – I ZR 81/​96, BGHZ 139, 68, 78 Stadt­plan­werk[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 22.07.1998 – VIII ZR 220/​97, NJW 1998, 3197, 3199; Urteil vom 19.04.2001 – I ZR 340/​98, NJW-RR 2001, 1320, 1321[]