Anhö­rungs­rü­ge – und die nicht ord­nungs­ge­mä­ße Kam­mer­be­set­zung

Ent­schei­det das Gericht über eine Anhö­rungs­rü­ge in nicht ord­nungs­ge­mä­ßer Beset­zung, liegt hier­in eine Ver­let­zung des Rechts auf den gesetz­li­chen Rich­ter.

Anhö­rungs­rü­ge – und die nicht ord­nungs­ge­mä­ße Kam­mer­be­set­zung

Für die Annah­me eines Ver­sto­ßes gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG genügt nicht schon jede irr­tüm­li­che Über­schrei­tung der den Fach­ge­rich­ten gezo­ge­nen Gren­zen [1]. Durch einen schlich­ten error in pro­ce­den­do wird nie­mand sei­nem gesetz­li­chen Rich­ter ent­zo­gen [2].

Eine Ver­let­zung der Garan­tie des gesetz­li­chen Rich­ters kommt aber in Betracht, wenn das Fach­ge­richt Bedeu­tung und Trag­wei­te der Gewähr­leis­tung aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG grund­le­gend ver­kannt hat [3] oder wenn die maß­geb­li­chen Ver­fah­rens­nor­men in objek­tiv will­kür­li­cher Wei­se feh­ler­haft ange­wandt wur­den [4].

Nach die­sen Grund­sät­zen lag im hier ent­schie­de­nen Fall eine Ver­let­zung des Rechts auf den gesetz­li­chen Rich­ter vor:

Bei der Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge ent­schei­det das Gericht in sei­ner regu­lä­ren Beset­zung und nicht in der, in der die mit der Anhö­rungs­rü­ge ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung getrof­fen wor­den ist [5]. Damit bleibt es bei der Beset­zung nach § 21g GVG [6]. Bei einem Rich­ter­wech­sel ist in der neu­en Beset­zung zu ent­schei­den [7].

Danach war das Gericht bei der Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge nicht ord­nungs­ge­mäß besetzt.

Die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung vom 03.06.2019 nennt als mit­wir­ken­de Rich­ter die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Land­ge­richt B., die Rich­te­rin C. und den Rich­ter am Land­ge­richt D. Die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Land­ge­richt B. und der Rich­ter am Land­ge­richt D. haben den Beschluss unter­schrie­ben. In Bezug auf die Rich­te­rin C. hat die Vor­sit­zen­de unter dem Beschluss eine urlaubs­be­ding­te Ver­hin­de­rung an der Unter­schrifts­leis­tung ver­merkt. Aus­weis­lich des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans des Land­ge­richts für das Jahr 2019 war die befass­te Kam­mer bei Erlass des ange­grif­fe­nen Beschlus­ses indes regu­lär mit der Vor­sit­zen­den Rich­te­rin am Land­ge­richt B., der Rich­te­rin am Land­ge­richt A., dem Rich­ter am Land­ge­richt D. und dem Rich­ter am Land­ge­richt E. besetzt. Die Rich­te­rin C. war bereits seit dem 28.04.2019 an die Staats­an­walt­schaft ver­setzt und damit aus der Kam­mer aus­ge­schie­den. Eine ? grund­sätz­lich zuläs­si­ge [8] ? Ände­rung der gesetz­li­chen Zustän­dig­keits­re­ge­lung nimmt der Geschäfts­ver­tei­lungs­plan nicht vor. Anhalts­punk­te für eine tat­säch­li­che Mit­wir­kung der an die Stel­le der Rich­te­rin C. getre­te­nen Rich­te­rin am Land­ge­richt A. gibt es nicht.

In dem Ver­hal­ten der Kam­mer ist eine will­kür­lich feh­ler­haf­te Anwen­dung der Zustän­dig­keits­nor­men zu erbli­cken. Denn Anhalts­punk­te für eine durch sach­li­che Erwä­gun­gen gerecht­fer­tig­te Aus­le­gung oder Anwen­dung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans sind nicht erkenn­bar. Nichts deu­tet auf eine Befas­sung mit der Zustän­dig­keit infol­ge der Ände­rung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans. Indem sie bei der Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge ohne ansatz­wei­se nach­voll­zieh­ba­ren Grund die Beset­zung der Kam­mer aus der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung vom 14.03.2019 ein­schließ­lich des Ver­merks zur Ver­hin­de­rung wegen Urlaubs­ab­we­sen­heit über­nom­men hat und dabei eine Rich­te­rin zur Ent­schei­dung berief, die zu die­sem Zeit­punkt aus­weis­lich des ein­deu­ti­gen Wort­lau­tes des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans bereits seit fünf Wochen an die Staats­an­walt­schaft ver­setzt war, hat die Kam­mer viel­mehr ent­we­der die Fra­ge der Zustän­dig­keit über­gan­gen oder ein Ermes­sen für sich in Anspruch genom­men, wel­ches nach dem kla­ren Wort­laut des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans nicht bestand und damit die gesetz­li­chen Gren­zen ihrer Ent­schei­dungs­zu­stän­dig­keit ins­ge­samt nicht beach­tet [9]. In bei­den Fäl­len war die Vor­ge­hens­wei­se geset­zes­wid­rig und offen­sicht­lich unver­tret­bar.

Die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung vom 03.06.2019 beruht auch auf die­ser Ver­let­zung.

Ein zur Ver­let­zung des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG füh­ren­der Ver­fah­rens­feh­ler kann nur fest­ge­stellt wer­den, wenn die fach­ge­richt­li­che Ent­schei­dung auf dem Ver­fah­rens­feh­ler beruht. Dies ist nicht der Fall, wenn die Ent­schei­dung ohne ihn genau­so aus­ge­fal­len wäre [10]. Es genügt jedoch, dass zumin­dest mög­lich ist, dass das Land­ge­richt bei ord­nungs­ge­mä­ßer Beset­zung zu einer ande­ren, dem Beschwer­de­füh­rer güns­ti­ge­ren Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge gelangt wäre [11].

Das ist im vor­lie­gen­den Fall nicht aus­ge­schlos­sen. Bereits wegen der Ände­rung sei­ner Zusam­men­set­zung kann nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Rechts­auf­fas­sung des für die Anhö­rungs­rü­ge zustän­di­gen Spruch­kör­pers bereits bekannt und eine erneu­te Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge daher rei­ne För­me­lei wäre [12]. Bei der von dem Ver­stoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG allein betrof­fe­nen Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge ist für die Beur­tei­lung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Rechts­stand­punkt des über die Rüge ent­schei­den­den Gerichts maß­geb­lich [13]. Im Fal­le eines Rich­ter­wech­sels ist die Ansicht des ein­tre­ten­den, nicht des aus­ge­schie­de­nen Rich­ters ent­schei­dend [14]. Es kann hier weder aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das anstel­le der Rich­te­rin C. zur Ent­schei­dung beru­fe­ne Kam­mer­mit­glied eine dem Beschwer­de­füh­rer güns­ti­ge­re Auf­fas­sung ver­tre­ten hät­te, noch, dass in die­sem Fall die Ent­schei­dung der Kam­mer über die Anhö­rungs­rü­ge für ihn güns­ti­ger aus­ge­fal­len wäre.

§ 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG steht der Zuläs­sig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de in einem sol­chen Fall nicht ent­ge­gen. Der Beschwer­de­füh­rer ist nicht dazu gehal­ten, zunächst im Wege einer Gegen­vor­stel­lung um fach­ge­richt­li­chen Rechts­schutz gegen die Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge zu ersu­chen. Inso­weit sind man­gels einer zuver­läs­si­gen gesetz­li­chen Rege­lung die rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen an die Rechts­mit­tel­klar­heit nicht erfüllt. Die hier­aus fol­gen­den rechts­staat­li­chen Defi­zi­te außer­or­dent­li­cher Rechts­be­hel­fe schlie­ßen es aus, die vor­he­ri­ge erfolg­lo­se Ein­le­gung einer Gegen­vor­stel­lung zur Vor­aus­set­zung für die Zuläs­sig­keit einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de zu machen [15].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 18. Febru­ar 2020 – 1 BvR 1750/​19

  1. vgl. BVerfGE 87, 282, 284 m.w.N.; 138, 64, 87 Rn. 71[]
  2. vgl. BVerfGE 3, 359, 365; 138, 64, 87 Rn. 71[]
  3. vgl. BVerfGE 82, 286, 299; 87, 282, 284 f.; 131, 268, 312; 138, 64, 87 Rn. 71[]
  4. vgl. BVerfGE 42, 237, 241; 76, 93, 96; 79, 292, 301; 138, 64, 87 Rn. 71[]
  5. vgl. Musielak, in: ders./Voit, ZPO, 16. Aufl.2019, § 321a Rn. 10; Voll­kom­mer, in: Zöl­ler, ZPO, 33. Aufl.2020, § 321a Rn. 15a; Alt­ham­mer, in: Stein/​Jonas, ZPO, 23. Aufl.2018, § 321a Rn. 43[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 28.07.2005 – III ZR 443/​04 3; BAGE 127, 180, 182 Rn. 8[]
  7. Alt­ham­mer, in: Stein/​Jonas, ZPO, 23. Aufl.2018, § 321a Rn. 43 m.w.N.[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 28.07.2005 – III ZR 443/​04 3[]
  9. vgl. BVerfGK 15, 537, 544[]
  10. vgl. BVerfGE 64, 1, 21 f.; 96, 68, 86; BVerfGK 13, 303, 314[]
  11. vgl. BVerfGE 138, 64, 101[]
  12. vgl. BVerfG, Beschluss vom 22.05.2015 – 1 BvR 2291/​13, Rn. 4[]
  13. vgl. Voll­kom­mer, in: Zöl­ler, ZPO, 33. Aufl.2020, § 321a Rn. 12[]
  14. vgl. Ren­sen, in: Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl.2015, § 321a Rn. 31; Schnei­der, MDR 2005, S. 248, 249[]
  15. vgl. BVerfGE 107, 395, 416 f.; 122, 190, 200[]