Anwalts­haf­tung für eine aus­sichts­lo­se Kla­ge

Erhebt ein Rechts­an­walt hin­sicht­lich eines ver­jähr­ten Anspruchs pflicht­wid­rig eine aus­sichts­lo­se Kla­ge, so liegt in der Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels gegen ein die Kla­ge abwei­sen­des Urteil kei­ne einen neu­en Scha­dens­er­satz­an­spruch aus­lö­sen­de Pflicht­wid­rig­keit, son­dern ledig­lich ein auf der ursprüng­li­chen recht­li­chen Fehl­ein­schät­zung beru­hen­des wei­te­res Ver­säum­nis, das – in unver­jähr­ter Zeit – die Anknüp­fung für eine Sekun­där­haf­tung bil­den kann 1.

Anwalts­haf­tung für eine aus­sichts­lo­se Kla­ge

Die Mit­tei­lung eines Rechts­an­walts über die Ein­schal­tung sei­ner Haft­pflicht­ver­si­che­rung ist grund­sätz­lich nicht als Erör­te­rung über den gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch zu wer­ten, wenn der Rechts­an­walt zugleich äußert, zur Haf­tung dem Grun­de und der Höhe nach kei­ne Erklä­rung abzu­ge­ben.

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem Fall, in dem sich die Ver­jäh­rung noch nach dem durch das Ver­jäh­rungs­an­pas­sungs­ge­setz mit Wir­kung vom 15. Dezem­ber 2004 auf­ge­ho­be­nen § 51b BRAO rich­te­te. Die danach maß­geb­li­che drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist war im Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung im Dezem­ber 2006 (vgl. § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB, § 253 Abs. 1 ZPO) abge­lau­fen:

Die Rege­lung des § 51b BRAO ist gemäß Art. 229 § 12 Abs. 1 Nr. 3 i.V.m. Art. 229 § 6 Abs. 1 Satz 2 EGBGB wei­ter anzu­wen­den, falls der pri­mä­re Scha­dens­er­satz­an­spruch vor dem 15. Dezem­ber 2004 ent­stan­den ist. Bestimmt sich die Ver­jäh­rung des Pri­mär­an­spruchs nach § 51b BRAO, so gilt die­se Vor­schrift auch für den Sekun­där­an­spruch, weil er ledig­lich ein Hilfs­recht und unselb­stän­di­ges Neben­recht des pri­mä­ren Regress­an­spruchs bil­det 2.

Der Scha­dens­er­satz­an­spruch der Klä­ge­rin ist im ent­schie­de­nen Fall spä­tes­tens mit Ein­rei­chung des Antrags auf Erlass eines Mahn­be­scheids beim Amts­ge­richt am 5. Juli 2000 und damit vor dem 15. Dezem­ber 2004 ent­stan­den. Der Kos­ten­scha­den ver­wirk­licht sich bereits durch die Erhe­bung einer aus­sichts­lo­sen Kla­ge, weil damit ein ers­ter Teil des Scha­dens in Form der Gerichts­kos­ten ent­steht, für die der Klä­ger als Zweit­schuld­ner haf­tet 3. Für die Ein­rei­chung eines aus­sichts­lo­sen Antrags auf Erlass eines Mahn­be­scheids gilt nichts ande­res, weil auch hier die Gerichts­kos­ten mit Zugang beim Gericht fäl­lig wer­den (§ 6 GKG 4). Der aus dem behaup­te­ten Bera­tungs­feh­ler der Rechts­an­wäl­te erwach­se­ne Kos­ten­scha­den ist hier­bei als ein­heit­li­ches Gan­zes auf­zu­fas­sen. Daher läuft für den Anspruch auf Ersatz die­ses Scha­dens ein­schließ­lich aller wei­te­rer adäquat ver­ur­sach­ter, zure­chen­ba­rer und vor­aus­seh­ba­rer Nach­tei­le eine ein­heit­li­che Ver­jäh­rungs­frist, sobald irgend­ein Teil­scha­den ent­stan­den ist 5. Die drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist war gerech­net von der am 5. Juli 2000 bewirk­ten Ein­rei­chung des Antrags auf Erlass eines Mahn­be­scheids bereits am 7. Juli 2003 und damit lan­ge vor der hier am 11. Dezem­ber 2006 erfolg­ten Kla­ge­zu­stel­lung abge­lau­fen.

Auch weder in der Ein­le­gung der Beru­fung gegen das erst­in­stanz­li­che Urteil durch den Rechts­an­walt noch in der Vor­be­fas­sung des Rechts­an­walts bei der Fra­ge, ob eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gegen das Beru­fungs­ur­teil ein­ge­legt wer­den soll, eine einen neu­en Pri­mär­an­spruch aus­lö­sen­de Pflicht­wid­rig­keit der beklag­ten Rechts­an­wäl­te. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat, ist hier­in ledig­lich ein auf der ursprüng­li­chen recht­li­chen Fehl­ein­schät­zung beru­hen­des wei­te­res Ver­säum­nis, das – in unver­jähr­ter Zeit – die Anknüp­fung für eine Sekun­där­haf­tung bil­den kann, zu sehen 6.

Die in Betracht kom­men­den Sekun­där­an­sprü­che sind vor der Kla­ge­er­he­bung eben­falls ver­jährt. Sekun­där­an­sprü­che ver­jäh­ren, wenn sich die Ver­jäh­rung des Pri­mär­an­spruchs nach § 51b BRAO rich­tet, eben­falls nach die­ser Vor­schrift 7. Die drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist beginnt grund­sätz­lich mit der Voll­endung der Ver­jäh­rung des Pri­mär­an­spruchs, weil damit der durch die sekun­dä­re Pflicht­ver­let­zung ver­ur­sach­te Scha­den ein­tritt.

Auch die Mit­tei­lung der Rechts­an­wäl­te über die Ein­schal­tung ihrer Haft­pflicht­ver­si­che­rung führt für den Bun­des­ge­richts­hof nicht zu der Annah­me, dass im Anschluss hier­an ver­jäh­rungs­hem­men­de Ver­hand­lun­gen zwi­schen den Par­tei­en ein­schließ­lich der Haft­pflicht­ver­si­che­rung der Rechts­an­wäl­te im Sin­ne des § 203 BGB geführt wur­den.

Für ein Ver­han­deln im vor­ge­nann­ten Sinn genügt, wie schon bei § 852 Abs. 2 BGB aF, jeder Mei­nungs­aus­tausch über den Scha­dens­fall zwi­schen dem Berech­tig­ten und dem Ver­pflich­te­ten, sofern nicht sofort und ein­deu­tig jeder Ersatz abge­lehnt wird. Ver­hand­lun­gen schwe­ben schon dann, wenn der in Anspruch Genom­me­ne Erklä­run­gen abgibt, die dem Geschä­dig­ten die Annah­me gestat­ten, der Ver­pflich­te­te las­se sich auf Erör­te­run­gen über die Berech­ti­gung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen ein 8. Dafür kann zunächst genü­gen, dass der Anspruchs­geg­ner mit­teilt, er habe die Ange­le­gen­heit sei­ner Haft­pflicht­ver­si­che­rung zur Prü­fung über­sandt 9.

Auf­grund des Erklä­rungs­ge­halts des Schrei­bens ist davon aus­ge­hen, dass die Rechts­an­wäl­te – gera­de im Hin­blick auf ihre ver­si­che­rungs­recht­li­chen Oblie­gen­hei­ten – nicht in einen Mei­nungs­aus­tausch über den von der Klä­ge­rin gel­tend gemach­ten Scha­dens­fall ein­tre­ten woll­ten. Aus der For­mu­lie­rung der Rechts­an­wäl­te, dass sie "zur Haf­tungs­si­tua­ti­on dem Grun­de und der Höhe nach kei­ner­lei Erklä­run­gen abge­ben" wer­den, war für die Klä­ge­rin als Han­dels­ge­sell­schaft ein­deu­tig erkenn­bar, dass die Beklag­ten weder gegen­wär­tig noch zukünf­tig bereit sind, über die Berech­ti­gung der gel­tend gemach­ten Ansprü­che zu spre­chen. Dar­in kann eine sofor­ti­ge und ein­deu­ti­ge Ableh­nung im Sin­ne der vor­ge­nann­ten Rechts­grund­sät­ze gese­hen wer­den. Im Hin­blick auf die­se Erklä­rung sowie die Ergän­zung, dass die Prü­fung der Sach- und Rechts­la­ge aus­schließ­lich durch die Haft­pflicht­ver­si­che­rung erfol­ge, war fer­ner ein­deu­tig geklärt, dass auch etwai­ge Erör­te­run­gen oder gar Ver­hand­lun­gen zur Sache aus­schließ­lich deren Ange­le­gen­heit sei­en. Die Bereit­schaft, den Vor­gang der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft vor­zu­le­gen, konn­te unter die­sen Umstän­den von der geschäfts­er­fah­re­nen Klä­ge­rin nicht als Beginn von Ver­hand­lun­gen oder einer ent­spre­chen­den Gesprächs­be­reit­schaft gewer­tet wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Febru­ar 2011 – IX ZR 105/​10

  1. Fort­füh­rung von BGH WM 2009, 283[]
  2. BGH, Urtei­le vom 07.02.2008 – IX ZR 149/​04, WM 2008, 946 Rn. 30, 33; und vom 13.11.2008 – IX ZR 69/​07, WM 2009, 283 Rn. 8; Zuge­hör in Zugehör/​Fischer/​Sieg/​Schlee, Hand­buch der Anwalts­haf­tung 2. Aufl. Rn. 1265[]
  3. BGH, Urtei­le vom 07.02.1995 – X ZR 32/​93, NJW 1995, 2039, 2041; vom 21.06.2001 – IX ZR 73/​00, NJW 2001, 3543, 3545; und vom 13.11.2008 – IX ZR 69/​07, aaO Rn. 9[]
  4. vgl. Zöller/​Vollkommer, ZPO 28. Aufl. vor § 688 Rn. 20[]
  5. BGH, Urtei­le vom 18.12.1997 – IX ZR 180/​96, WM 1998, 779, 780 mwN; vom 21.02.2002 – IX ZR 127/​00, WM 2002, 1078, 1080; und vom 07.02.2008 – IX ZR 198/​06, WM 2008, 1612 Rn. 31[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 13.11.2008 – IX ZR 69/​07, aaO Rn. 9[]
  7. BGH, Urteil vom 13.11.2008 – IX ZR 69/​07, aaO Rn. 8[]
  8. BGH, Urtei­le vom 08.05.2001 – VI ZR 208/​00, NJW-RR 2001, 1168, 1169; vom 26.10.2006 – VII ZR 194/​05, NJW 2007, 587 Rn. 10; vom 01.02.2007 – IX ZR 180/​04, NJW-RR 2007, 1358 Rn. 32; und vom 14.07.2009 – XI ZR 18/​08, WM 2009, 1597 Rn. 16[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 07.10.1982 – VII ZR 334/​80, NJW 1983, 162, 163; und vom 01.02.2007 – IX ZR 180/​04, aaO[]