Arzt­haf­tung und selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren

Ein recht­li­ches Inter­es­se an einer vor­pro­zes­sua­len Klä­rung der haf­tungs­recht­lich maß­geb­li­chen Grün­de für einen Gesund­heits­scha­den durch einen Sach­ver­stän­di­gen kann im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren auch dann gege­ben sein, wenn zwar die Fest­stel­lung der Ver­mei­dung eines Rechts­streits die­nen kann, jedoch für eine abschlie­ßen­de Klä­rung wei­te­re Auf­klä­run­gen erfor­der­lich erschei­nen.

Arzt­haf­tung und selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren

Sinn und Zweck der vor­pro­zes­sua­len Beweis­si­che­rung nach § 485 Abs. 2 ZPO ist es, die Gerich­te von Pro­zes­sen zu ent­las­ten und die Par­tei­en unter Ver­mei­dung eines Rechts­streits zu einer raschen und kos­ten­spa­ren­den Eini­gung zu brin­gen 1. Die vor­pro­zes­sua­le Klä­rung der haf­tungs­recht­lich maß­geb­li­chen Grün­de für den Gesund­heits­scha­den des Antrag­stel­lers kann durch­aus pro­zess­öko­no­misch sein. Offen­sicht­lich strebt der Antrag­stel­ler die Klä­rung an, um dann zu ent­schei­den, ob er Ansprü­che wei­ter­ver­folgt oder davon absieht. Mit­hin hat er die Streit­ver­mei­dung im Auge.

Dem läuft nicht ent­ge­gen, dass sich mit den mög­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen der Arzt­haft­pflicht­pro­zess unter Umstän­den nicht ent­schei­den las­sen wird, weil damit noch nicht die recht­li­chen Fra­gen des Ver­schul­dens des Arz­tes und der Kau­sa­li­tät der Ver­let­zung für den gel­tend gemach­ten Scha­den geklärt sind. Obwohl für die Haf­tung des Arz­tes eine Abwei­chung von dem gebo­te­nen medi­zi­ni­schen Stan­dard nicht genügt, wird in der Rechts­pra­xis bei Fest­stel­lung des Gesund­heits­scha­dens und der hier­für maß­geb­li­chen Grün­de nicht sel­ten erkenn­bar, ob und in wel­cher Schwe­re ein Behand­lungs­feh­ler gege­ben ist. Des­halb kann die vor­pro­zes­sua­le Klä­rung des Gesund­heits­scha­dens und sei­ner Grün­de durch­aus pro­zess­öko­no­misch sein. Dem steht auch nicht ent­ge­gen, dass die Fra­ge, ob der Feh­ler von den behan­deln­den Ärz­ten schuld­haft began­gen wor­den ist, auf­grund einer tatrich­ter­li­chen Bewer­tung zu beant­wor­ten ist. Die Beur­tei­lung des ärzt­li­chen Ver­schul­dens ist wegen des im Zivil­recht maß­ge­ben­den objek­ti­ven Fahr­läs­sig­keits­maß­stabs mit der Fest­stel­lung eines Behand­lungs­feh­lers streng ver­bun­den. Stellt sich eine Behand­lungs­ent­schei­dung als Ver­stoß gegen den medi­zi­ni­schen Stan­dard dar, fällt dem behan­deln­den Arzt regel­mä­ßig auch ein objek­ti­ver Sorg­falts­ver­stoß zur Last.

Auch die Fra­ge, ob auf­grund der vor­aus­ge­hen­den Fra­gen fest­ge­stell­te etwai­ge Behand­lungs­feh­ler in einer Art und Wei­se gegen ärzt­li­che Behand­lungs­re­geln ver­sto­ßen haben und mit Feh­lern ver­bun­den waren, die aus objek­ti­ver Sicht nicht mehr ver­ständ­lich erschei­nen und ihrer Art nach einem Arzt schlech­ter­dings nicht unter­lau­fen dür­fen, ist im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren nicht aus­ge­schlos­sen. Zwar han­delt es sich bei der vom Tatrich­ter vor­zu­neh­men­den Bewer­tung einer medi­zi­ni­schen Behand­lung als grob feh­ler­haft um eine juris­ti­sche Beur­tei­lung. Jedoch bedarf die­se einer hin­rei­chend trag­fä­hi­gen tat­säch­li­chen Grund­la­ge in den Aus­füh­run­gen des medi­zi­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen 2. Sie muss in vol­lem Umfang durch die vom ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen mit­ge­teil­ten Fak­ten getra­gen wer­den und sich auf die medi­zi­ni­sche Bewer­tung des Behand­lungs­ge­sche­hens durch den Sach­ver­stän­di­gen stüt­zen kön­nen. Es ist dem Tatrich­ter nicht gestat­tet, ohne ent­spre­chen­de Dar­le­gun­gen oder gar ent­ge­gen den medi­zi­ni­schen Aus­füh­run­gen des ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen einen gro­ben Behand­lungs­feh­ler auf Grund eige­ner Wer­tung zu beja­hen 3. Wer­den die für den Gesund­heits­scha­den des Antrag­stel­lers maß­geb­li­chen Grün­de fest­ge­stellt, wird auf­grund der Beur­tei­lung des Behand­lungs­ge­sche­hens durch den medi­zi­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen nicht aus­zu­schlie­ßen sein, dass auch erkannt wird, ob und in wel­cher Schwe­re ein Behand­lungs­feh­ler gege­ben ist. Wäre in der Ein­rich­tung der Antrags­geg­ne­rin ein Feh­ler began­gen wor­den, der nach der Bewer­tung des ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen aus objek­ti­ver Sicht nicht mehr ver­ständ­lich erschie­ne, weil er einem Arzt schlech­ter­dings nicht unter­lau­fen dürf­te, käme, obwohl Fra­gen der Beweis­last­ver­tei­lung nicht im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren zu klä­ren sind, die Umkehr der Beweis­last für den Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen dem Gesund­heits­scha­den des Antrag­stel­lers und dem im Raum ste­hen­den Feh­ler bei der Ver­le­gung der PEG­Son­de in Betracht. Die­se wirkt sich regel­mä­ßig maß­geb­lich auf den Aus­gang eines Pro­zes­ses aus und ver­mag dadurch die Ent­schei­dung zur Kla­ge­er­he­bung zu beein­flus­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Sep­tem­ber 2013 – VI ZB 12/​13

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 21.01.2003 – VI ZB 51/​02, BGHZ 153, 302, 307 mwN[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 28.05.2002 – VI ZR 42/​01, VersR 2002, 1026, 1027[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 28.05.2002 – VI ZR 42/​01, aaO, 1027 f., mwN[]