Beru­fungs­be­grün­dung – beim unzu­stän­di­gen Gericht

Zu den Anfor­de­run­gen an die Wei­ter­lei­tung einer beim unzu­stän­di­gen Gericht ein­ge­reich­ten Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­schrift hat aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof Stel­lung genom­men:

Beru­fungs­be­grün­dung – beim unzu­stän­di­gen Gericht

Geht eine frist­ge­bun­de­ne Rechts­mit­tel­be­grün­dung statt beim Rechts­mit­tel­ge­richt bei dem erst­in­stanz­li­chen Gericht ein, ist die­ses grund­sätz­lich ver­pflich­tet, den Schrift­satz im ordent­li­chen Geschäfts­gang an das Rechts­mit­tel­ge­richt wei­ter­zu­lei­ten [1]. Dies folgt aus dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch des Recht­su­chen­den auf ein fai­res Ver­fah­ren (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. dem Rechts­staats­prin­zip).

Geht der Schrift­satz so zei­tig ein, dass die frist­ge­rech­te Wei­ter­lei­tung an das Rechts­mit­tel­ge­richt im ordent­li­chen Geschäfts­gang ohne wei­te­res erwar­tet wer­den kann, darf die Par­tei dar­auf ver­trau­en, dass der Schrift­satz noch recht­zei­tig beim Rechts­mit­tel­ge­richt ein­geht. Geschieht dies tat­säch­lich nicht, wirkt sich das Ver­schul­den der Par­tei oder ihrer Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten nicht mehr aus, so dass ihr Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren ist [2].

Gemes­sen dar­an konn­te im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Antrags­geg­ne­rin nicht erwar­ten, dass die Beschwer­de­be­grün­dung noch bis zum 26.01.2015 beim Ober­lan­des­ge­richt ein­ge­hen wür­de. Der zustän­di­ge Rich­ter ver­füg­te am 21.01.2015 die Wei­ter­lei­tung der am 20.01.2015 beim Amts­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Beschwer­de­be­grün­dung an das Ober­lan­des­ge­richt. Inso­weit unter­schei­det sich der Fall von der mit der Rechts­be­schwer­de ange­führ­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 03.07.2006 [3]. 3499)). In jenem Fall war die Wei­ter­lei­tung vom Vor­sit­zen­den erst 15 Tage nach Ein­gang ver­fügt wor­den und betrug die in der Ent­schei­dung ange­nom­me­ne übli­che Post­lauf­zeit zwi­schen Land- und Ober­lan­des­ge­richt nur zwei Tage. Das lässt sich auf den vor­lie­gen­den Fall nicht ohne wei­te­res über­tra­gen, weil hier die Ver­sen­dung durch Kurier erfolgt ist. Dass der Schrift­satz nicht bin­nen der fol­gen­den drei Arbeits­ta­ge [4] beim Ober­lan­des­ge­richt ein­ging und die Kurier­sen­dung erst am 26.01.2015 abging, wider­spricht nicht dem ordent­li­chen Geschäfts­ab­lauf und begrün­det daher nicht den Vor­wurf eines Ver­sto­ßes gegen den Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens. Denn das Amts­ge­richt war als unzu­stän­di­ges Gericht nur gehal­ten, die ersicht­lich in die Emp­fangs­zu­stän­dig­keit des Ober­lan­des­ge­richts fal­len­de Beschwer­de­be­grün­dung an die­ses wei­ter­zu­lei­ten. Es war hin­ge­gen nicht ver­pflich­tet, den Frist­ab­lauf zu prü­fen und den Schrift­satz sodann als beson­ders eilig oder etwa per Fax wei­ter­zu­lei­ten. Die Rechts­be­schwer­de ver­kennt schließ­lich nicht, dass auch kei­ne Ver­pflich­tung des Amts­ge­richts bestand, die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te der Antrags­geg­ne­rin tele­fo­nisch über ihren Feh­ler zu infor­mie­ren [5].

Wenn somit der Kurier­dienst den Schrift­satz nicht so zei­tig zum Rechts­mit­tel­ge­richt beför­dert hat, dass dadurch die Frist gewahrt wer­den konn­te, ist die­ses Risi­ko von dem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten zu tra­gen, des­sen Rechts­an­walt den Schrift­satz an das fal­sche Gericht adres­siert hat [6]. Es bleibt daher bei der allei­ni­gen Ursäch­lich­keit des Anwalts­ver­schul­dens, so dass kei­ne Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren war.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Juli 2016 – XII ZB 203/​15

  1. BGH, Beschlüs­se vom 16.01.2014 – XII ZB 571/​12FamRZ 2014, 550 Rn. 14; vom 23.05.2012 – XII ZB 375/​11FamRZ 2012, 1205 Rn. 26; und vom 15.06.2011 – XII ZB 468/​10FamRZ 2011, 1389 Rn. 12[]
  2. BGH, Beschluss vom 23.05.2012 – XII ZB 375/​11FamRZ 2012, 1205 Rn. 23 und BGH Beschluss vom 06.11.2008 – – IX ZB 208/​06FamRZ 2009, 320 Rn. 7 mwN[]
  3. BGH, Beschluss vom 03.07.2006 – II ZB 24/​05NJW 2006, 3499[]
  4. 22., 23. und 26.01.2015[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 16.01.2014 – XII ZB 571/​12FamRZ 2014, 550 Rn. 15 mwN[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 19.12 2012 – XII ZB 61/​12FamRZ 2013, 436 Rn. 12[]