Beweis­mit­tel „wie vor“

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist geklärt, dass Art. 103 Abs. 1 GG dem an einem gericht­li­chen Ver­fah­ren Betei­lig­ten nicht nur ein Recht dar­auf gibt, im Ver­fah­ren zu Wort zu kom­men und sich zu dem in Rede ste­hen­den Sach­ver­halt sowie zur Rechts­la­ge zu äußern 1, Anträ­ge und damit auch Beweis­an­trä­ge zu stel­len und Aus­füh­run­gen zu machen 2, son­dern im Gegen­zug auch das Gericht ver­pflich­tet, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen 3.

Beweis­mit­tel „wie vor“

In die­sem Sin­ne gebie­tet es Art. 103 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit den Grund­sät­zen der Zivil­pro­zess­ord­nung, erheb­li­che Beweis­an­trä­ge zu berück­sich­ti­gen 4. Zwar ver­bie­tet es Art. 103 Abs. 1 GG den Gerich­ten nicht, Vor­brin­gen eines Betei­lig­ten aus Grün­den des for­mel­len oder mate­ri­el­len Rechts unbe­rück­sich­tigt zu las­sen 5.

Jedoch ver­stößt die Nicht­be­rück­sich­ti­gung eines erheb­li­chen Beweis­an­ge­bots gegen Art. 103 Abs. 1 GG, wenn es im Pro­zess­recht kei­ne Stüt­ze mehr fin­det 6.

Vor die­sem Hin­ter­grund und auf­grund der Erläu­te­run­gen der Ver­fas­sungs­be­schwer­de, dass das Amts­ge­richt Bonn das Beweis­mit­tel "wie vor" für die Kör­per­ver­let­zungs­hand­lung offen­sicht­lich nicht beach­tet habe, liegt die Mög­lich­keit einer Ver­let­zung des Rechts der Beschwer­de­füh­re­rin aus Art. 103 Abs. 1 GG auf der Hand. § 23 Abs. 1 Satz 1 1. Halb­satz, § 92 BVerfGG erfor­der­ten daher kei­ne ins Ein­zel­ne gehen­de Dar­le­gung der Ver­let­zung des Rechts der Beschwer­de­füh­re­rin aus Art. 103 Abs. 1 GG anhand der hier­für in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kon­kre­ti­sier­ten Maß­stä­be.

Die vor­lie­gen­de Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist auch begrün­det. Gemes­sen an den soeben auf­ge­zeig­ten Ver­bür­gun­gen des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör ver­let­zen das Urteil des Amts­ge­richts Bonn vom 17.06.2015 7 und der auf die Anhö­rungs­rü­ge ergan­ge­ne Beschluss des Amts­ge­richts Bonn vom 15.09.2015 8 die Beschwer­de­füh­re­rin in ihrem grund­rechts­glei­chen Recht aus Art. 103 Abs. 1 GG.

Das Amts­ge­richt Bonn ist in sei­nem Urteil vom 17.06.2015 offen­sicht­lich davon aus­ge­gan­gen, dass die dem dor­ti­gen Beklag­ten vor­ge­wor­fe­ne Ver­let­zungs­hand­lung und ihr genau­er Her­gang eine zwi­schen den Pro­zess­par­tei­en ent­schei­dungs­er­heb­li­che und zugleich strei­ti­ge Tat­sa­che gewe­sen ist, für die die Beschwer­de­füh­re­rin beweis­pflich­tig war. Die in der Kla­ge­schrift für die Ver­let­zungs­hand­lung benann­ten Beweis­mit­tel waren daher für das Ver­fah­ren erheb­lich.

Aus der Begrün­dung des Urteils vom 17.06.2015, die sich allein mit dem als Zeu­gen benann­ten Pas­san­ten aus­ein­an­der­setzt, ergibt sich jedoch, dass das Amts­ge­richt Bonn das ers­te von der Beschwer­de­füh­re­rin für den Tat­her­gang benann­te Beweis­an­ge­bot ("Beweis: wie vor") ent­ge­gen sei­ner Ver­pflich­tung aus Art. 103 Abs. 1 GG nicht zur Kennt­nis genom­men hat. Das Amts­ge­richt Bonn hat sei­ne Annah­me, dass die Beschwer­de­füh­re­rin für die von ihr behaup­te­te Kör­per­ver­let­zung kei­nen taug­li­chen Beweis ange­bo­ten habe, allein damit begrün­det, dass es hier­zu in der Kla­ge­schrift hei­ße: "Zeug­nis eines im Bestrei­tens­fall noch zu benen­nen­den Pas­san­ten, der den Vor­fall eben­falls beob­ach­te­te". Der gleich­falls und sogar an ers­ter Stel­le genann­te "Beweis: wie vor" für die Ver­let­zungs­hand­lung wird mit kei­nem Wort erwähnt; er wird auch nicht als untaug­li­ches Beweis­mit­tel, unzu­läs­si­ge oder unkla­re Bezug­nah­me oder Ähn­li­ches ein­ge­ord­net. Ein ande­rer Grund als ein schlich­tes Nicht-zur-Kennt­nis-Neh­men des Beweis­an­ge­bots ist hier­für nicht erkenn­bar. Das Zivil­pro­zess­recht bie­tet für eine voll­stän­di­ge Nicht­be­rück­sich­ti­gung die­ses Beweis­an­ge­bots kei­ne Grund­la­ge. Nach der in der Zivil­pro­zess­ord­nung gel­ten­den Pflicht zur Erschöp­fung der Beweis­mit­tel darf das Gericht einen Klä­ger nicht als beweis­fäl­lig abwei­sen, ohne alle ange­tre­te­nen und als erheb­lich ange­se­he­nen Bewei­se zu erhe­ben, soweit nicht ein bestimm­ter ver­fah­rens- oder beweis­recht­li­cher Grund zur Ableh­nung des Antrags gege­ben ist 9. Ein sol­cher ist vor­lie­gend weder ein­ge­wandt wor­den, noch ist er ersicht­lich. Min­der­jäh­ri­ge Kin­der sind auch im Fall eines ihre Eltern betref­fen­den Sach­ver­halts nicht von vorn­her­ein und grund­sätz­lich unge­eig­ne­te Beweis­mit­tel.

Die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung des Amts­ge­richts Bonn vom 17.06.2015 beruht auch auf die­sem Gehörs­ver­stoß. Denn die Kla­ge der Beschwer­de­füh­re­rin ist allein wegen der Untaug­lich­keit des Beweis­mit­tels "Zeug­nis eines im Bestrei­tens­fall noch zu nen­nen­den Pas­san­ten, der den Vor­fall eben­falls beob­ach­te­te" abge­wie­sen wor­den.

Die Ver­let­zung des Anspruchs der Beschwer­de­füh­re­rin aus Art. 103 Abs. 1 GG ist im Rah­men des Gehörs­rü­ge­ver­fah­rens nicht geheilt, son­dern wie­der­holt wor­den. Das Amts­ge­richt Bonn nahm inso­weit trotz noch­ma­li­gen Hin­wei­ses in der Gehörs­rü­ge das ers­te für die Kör­per­ver­let­zungs­hand­lung genann­te Beweis­an­ge­bot ("Beweis: wie vor") wie­der­um nicht zur Kennt­nis. Die Gehörs­rü­ge­ent­schei­dung vom 15.09.2015 ist auf die­ses Beweis­an­ge­bot mit kei­nem Wort ein­ge­gan­gen, ohne dass hier­für ein ande­rer Grund als ein schlich­tes Nicht-zur-Kennt­nis-Neh­men erkenn­bar gewe­sen wäre. Das Amts­ge­richt hat im Hin­blick auf die Kör­per­ver­let­zungs­hand­lung ledig­lich die Fest­stel­lung erneu­ert, dass es an einem taug­li­chen Beweis­an­ge­bot feh­le, und hat sich danach aus­schließ­lich zu den nach dem untaug­li­chen "Pas­san­ten­be­weis" ange­bo­te­nen Beweis­mit­teln geäu­ßert. Auch die­se Ent­schei­dung beruht offen­sicht­lich auf der Nicht­be­rück­sich­ti­gung des Beweis­an­ge­bots "Beweis: wie vor".

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. Dezem­ber 2016 – 2 BvR 1997 – /​15

  1. BVerfGE 60, 175, 210[]
  2. BVerfGE 6, 19, 20; 15, 303, 307; 36, 85, 87[]
  3. BVerfGE 11, 218, 220; 42, 364, 367; 60, 250, 252; 96, 205, 216; stRspr[]
  4. vgl. BVerfGE 50, 32, 36; 60, 247, 249; 60, 250, 252; 69, 141, 143[]
  5. vgl. BVerfGE 21, 191, 194; 69, 145, 148 f.; 70, 288, 294; 96, 205, 216; stRspr[]
  6. vgl. BVerfGE 50, 32, 36; 69, 141, 144[]
  7. AG Bonn, Urteil vom 17.06.2015 – 114 C 239/​15[]
  8. AG Bonn, Beschluss vom 15.09.2015 – 114 C 239/​15[]
  9. BGH, Urteil vom 17.02.1970 – III ZR 139/​67 228; vgl. Gre­ger, in: Zöl­ler, ZPO, 29. Aufl.2012, Vor § 284 Rn. 8a; Reichold, in: Thomas/​Putzo, ZPO, 37. Aufl.2016, § 284 Rn. 2[]