Der zwei­te Rest­schuld­be­frei­ungs­an­trag

Dem Schuld­ner ist das Rechts­schutz­in­ter­es­se an einen zwei­ten Antrag auf Ertei­lung der Rest­schuld­be­frei­ung nicht des­halb abzu­spre­chen, weil sein ers­ter Antrag in einem vor­aus­ge­gan­ge­nen Ver­fah­ren nach § 290 Abs. 1 Nr. 2 InsO abge­lehnt wor­den ist.

Der zwei­te Rest­schuld­be­frei­ungs­an­trag

Nach § 290 Abs. 1 Nr. 2 InsO ist die Rest­schuld­be­frei­ung zu ver­sa­gen, wenn der Schuld­ner in den letz­ten drei Jah­ren vor dem Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens oder nach die­sem Antrag vor­sätz­lich oder grob fahr­läs­sig schrift­lich unrich­ti­ge oder unvoll­stän­di­ge Anga­ben über sei­ne wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se gemacht hat, um einen Kre­dit zu erhal­ten, Leis­tun­gen aus öffent­li­chen Mit­teln zu bezie­hen oder Leis­tun­gen an öffent­li­che Kas­sen zu ver­mei­den.

Ein erneu­ter Antrag auf Rest­schuld­be­frei­ung und Stun­dung der Ver­fah­rens­kos­ten nach § 287 Abs. 1 Satz 1, § 4a InsO ist wegen feh­len­den Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses unzu­läs­sig, wenn er inner­halb von drei Jah­ren nach rechts­kräf­ti­ger Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung gemäß § 290 Abs. 1 Nr. 5 und 6 InsO oder nach Ableh­nung der Stun­dung der Ver­fah­rens­kos­ten wegen Vor­lie­gens die­ser Ver­sa­gungs­tat­be­stän­de gestellt gewor­den ist 1. Ent­spre­chen­des gilt, wenn im Erst­ver­fah­ren die Rest­schuld­be­frei­ung rechts­kräf­tig nach § 290 Abs. 1 Nr. 4 InsO ver­sagt wor­den ist 2 oder wenn der Schuld­ner auf den ihm in Anschluss an den Antrag eines Gläu­bi­gers erteil­ten gericht­li­chen Hin­weis, er kön­ne einen eige­nen Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens ver­bun­den mit dem Antrag auf Rest­schuld­be­frei­ung stel­len, bis zur Ent­schei­dung über den Eröff­nungs­an­trag des Gläu­bi­gers nicht reagiert hat 3 oder er sei­nen Antrag auf Rest­schuld­be­frei­ung zurück­ge­nom­men hat, um so eine Ent­schei­dung des Insol­venz­ge­richts über einen Ver­sa­gungs­an­trag zu ver­hin­dern 4.

Die Fra­ge, ob auch die Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung nach § 290 Abs. 1 Nr. 2 InsO im Erst­ver­fah­ren eine (wei­te­re) Sperr­frist von drei Jah­ren für das Zweit­ver­fah­ren aus­löst, die mit Rechts­kraft des Ver­sa­gungs­be­schlus­ses beginnt, hat der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Beschluss vom 21.02.2008 5 noch nicht abschlie­ßend ent­schie­den. Soweit in jener Ent­schei­dung die Ver­nei­nung einer Sperr­frist auch für die Fäl­le des § 290 Abs. 1 Nr. 2 InsO gese­hen wer­den konn­te, hat der Bun­des­ge­richts­hof hier­an spä­ter nicht mehr fest­ge­hal­ten 6.

Die Lite­ra­tur hat teil­wei­se 7 aus den ange­führ­ten Ent­schei­dun­gen abge­lei­tet, dass in allen Fäl­len der Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung im Schluss­ter­min nach § 290 Abs. 1 InsO der Schuld­ner erst nach Ablauf von drei Jah­ren wie­der einen zuläs­si­gen Antrag auf Rest­schuld­be­frei­ung stel­len kön­ne. Die­ser Schluss ist nicht gerecht­fer­tigt. Es ist kein all­ge­mei­nes Prin­zip erkenn­bar, dass die Rechts­kraft der Ent­schei­dung im Erst­ver­fah­ren über einen gewis­sen Zeit­raum Wir­kung für nach­fol­gen­de Anträ­ge auf Rest­schuld­be­frei­ung ent­fal­ten müs­se. Auch das wei­te­re Argu­ment, dass für eine Dif­fe­ren­zie­rung nach den Ver­sa­gungs­grün­den kein Raum blei­be, trifft nicht zu.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in sei­nen Ent­schei­dun­gen stets dar­auf abge­stellt, dass die Ver­sa­gungs­grün­de des § 290 Abs. 1 Nr. 5 und 6 InsO ihrer ver­fah­rens­för­dern­den Funk­ti­on beraubt wür­den, wenn Ver­stö­ße des Schuld­ners wegen der Befug­nis zur Ein­lei­tung eines wei­te­ren Insol­venz­ver­fah­rens nicht nach­hal­tig sank­tio­niert wür­den. Der unred­li­che Schuld­ner, der im Erst­ver­fah­ren gegen sei­ne Aus­kunfts- und Mit­wir­kungs­pflich­ten ver­stößt, kann ohne die Frist – unter Umstän­den auf Kos­ten des Staa­tes – sofort einen neu­en Rest­schuld­be­frei­ungs- und Stun­dungs­an­trag stel­len 8. Die­se sinn­wid­ri­gen Fol­gen tre­ten bei den Ver­sa­gungs­tat­be­stän­den, die selbst eine Frist von meh­re­ren Jah­ren nor­mie­ren, inner­halb derer das unred­li­che Ver­hal­ten des Schuld­ners zur Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung füh­ren soll, nicht ein. Für die Ver­sa­gungs­tat­be­stän­de, die Sperr­fris­ten von drei Jah­ren und mehr ken­nen (etwas ande­res gilt für den Ver­sa­gungs­grund des § 290 Abs. 1 Nr. 4 InsO wegen der kur­zen Sperr­frist von nur einem Jahr 9, kann im Wege der Rechts­fort­bil­dung kei­ne zusätz­li­che Sperr­frist ent­wi­ckelt wer­den.

Im Fall des § 290 Abs. 1 Nr. 2 InsO ergä­be sich dann eine unver­hält­nis­mä­ßig lan­ge Sper­re, wie auch das Beschwer­de­ge­richt zu Beden­ken gege­ben hat. Denn zu der in dem Tat­be­stand selbst gere­gel­ten Frist müss­te die Sperr­frist von drei Jah­ren hin­zu­ge­rech­net wer­den, wobei jene Frist mit der Rechts­kraft des Ver­sa­gungs­be­schlus­ses im Erst­ver­fah­ren beginnt, unter Umstän­den erst nach einem mehr­jäh­ri­gen Insol­venz­ver­fah­ren. Im vor­lie­gen­den Fall dürf­te der Schuld­ner wegen der unrich­ti­gen Steu­er­erklä­rung vom April 2006 erst ab April 2013, mit­hin erst nach sie­ben Jah­ren, einen neu­en Antrag auf Ver­fah­rens­kos­ten­stun­dung und Rest­schuld­be­frei­ung stel­len 10.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Bemes­sung der Frist von drei Jah­ren auch mit der geplan­ten Ein­füh­rung des § 290 Abs. 1 Nr. 3a InsO in dem "Regie­rungs­ent­wurf eines Geset­zes zur Ent­schul­dung mit­tel­lo­ser Per­so­nen, zur Stär­kung der Gläu­bi­ger­rech­te sowie zur Rege­lung der Insol­venz­fes­tig­keit von Lizen­zen" vom 05.12.2007 11 gerecht­fer­tigt, der eine Sperr­frist für ein Zweit­ver­fah­ren nur für die Ver­sa­gungs­tat­be­stän­de des § 290 Abs. 1 Nr. 5 und 6 InsO vor­sah 12, und fer­ner mit der Frist des § 290 Abs. 1 Nr. 2 InsO des gel­ten­den Rechts 13. Auch des­halb ver­bie­tet es sich, an die in § 290 Abs. 1 Nr. 2 InsO nor­mier­te Frist eine wei­te­re Sperr­frist in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 290 Abs. 1 Nr. 2 und 3 InsO anzu­schlie­ßen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Novem­ber 2012 – IX ZB 194/​11

  1. BGH, Beschluss vom 16.07.2009 – IX ZB 219/​08, BGHZ 183, 13 Rn. 8 ff; vom 03.12.2009 – IX ZB 89/​09, ZIn­sO 2010, 140 Rn. 6; vom 04.02.2010 – IX ZA 40/​09, ZIn­sO 2010, 491 Rn. 6 f; vom 11.02.2010 – IX ZA 45/​09, ZIn­sO 2010, 490 Rn. 6 ff; vom 18.02.2010 – IX ZA 39/​09, ZIn­sO 2010, 587 Rn. 6 f; vom 09.03.2010 – IX ZA 7/​10, ZIn­sO 2010, 783 Rn. 5 ff[]
  2. BGH, Beschluss vom 14.01.2010 – IX ZB 257/​09, ZIn­sO 2010, 347 Rn. 6[]
  3. BGH, Beschluss vom 21.01.2010 – IX ZB 174/​09, ZIn­sO 2010, 344 Rn. 7 f[]
  4. BGH, Beschluss vom 12.05.2011 – IX ZB 221/​09, ZIn­sO 2011, 1127 Rn. 7; vom 06.10.2011 – IX ZB 114/​11 ZIn­sO 2011, 2198 Rn. 3; vgl. Schmidt, Ins­VZ 2010, 232 ff; Homann, ZVI 2012, 206, 207[]
  5. BGH, Beschluss vom 21.02.2008 – IX ZB 52/​07, ZIn­sO 2008, 319 Rn. 10[]
  6. BGH, Beschluss vom 16.07.2009 – IX ZB 219/​08, BGHZ 183, 13 Rn. 13[]
  7. vgl. Hmb­Komm-InsO/S­treck, 4. Aufl., § 287 Rn. 6a; FKInsO/​Ahrens, 6. Aufl., § 287 Rn. 36; Graf-Schli­cker/K­e­xel, InsO, 3. Aufl., § 287 Rn. 6; Schmidt, Ins­VZ 2010, 232, 234[]
  8. BGH, Beschluss vom 16.07.2009 – IX ZB 219/​08, BGHZ 183, 13 Rn. 12 f; vom 03.12.2009 – IX ZB 89/​09, ZIn­sO 2010, 140 Rn. 6[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 14.01.2010 – IX ZB 257/​09, ZIn­sO 2010, 347 Rn. 6[]
  10. vgl. Grote/​Pape, ZIn­sO 2012, 409, 411; Schmer­bach, NZI 2012, 161, 164; Ste­phan, ZVI 2012, 85, 88 f zu § 287a Abs. 2 Nr. 2 InsO-Regie­rungs­ent­wurf für ein Gesetz zur Ver­kür­zung des Rest­schuld­be­frei­ungs­ver­fah­rens und zur Stär­kung der Gläu­bi­ger­rech­te, Stand: 12.07.2012[]
  11. BR-Drs. 16/​7416[]
  12. BGH, Beschluss vom 16.07.2009 – IX ZB 219/​08, BGHZ 183, 13 Rn. 16[]
  13. BGH, Beschluss vom 18.02.2010 – IX ZA 39/​09, ZIn­sO 2010, 587 Rn. 7[]