Die abge­lehn­te Erwei­te­rung der Mus­ter­kla­ge

Die einen Antrag auf Erwei­te­rung des Mus­ter­ver­fah­rens nach dem Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens­ge­setz (Kap­MuG) zurück­wei­sen­de Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts ist unan­fecht­bar und unter­liegt daher nicht der Über­prü­fung durch das Rechts­be­schwer­de­ge­richt [1].

Die abge­lehn­te Erwei­te­rung der Mus­ter­kla­ge

Die einen Antrag auf Erwei­te­rung des Mus­ter­ver­fah­rens zurück­wei­sen­de Ent­schei­dung ist nicht anfecht­bar. Der Rechts­schutz gegen die Ent­schei­dun­gen des Ober­lan­des­ge­richts ist im Ver­fah­ren nach dem Kap­MuG nach § 20 Abs. 1 Satz 1 Kap­MuG gegen den Mus­ter­ent­scheid und dann eröff­net, wenn das Gesetz die Ent­schei­dung nicht für unan­fecht­bar erklärt und das Ober­lan­des­ge­richt die Rechts­be­schwer­de nach § 3 Abs. 1 EGZPO, § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO zuge­las­sen hat. Obwohl das Gesetz kei­ne aus­drück­li­che Rege­lung zur Anfecht­bar­keit der Ent­schei­dung über den Antrag auf Erwei­te­rung des Mus­ter­ver­fah­rens nach § 15 Abs. 1 Satz 1 Kap­MuG ent­hält, ist davon aus­zu­ge­hen, dass die den Antrag zurück­wei­sen­de Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts einer Anfech­tung ent­zo­gen ist [2]. Der Bun­des­ge­richts­hof hält an die­ser Recht­spre­chung auch unter Berück­sich­ti­gung der von der Rechts­be­schwer­de vor­ge­brach­ten Ein­wän­de fest.

Die Begrün­dung des Regie­rungs­ent­wurfs zu § 15 Kap­MuG weist dar­auf hin, dass § 13 Abs. 2 in der bis zum 31.10.2010 gel­ten­den Fas­sung (Kap­MuG a.F.) durch die Zuwei­sung der Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz an das Ober­lan­des­ge­richt über­flüs­sig wer­de und begrün­det dies mit der Erwä­gung, dass die Ver­la­ge­rung der Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz auf das Ober­lan­des­ge­richt zur Fol­ge habe, dass weder die Bekannt­ma­chung der Erwei­te­rung des Mus­ter­ver­fah­rens noch die Ableh­nung einer Erwei­te­rung mit der sofor­ti­gen Beschwer­de ange­foch­ten wer­den könn­ten [3]. § 13 Abs. 2 Kap­MuG a.F. sah vor, dass die Erwei­te­rung des Vor­la­ge­be­schlus­ses durch das Pro­zess­ge­richt unan­fecht­bar und für das Ober­lan­des­ge­richt bin­dend sei. Wur­de danach eine gesetz­li­che Rege­lung zur Unan­fecht­bar­keit der Ent­schei­dung unter Hin­weis auf den Aus­schluss der sofor­ti­gen Beschwer­de für über­flüs­sig gehal­ten, ist für die Deu­tung der Rechts­be­schwer­de, der Hin­weis auf die feh­len­de Anfech­tungs­mög­lich­keit mit der sofor­ti­gen Beschwer­de, bezie­he sich ledig­lich auf den Aus­schluss eines zulas­sungs­frei­en Rechts­mit­tels, kein Raum. Für eine sol­che Ein­schrän­kung fin­den sich in der Begrün­dung des Regie­rungs­ent­wurfs kei­ne Anhalts­punk­te. Im Gegen­teil ist in den par­la­men­ta­ri­schen Bera­tun­gen her­vor­ge­ho­ben wor­den, dass zum Zweck der Beschleu­ni­gung des Mus­ter­ver­fah­rens Strei­tig­kei­ten in Zwi­schen­ver­fah­ren über den Umfang der Fest­stel­lungs­zie­le abge­schnit­ten wer­den soll­ten, was ange­sichts des ver­blei­ben­den Rechts­schut­zes im Indi­vi­du­al­pro­zess hin­nehm­bar sei [4].

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­mag auch dem Argu­ment nicht bei­zu­tre­ten, er unter­lau­fe die grund­le­gen­de Inten­ti­on des Gesetz­ge­bers, der mit dem ZPO­Re­form­ge­setz dem Rechts­be­schwer­de­ge­richt die Auf­ga­be zuge­wie­sen habe, außer Fra­gen von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung auch Fra­gen der Fort­bil­dung des Rechts zu klä­ren und die Ein­heit­lich­keit der Recht­spre­chung zu sichern und einer Rechts­zer­split­te­rung ent­ge­gen­zu­wir­ken. Der Gesetz­ge­ber hat wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits her­vor­ge­ho­ben hat [5] die Ein­schrän­kung des Rechts­schut­zes im Mus­ter­ver­fah­ren gese­hen und den ver­blei­ben­den Rechts­schutz im Indi­vi­du­al­pro­zess für aus­rei­chend erach­tet, wenn nicht alle aus der Sicht eines ein­zel­nen Klä­gers klä­rungs­be­dürf­ti­gen Punk­te Gegen­stand des Mus­ter­ver­fah­rens wer­den [6]. Damit die­ser Rechts­schutz dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz bei Effek­ti­vi­tät für den ein­zel­nen Klä­ger genügt, muss sich das Pro­zess­ge­richt für die Ent­schei­dung über die Aus­set­zung des Ver­fah­rens die Über­zeu­gung bil­den (§ 286 ZPO), dass es auf die Fest­stel­lungs­zie­le, die Gegen­stand des Mus­ter­ver­fah­rens sind, für den Aus­gang des Rechts­streits kon­kret ankom­men wird, auch wenn hier­zu eine Beweis­auf­nah­me durch­zu­füh­ren ist [7]. Dass aus die­sem Grund wie die Rechts­be­schwer­de befürch­tet die Klä­rung von außer­halb der Fest­stel­lungs­zie­le des Mus­ter­ver­fah­rens lie­gen­der Streit­punk­te not­wen­dig wer­den und es zu einer Mehr­be­las­tung der Gerich­te kom­men kann, ist hin­zu­neh­men [8].

Schließ­lich führt auch der Hin­weis auf den BGH, Beschluss vom 20.01.2015 zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Die­se Ent­schei­dung ver­hält sich zum Kapi­tal­an­le­ger­mus­ter­ver­fah­rens­ge­setz in der bis zum 31.10.2012 gel­ten­den Fas­sung [9]. Nach § 13 Abs. 1 Kap­MuG a.F. hat­te das Pro­zess­ge­richt über die Erwei­te­rung des Mus­ter­ver­fah­rens zu ent­schei­den und nach § 13 Abs. 2 Kap­MuG a.F. war aus­drück­lich nur die Erwei­te­rung des Vor­la­ge­be­schlus­ses einer Anfech­tung ent­zo­gen. Ange­sichts die­ser Rege­lun­gen und der mit der Neu­fas­sung des Kapi­tal­an­le­ger­Mus­ter­ver­fah­rens­ge­set­zes ver­folg­ten Zie­le war die Fra­ge der Anfecht­bar­keit der Ent­schei­dung über die Zurück­wei­sung eines auf Erwei­te­rung des Mus­ter­ver­fah­rens gerich­te­ten Antrags durch das Ober­lan­des­ge­richt vom Bun­des­ge­richts­hof neu zu beant­wor­ten.

Die Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de durch das Ober­lan­des­ge­richt führt eben­falls nicht zur Statt­haf­tig­keit des Rechts­mit­tels. Die­se kann kei­nen vom Gesetz nicht vor­ge­se­he­nen Instan­zen­zug eröff­nen [10].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. Okto­ber 2019 – II ZB 23/​18

  1. Fest­hal­tung an BGH, Beschluss vom 10.07.2018 – II ZB 24/​14[]
  2. BGH, Beschluss vom 10.07.2018 – II ZB 24/​14, ZIP 2018, 2307 Rn. 140 f.[]
  3. BT-Drs. 17/​8799, S. 23[]
  4. BT-Ple­nar­pro­to­koll 17/​165, S.19708[]
  5. BGH, Beschluss vom 10.07.2018 – II ZB 24/​14, ZIP 2018, 2307 Rn. 144[]
  6. BT-Drs. 17/​8799, S. 17[]
  7. BGH, Beschluss vom 30.04.2019 – XI ZB 13/​18, ZIP 2019, 1615 Rn. 28[]
  8. vgl. auch BGH, Beschluss vom 30.04.2019 – XI ZB 13/​18, ZIP 2019, 1615 Rn. 26[]
  9. BGH, Beschluss vom 20.01.2015 – II ZB 11/​14, ZIP 2015, 703 Rn. 13[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 01.10.2002 – IX ZB 271/​02, NJW 2003, 70; Beschluss vom 26.03.2007 NotZ 49/​06; Beschluss vom 28.02.2018 XII ZB 634/​17, MDR 2018, 690 Rn. 7[]