Die feh­ler­haf­te Bezeich­nung des Rechts­mit­tel­klä­gers

Eine feh­ler­haf­te oder unzu­rei­chen­de Bezeich­nung des Rechts­mit­tel­klä­gers in der Recht­mit­tel­schrift ist dem Rechts­an­walt dann nicht als sei­nem Man­dan­ten zure­chen­ba­rer – Ver­stoß gegen anwalt­li­che Sorg­falts­pflich­ten anzu­las­ten, wenn er den Man­gel bemerkt und sei­ner zuver­läs­si­gen Kanz­lei­kraft eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung erteilt hat, die bei ord­nungs­ge­mä­ßer Befol­gung die­sen Man­gel aus­ge­gli­chen und die frist­ge­rech­te Ein­le­gung des Rechts­mit­tels gewähr­leis­tet hät­te [1].

Die feh­ler­haf­te Bezeich­nung des Rechts­mit­tel­klä­gers

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat die Klä­ge­rin die Frist zur Ein­le­gung der Beru­fung ver­säumt: Aus der Beru­fungs­schrift muss ent­we­der für sich allein betrach­tet oder mit Hil­fe wei­te­rer Unter­la­gen bis zum Ablauf der Rechts­mit­tel­frist ein­deu­tig zu erken­nen sein, wer Beru­fungs­klä­ger und wer Beru­fungs­be­klag­ter sein soll [2]. Hier­an fehlt es im Streit­fall. Die Beru­fungs­schrift ent­hält weder Par­tei­be­zeich­nun­gen noch die Anga­be, für wel­che der nament­lich auf­ge­führ­ten Par­tei­en Beru­fung ein­ge­legt wer­de. Rück­schlüs­se auf die Iden­ti­tät des Beru­fungs­klä­gers las­sen sich auch nicht aus der recht­zei­tig ein­ge­gan­ge­nen Aus­fer­ti­gung des ange­foch­te­nen Urteils zie­hen, denn die­ses führt den erst nach Abschluss des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens man­da­tier­ten Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin nicht auf und beschwert bei­de Par­tei­en in einer die Beru­fungs­sum­me des § 511 Abs. 2 Nr. 1 ZPO über­stei­gen­den Höhe [3]. Die vor Ablauf der Rechts­mit­tel­frist vom Büro des Klä­ger­ver­tre­ters fern­münd­lich erteil­te Aus­kunft, deren Inhalt von einer Jus­tiz­an­ge­stell­ten hand­schrift­lich nie­der­ge­legt wor­den ist, genügt nicht der Schrift­form des § 519 ZPO und hat daher außer Betracht zu blei­ben [4].

Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hof ist der Klä­ge­rin aber eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand hin­sicht­lich der ver­säum­ten Beru­fungs­frist zu gewäh­ren: Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin hat sei­nen anwalt­li­chen Sorg­falts­pflich­ten genügt, indem er sei­ne Kanz­lei­kraft nach Unter­zeich­nung der von die­ser vor­be­rei­te­ten Beru­fungs­schrift kon­kret und unmiss­ver­ständ­lich ange­wie­sen hat, die Rechts­mit­tel­schrift zusam­men mit der von der Klä­ge­rin schrift­lich erteil­ten Pro­zess­voll­macht vor­ab per Tele­fax und anschlie­ßend auf dem Post­weg an das Beru­fungs­ge­richt zu über­mit­teln.

Zutref­fend ist das Beru­fungs­ge­richt aller­dings davon aus­ge­gan­gen, dass die Anfer­ti­gung von zur Fris­t­wah­rung geeig­ne­ten Schrift­sät­zen zu den Geschäf­ten gehört, die ein Rechts­an­walt nicht sei­nem Büro­per­so­nal über­las­sen darf, ohne das Arbeits­er­geb­nis auf sei­ne Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit zu über­prü­fen [5].

Die­ser Prü­fungs­pflicht ist der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin jedoch ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts nach­ge­kom­men. Das Beru­fungs­ge­richt hat nicht beach­tet, dass den Rechts­an­walt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs im Fal­le einer Frist­ver­säu­mung grund­sätz­lich kein der Par­tei zure­chen­ba­res (§ 85 Abs. 2, § 233 ZPO) – Ver­schul­den trifft, wenn er einer bis­lang zuver­läs­si­gen Kanz­lei­an­ge­stell­ten eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung erteilt hat, die bei Befol­gung die Fris­t­wah­rung gewähr­leis­tet hät­te [6]. So lie­gen die Din­ge hier.

Der Klä­ger­ver­tre­ter hat zwar die Beru­fungs­schrift unter­zeich­net, bevor Maß­nah­men getrof­fen wor­den waren, um die Per­son des Rechts­mit­tel­klä­gers hin­rei­chend zu kenn­zeich­nen. Dies ist ihm jedoch nicht als Ver­schul­den anzu­las­ten [7], weil er nach dem glaub­haft gemach­ten Klä­ger­vor­brin­gen zur Behe­bung die­ses Man­gels ange­ord­net hat, der Rechts­mit­tel­schrift eine von der Klä­ge­rin unter­zeich­ne­te Pro­zess­voll­macht bei­zu­fü­gen. Wenn die erteil­te Ein­zel­an­wei­sung ord­nungs­ge­mäß befolgt wor­den wäre, hät­te das Beru­fungs­ge­richt vor Ablauf der Rechts­mit­tel­frist in der gebo­te­nen Schrift­form die nach § 519 ZPO erfor­der­li­chen Infor­ma­tio­nen über die Iden­ti­tät des Rechts­mit­tel­füh­rers erhal­ten. Aus die­sem Grun­de durf­te der Klä­ger­ver­tre­ter eine Ergän­zung der Anga­ben in der Beru­fungs­schrift für ent­behr­lich hal­ten. Das Beru­fungs­ge­richt hat nicht berück­sich­tigt, dass nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung die Fall­ge­stal­tun­gen, in denen eine feh­ler­haf­te Bezeich­nung des Rechts­mit­tel­klä­gers unbe­merkt geblie­ben ist, was mit einer Ver­let­zung der anwalt­li­chen Prü­fungs­pflicht gleich­zu­set­zen ist, von den Fäl­len zu unter­schei­den sind, in denen ein sol­cher Man­gel wie hier – dem Rechts­an­walt auf­ge­fal­len ist und er sodann sei­ner Kanz­lei­kraft eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung erteilt hat, die bei ord­nungs­ge­mä­ßer Befol­gung die Fris­t­wah­rung gewähr­leis­tet hät­te [8].

Eine schuld­haf­te Pflicht­ver­let­zung ist dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin auch nicht des­we­gen anzu­las­ten, weil er es unter­las­sen hat, sich über die Aus­füh­rung der erteil­ten Anwei­sung zu ver­ge­wis­sern. Auch bei einem so wich­ti­gen Vor­gang wie der Anfer­ti­gung einer Rechts­mit­tel­schrift ist ein Rechts­an­walt regel­mä­ßig nicht ver­pflich­tet, die ord­nungs­ge­mä­ße Aus­füh­rung einer kon­kre­ten Ein­zel­an­wei­sung zu über­prü­fen [9].

Ein der Klä­ge­rin zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten kann schließ­lich auch nicht dar­in gese­hen wer­den, dass die­ser die Ein­zel­an­wei­sung nur münd­lich erteilt hat. Zwar müs­sen, wenn die münd­li­che Anwei­sung einen wich­ti­gen Vor­gang wie etwa die Ein­rei­chung frist­ge­bun­de­ner Schrift­sät­ze betrifft, in der Kanz­lei aus­rei­chen­de orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen dage­gen getrof­fen wer­den, dass die Anwei­sung (etwa im Dran­ge der Geschäf­te) in Ver­ges­sen­heit gerät [10]. Sol­che Vor­keh­run­gen sind grund­sätz­lich nur dann ent­behr­lich, wenn die Büro­kraft zugleich die unmiss­ver­ständ­li­che Wei­sung erhält, den von ihr zu erle­di­gen­den Vor­gang sofort aus­zu­füh­ren [11].

So lie­gen die Din­ge hier. Wie die Klä­ge­rin auf den gericht­li­chen Hin­weis des Bun­des­ge­richts­hofs (§ 139 Abs. 1 ZPO) ergän­zend vor­ge­tra­gen und glaub­haft gemacht hat, hat ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter sei­ner Kanz­lei­kraft nicht nur die Anwei­sung erteilt, die Beru­fungs­schrift zusam­men mit einer Aus­fer­ti­gung der ihm erteil­ten Pro­zess­voll­macht zu ver­sen­den, son­dern zusätz­lich ange­ord­net, den erteil­ten Auf­trag umge­hend aus­zu­füh­ren. Die­ses Vor­brin­gen ist vom Bun­des­ge­richts­hof zu berück­sich­ti­gen. Zwar müs­sen alle Tat­sa­chen, die für die Wie­der­ein­set­zung von Bedeu­tung sein kön­nen, inner­halb der vor­lie­gend maß­geb­li­chen zwei­wö­chi­gen Antrags­frist (§ 234 Abs. 1 Satz 1, § 236 Abs. 2 ZPO) vor­ge­tra­gen wer­den. Ein Nach­schie­ben von Grün­den ist aber dann zuläs­sig, wenn erkenn­bar unkla­re oder ergän­zungs­be­dürf­ti­ge Anga­ben, deren Auf­klä­rung nach § 139 Abs. 1 ZPO gebo­ten ist, nach Frist­ab­lauf erläu­tert oder ver­voll­stän­digt wer­den [12]. Hat das Beru­fungs­ge­richt wie hier den erfor­der­li­chen Hin­weis unter­las­sen, ist das ergän­zen­de Vor­brin­gen bei der Ent­schei­dung über die Rechts­be­schwer­de zu beach­ten [13].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Janu­ar 2013 – VIII ZB 46/​12

  1. im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 09.12.2003 – VI ZB 26/​03, NJW-RR 2004, 711; vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, NJW 2009, 296; vom 20.03.2012 – VIII ZB 41/​11, NJW 2012, 1737; vom 12.06.2012 – VI ZB 54/​11, NJW-RR 2012, 1267[]
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 09.04.2008 – VIII ZB 58/​06, NJW-RR 2008, 1161 Rn. 5; vom 12.01.2010 – VIII ZB 64/​09; vom 11.05.2010 – VIII ZB 93/​09, NJW-RR 2011, 281 Rn. 9 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 18.12.2003 III ZB 67/​03[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 09.07.1985 – VI ZB 8/​85, NJW 1985, 2650 unter [II] 1; vom 04.06.1997 – VIII ZB 9/​97, NJW 1997, 3383 unter II 1 c; vom 18.12.2003 – III ZB 67/​03, aaO[]
  5. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 14.05.2003 – XII ZB 154/​01, FamRZ 2003, 1176 unter [II] 2; vom 21.03.2006 – VI ZB 25/​05, VersR 2006, 991 Rn. 10; vom 11.05.2011 – IV ZB 2/​11, aaO Rn. 11; vom 08.02.2012 XII ZB 165/​11, NJW 2012, 1591 Rn. 30; vom 16.05.2012 – AnwZ (Brfg) 48/​11[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 09.12.2003 – VI ZB 26/​03, NJW-RR 2004, 711 unter II; vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, NJW 2009, 296 Rn. 9; vom 20.03.2012 – VIII ZB 41/​11, NJW 2012, 1737 Rn. 10; vom 12.06.2012 – VI ZB 54/​11, aaO Rn. 9[]
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 28.10.2008 – VI ZB 43/​08; vom 20.03.2012 – VIII ZB 41/​11, aaO; vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, aaO[]
  8. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 21.03.2006 – VI ZB 25/​05, aaO[]
  9. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 28.10.2008 – VI ZB 43/​08, aaO Rn. 12; vom 08.02.2012 – XII ZB 165/​11, aaO Rn. 29, 31; vom 20.03.2012 – VIII ZB 41/​11, aaO; vom 16.05.2012 AnwZ (Brfg) 48/​11, aaO Rn. 10; jeweils mwN[]
  10. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 15.11.2007 – IX ZB 219/​06, NJW 2008, 526 Rn. 11; vom 04.04.2007 – III ZB 85/​06, NJW-RR 2007, 1430 Rn. 9; vom 02.04.2008 – XII ZB 190/​07, mwN; vom 28.10.2008 – VI ZB 43/​08, aaO; vom 08.02.2012 – XII ZB 165/​11, aaO Rn. 31 mwN; vom 20.03.2012 – VIII ZB 41/​11, aaO Rn. 13; vom 16.05.2012 – AnwZ (Brfg) 48/​11, aaO Rn. 11 ff.[]
  11. BGH, Beschlüs­se vom 04.04.2007 – III ZB 85/​06, aaO; vom 15.11.2007 – IX ZB 219/​06, aaO Rn. 12; vom 02.04.2008 – XII ZB 190/​07, aaO Rn. 14; jeweils mwN[]
  12. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 16.12.2009 – IV ZB 30/​09; vom 09.02.2010 – XI ZB 34/​09, VersR 2011, 508 Rn. 9; vom 22.06.2010 – VIII ZB 12/​10, NJW 2010, 3305 Rn. 14; jeweils mwN[]
  13. vgl. BGH, Beschluss vom 16.12.2009 – IV ZB 30/​09, aaO Rn. 14[]