Die insol­venz­recht­li­che Fäl­lig­keits­fik­ti­on noch nicht fäl­li­ger For­de­run­gen

Die insol­venz­recht­li­che Fik­ti­on der Fäl­lig­keit (noch) nicht fäl­li­ger For­de­run­gen (§ 41 Abs. 1 InsO) betrifft ledig­lich das Ver­hält­nis zwi­schen Insol­venz­schuld­ner und ‑gläu­bi­ger, nicht aber die Bezie­hung des letz­te­ren zu Drit­ten, etwa zu Bür­gen.

Die insol­venz­recht­li­che Fäl­lig­keits­fik­ti­on noch nicht fäl­li­ger For­de­run­gen

Fäl­lig wird ein Bürg­schafts­an­spruch mit Ein­tritt des – ver­trag­lich defi­nier­ten oder von den Par­tei­en vor­aus­ge­setz­ten – Bürg­schafts­falls. Maß­ge­bend ist die aus­drück­li­che oder auch still­schwei­gen­de Siche­rungs­ab­re­de der Par­tei­en. Fehlt im Ver­trag eine aus­drück­li­che Rege­lung des Siche­rungs­falls, dann ist sie im Wege ergän­zen­der Aus­le­gung unter Berück­sich­ti­gung des Zwecks der Besi­che­rung und des Inhalts der ver­ein­bar­ten Sicher­heit zu ermit­teln (§§ 133 157 BGB) 1.

Bei einer selbst­schuld­ne­ri­schen Bürg­schaft – wie der vom Beklag­ten über­nom­me­nen – tritt der Siche­rungs­fall und damit die Fäl­lig­keit des Bürg­schafts­an­spruchs frü­hes­tens mit der Fäl­lig­keit der gesi­cher­ten For­de­rung ein 2. Dies folgt schon aus der Abhän­gig­keit der Bür­gen­ver­pflich­tung vom jewei­li­gen Bestand der Haupt­schuld (§ 767 Abs. 1 BGB). Denn dadurch wird die Ver­pflich­tung des Bür­gen begrenzt: Der Gläu­bi­ger soll vom Bür­gen (nur) das ver­lan­gen kön­nen, was ihm der Haupt­schuld­ner schul­det, aber nicht mehr 3. Folg­lich kann der Gläu­bi­ger den Bür­gen – jeden­falls sofern wie vor­lie­gend kei­ne Bürg­schaft auf ers­tes Anfor­dern ver­ein­bart ist – auch nur bei nach­ge­wie­se­ner Fäl­lig­keit der Haupt­for­de­rung in Anspruch neh­men 4.

Da vor­lie­gend der Anspruch auf Rück­zah­lung eines unbe­fris­tet gewähr­ten Dar­le­hens besi­chert wur­de, schul­de­te der Beklag­te sei­ne Bürg­schafts­leis­tung – wie das Land­ge­richt zu Recht ange­nom­men hat – erst nach einer fäl­lig­keits­be­grün­den­den Kün­di­gung des Dar­le­hens gegen­über der Haupt­schuld­ne­rin (§ 488 Abs. 3 Satz 1 BGB) 5.

Die insol­venz­recht­li­che Fik­ti­on der Fäl­lig­keit (noch) nicht fäl­li­ger For­de­run­gen (§ 41 Abs. 1 InsO) trägt kei­ne abwei­chen­de Beur­tei­lung. Denn die­se betrifft ledig­lich das Ver­hält­nis zwi­schen Insol­venz­schuld­ner und ‑gläu­bi­ger, nicht aber die Bezie­hung des letz­te­ren zu Drit­ten, ins­be­son­de­re Bür­gen wie dem Beklag­ten. Dies folgt schon aus dem Zweck der genann­ten gesetz­li­chen Rege­lung, die – nur – auf eine För­de­rung der insol­venz­recht­li­chen Schul­den­be­rei­ni­gung gerich­tet ist 6. Der Gläu­bi­ger und der Bür­ge wer­den in ihrer recht­li­chen Bezie­hung durch die Begren­zung der Fäl­lig­keits­fik­ti­on auf das Ver­hält­nis zwi­schen Insol­venz­schuld­ner und ‑gläu­bi­ger – wie in der münd­li­chen Ver­hand­lung erör­tert – nicht schlech­ter gestellt, als sie ohne die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen des Schuld­ners stün­den. Ihre Bes­ser­stel­lung – für den Gläu­bi­ger in Gestalt einer infol­ge der vor­ge­zo­ge­nen Fäl­lig­keit der gesi­cher­ten For­de­rung erleich­ter­ten Durch­set­zung sei­ner Ansprü­che gegen­über dem Bür­gen und für die­sen auf­grund der damit ver­bun­de­nen frü­he­ren Ver­jäh­rung sei­ner Haf­tung – wird durch die insol­venz­recht­li­che Rege­lung nicht bezweckt.

Dahin ste­hen kann, ob die vor­ge­richt­li­chen Zah­lungs­auf­for­de­run­gen der Klä­ge­rin an den Beklag­ten zumin­dest kon­klu­den­te Kün­di­gun­gen auch des der Bürg­schaft zugrun­de lie­gen­den Dar­le­hens­ver­hält­nis­ses ent­hal­ten. Denn eine Kün­di­gung nur gegen­über dem Bür­gen ist für die Haupt­schuld und damit auch die Bür­gen­schuld ohne­hin wir­kungs­los 7.

Eben­so wenig beinhal­tet die – unstrei­ti­ge – Anmel­dung ihres Dar­le­hens­rück­zah­lungs­an­spruchs durch die Klä­ge­rin zur Insol­venz­ta­bel­le eine – zumin­dest kon­klu­den­te – Kün­di­gung des Dar­le­hens­ver­hält­nis­ses gegen­über der Dar­le­hens­neh­me­rin. Eine Kün­di­gungs­er­klä­rung muss erkenn­bar dar­auf gerich­tet sein, dass das Dar­le­hens­ver­hält­nis nun­mehr enden soll und die Valu­ta zurück­zu­er­stat­ten ist. Man­gels Ver­fol­gung des Dar­le­hens­rück­zah­lungs­an­spruchs grund­sätz­lich nicht als Kün­di­gungs­er­klä­rung zu wer­ten ist daher die Anmel­dung einer sol­chen For­de­rung im Insol­venz­ver­fah­ren 8. Dies folgt schon dar­aus, dass die Fäl­lig­keit des Dar­le­hens­rück­zah­lungs­an­spruchs im eröff­ne­ten Insol­venz­ver­fah­ren ohne­hin und damit auch ohne vor­he­ri­ge Kün­di­gung ein­tritt (§ 41 Abs. 1 InsO). Dass vor­lie­gend der Erklä­rungs­wert der Anmel­dung zur Insol­venz­ta­bel­le aus­nahms­wei­se über das Begeh­ren der Klä­ge­rin, sich mit ihrer For­de­rung am Ver­fah­ren betei­li­gen zu wol­len, hin­aus­ging 9, ist weder dar­ge­tan noch sonst ersicht­lich.

Die Fäl­lig­keit des streit­ge­gen­ständ­li­chen Anspruchs ist somit erst mit der – nach dem unstrei­ti­gen und schon des­halb berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Vor­brin­gen der Klä­ge­rin 10 – nach Abschluss des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens erfolg­ten Kün­di­gung des gesi­cher­ten Dar­le­hens gegen­über dem Insol­venz­ver­wal­ter der Haupt­schuld­ne­rin ein­ge­tre­ten (§ 80 Abs. 1 InsO) 11. Eine Kün­di­gungs­frist war dabei von der Klä­ge­rin nicht ein­zu­hal­ten, da ihr ein außer­or­dent­li­ches Kün­di­gungs­recht zustand: Durch die nach der Gewäh­rung des Dar­le­hens erfolg­te Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen der Dar­le­hens­neh­me­rin ist eine wesent­li­che Ver­schlech­te­rung in deren Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen ein­ge­tre­ten (§ 490 Abs. 1 HS 1 BGB) 12. Es ste­hen auch kei­ne hin­rei­chen­den Sicher­hei­ten zur Ver­fü­gung, um den Rück­zah­lungs­an­spruch der Klä­ge­rin zu unter­le­gen (§ 490 Abs. 1 HS 2 BGB), da die vom Beklag­ten gestell­te Bürg­schaft ledig­lich den hälf­ti­gen Wert des hin­ge­ge­be­nen Dar­le­hens­be­trags – zudem ohne die ver­ein­bar­ten Zin­sen – abdeckt. Dass trotz die­ser Ver­mö­gens­ver­schlech­te­rung und der dar­aus resul­tie­ren­den Gefähr­dung des Rück­zah­lungs­an­spruchs der Klä­ge­rin aus­nahms­wei­se den­noch kei­ne Kün­di­gungs­be­rech­ti­gung besteht, ist weder – vom inso­weit dar­le­gungs- und beweis­be­las­te­ten Beklag­ten 13 – dar­ge­tan noch sonst ersicht­lich. Der Wil­le der Klä­ge­rin, das Dar­le­hens­ver­hält­nis mit sofor­ti­ger Wir­kung zu been­den, ergibt sich schon aus der mit ihrer Kün­di­gung ver­bun­de­nen Auf­for­de­rung zur unmit­tel­ba­ren Rück­zah­lung der Dar­le­hens­va­lu­ta 14.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 4. Febru­ar 2013 – 1 U 168/​12

  1. vgl. BGH NJW-RR 2001, 307-309; Palandt/​Sprau, BGB, 72. Aufl.2013, § 765 Rn. 25[]
  2. vgl. BGH NJW 2010, 1284-1290; NJW-RR 2009, 378-380; NJW 2008, 1729-1732; OLG Karls­ru­he OLGR 2008, 138-139; Staudinger/​Horn, BGB, Juli 2012, § 765 Rn. 126; Palandt/​Sprau, BGB, 72. Aufl.2013, § 765 Rn. 25[]
  3. vgl. BGH NJW 2009, 1664-1667; Staudinger/​Horn, BGB, Juli 2012, § 767 Rn. 1[]
  4. vgl. Staudinger/​Horn, BGB, Juli 2012, § 768 Rn. 37[]
  5. vgl. auch RG LZ 1918, 910 [Nr. 8] und Staudinger/​Horn, BGB, Juli 2012, § 768 Rn. 15[]
  6. vgl. – zur Vor­gän­ger­vor­schrift § 65 KO – BGH NJW 2000, 1408-1409; RG RGZ 88, 373-377, 375; und – zur aktu­el­len Rechts­la­ge – Jae­ger – Henckel, InsO, 1. Aufl.2004, § 41 Rn. 14; Nerlich/​Römermann – And­res, InsO, EL 15 April 2008, § 41 Rn. 6 sowie von Wil­mow­sky WM 2008, 1189 – 1196, 1193[]
  7. vgl. RG LZ 1918, 910, Nr. 8; Staudinger/​Horn, BGB, Juli 2012, § 768 Rn. 15; Thiel AcP 89 (1899), 85 – 165, 127 f.; a.A. noch RG RGZ 2, 187[]
  8. vgl. – zum Kon­kurs­ver­fah­ren – RG Seuf­fA 70 (1915) Nr. 233, 428 f.; sowie – zur aktu­el­len Rechts­la­ge – Staudinger/​Mülbert, BGB, 2011, § 488 Rn. 320 und Erman – Saen­ger, BGB, 13. Auf­la­ge 2011, § 488 Rn. 65; a.A. OLG Bran­den­burg, Urteil vom 15.12.2010 – 4 U 156/​09[]
  9. vgl. hier­zu auch RG Seuf­fA 70 (1915) Nr. 233, 428[]
  10. vgl. Thomas/​Putzo/​Reichold, ZPO, 33. Aufl.2012, § 531 Rn. 1 m.w.N.[]
  11. vgl. inso­weit auch OLG Bran­den­burg, Urteil vom 15.12.2010 – 4 U 156/​09[]
  12. vgl. auch – unmit­tel­bar dro­hen­de Gefahr des Dar­le­hens­neh­mer­kon­kur­ses – BGH NJW-RR 1990, 110-111; und – unmit­tel­bar dro­hen­de Gefahr der Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Dar­le­hens­neh­mers – BGH NJW 2003, 2674-2676[]
  13. vgl. Prütting/​Wegen/​Weinreich – Kes­sal-Wulf, BGB, 7. Aufl.2012, § 490 Rn. 3[]
  14. vgl. Staudinger/​Mül­bert, BGB, 2011, § 490 Rn. 47[]