Die nicht­zu­ge­las­se­ne Beru­fung trotz grund­sätz­li­cher Bedeu­tung

Für den Zivil­pro­zess ergibt sich das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes aus dem all­ge­mei­nen Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch gemäß Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG 1. Es begrün­det zwar kei­nen Anspruch auf eine wei­te­re Instanz; die Ent­schei­dung über den Umfang des Rechts­mit­tel­zu­ges bleibt viel­mehr dem Gesetz­ge­ber über­las­sen 2. Hat der Gesetz­ge­ber sich jedoch für die Eröff­nung einer wei­te­ren Instanz ent­schie­den und sieht die betref­fen­de Ver­fah­rens­ord­nung dem­entspre­chend ein Rechts­mit­tel vor, so darf der Zugang dazu nicht in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wer­den 3.

Die nicht­zu­ge­las­se­ne Beru­fung trotz grund­sätz­li­cher Bedeu­tung

Eine Rechts­sa­che hat grund­sätz­li­che Bedeu­tung im Sin­ne des § 574 Abs. 2 Nr. 1 ZPO, wenn sie eine klä­rungs­be­dürf­ti­ge Rechts­fra­ge auf­wirft, die sich in einer unbe­stimm­ten Viel­zahl wei­te­rer Fäl­le stel­len kann und des­halb das abs­trak­te Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der ein­heit­li­chen Ent­wick­lung und Hand­ha­bung des Rechts berührt, oder wenn ande­re Aus­wir­kun­gen des Rechts­streits auf die All­ge­mein­heit deren Inter­es­sen in beson­de­rem Maße berüh­ren 4. Klä­rungs­be­dürf­tig ist eine Rechts­fra­ge, wenn zu ihr unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wer­den und die Fra­ge höchst­rich­ter­lich noch nicht geklärt ist 5.

Zur Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung im Sin­ne des § 574 Abs. 2 Nr. 2 2. Alt. ZPO ist die Rechts­be­schwer­de in Diver­genz­fäl­len zuzu­las­sen, näm­lich wenn die zu tref­fen­de Ent­schei­dung von der Ent­schei­dung eines höher- oder gleich­ran­gi­gen Gerichts abweicht, in der ein und die­sel­be Rechts­fra­ge anders beant­wor­tet wird 6.

Ver­stößt ein Rechts­mit­tel­ge­richt hier­ge­gen, ist der ange­grif­fe­ne Beschluss über die Nicht­zu­las­sung wegen des Ver­sto­ßes gegen Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG nach § 95 Abs. 2 BVerfGG auf­zu­he­ben und die Sache an das Rechts­mit­tel­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen. Ob der Beschluss auch die Rech­te der Beschwer­de­füh­rer aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG und Art. 3 Abs. 1 GG ver­letzt 7, kann offen blei­ben.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. Dezem­ber 2010 – 1 BvR 381/​10

  1. vgl. BVerfGE 85, 337, 345; 97, 169, 185[]
  2. vgl. BVerfGE 54, 277, 291; 89, 381, 390; 107, 395, 401 f.[]
  3. vgl. BVerfGE 69, 381, 385; 74, 228, 234; 77, 275, 284; BVerfG, Beschluss vom 04.11.2008 – 1 BvR 2587/​06, NJW 2009, 572, 573[]
  4. vgl. BGHZ 151, 221, 223; 154, 288, 291 zu § 543 ZPO[]
  5. vgl. Ball in: Musielak, ZPO, 7. Auf­la­ge 2009, § 543 ZPO Rn. 5a; Wen­zel in: MüKo, ZPO, 3. Auf­la­ge 2007, § 543 ZPO Rn. 7[]
  6. vgl. BGHZ 154, 288, 292 f.[]
  7. vgl. hier­zu BVerfG, Beschluss vom 11.02.2008 – 2 BvR 899/​07, NJW 2008, S. 1938[]