Gemein­sa­me Kos­ten­fest­set­zung in will­kür­lich auf­ge­split­te­ten Gerichts­ver­fah­ren

Der Ein­wand des Kos­ten­schuld­ners, durch die von dem Kos­t­en­gläu­bi­ger gewähl­te Pro­zess­füh­rung (hier: die Gel­tend­ma­chung von Wohn­geld­rück­stän­den in 32 Ein­zel­ver­fah­ren) sei­en unge­recht­fer­tig­te Mehr­kos­ten ent­stan­den, ist im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen.

Gemein­sa­me Kos­ten­fest­set­zung in will­kür­lich auf­ge­split­te­ten Gerichts­ver­fah­ren

Nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung unter­liegt auch die Rechts­aus­übung im Zivil­ver­fah­ren dem aus dem Grund­satz von Treu und Glau­ben abge­lei­te­ten Miss­brauchs­ver­bot [1]. Dar­aus folgt für das Kos­ten­recht die Ver­pflich­tung jeder Pro­zess­par­tei, die Kos­ten ihrer Pro­zess­füh­rung, die sie im Fal­le ihres Sie­ges vom Geg­ner erstat­tet ver­lan­gen will, so nied­rig zu hal­ten, wie sich dies mit der Wah­rung ihrer berech­tig­ten Belan­ge ver­ein­ba­ren lässt [2]. Ein Ver­stoß gegen die­se Ver­pflich­tung kann dazu füh­ren, dass das Fest­set­zungs­ver­lan­gen als rechts­miss­bräuch­lich zu qua­li­fi­zie­ren ist und die zur Fest­set­zung ange­mel­de­ten Mehr­kos­ten vom Rechts­pfle­ger im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren abzu­set­zen sind [3].

Hier­durch wird nicht die rechts­kräf­ti­ge Kos­ten­grund­ent­schei­dung unter­lau­fen. Die Kos­ten­grund­ent­schei­dung bestimmt nur, wer die Kos­ten des Ver­fah­rens zu tra­gen hat. Mit ihr ist aber, wenn nicht aus­nahms­wei­se bestimm­te Kos­ten geson­dert ver­teilt wer­den, kei­ne Aus­sa­ge dar­über ver­bun­den, wel­che Kos­ten die unter­le­ge­ne Par­tei der obsie­gen­den zu erstat­ten hat. Die­se Fra­ge wird im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren ent­schie­den. Die Berück­sich­ti­gung des Ein­wands unbe­rech­tig­ter Mehr­kos­ten infol­ge rechts­miss­bräuch­li­cher Pro­zess­füh­rung führt auch nicht dazu, dass der obsie­gen­den Par­tei kei­ne Kos­ten zu erset­zen wären, son­dern, wie aus­ge­führt, nur dazu, dass sie auf den Anteil her­ab­ge­setzt wer­den, der bei einer Treu und Glau­ben ent­spre­chen­den Pro­zess­füh­rung auf das Ein­zel­ver­fah­ren ent­fie­le.

In Über­ein­stim­mung mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nimmt das Beschwer­de­ge­richt fer­ner an, dass ein Antrag auf Fest­set­zung von Mehr­kos­ten, die dadurch ent­stan­den sind, dass ein oder meh­re­re gleich­ar­ti­ge, aus einem ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang erwach­se­ne Ansprü­che gegen eine oder meh­re­re Per­so­nen ohne sach­li­chen Grund in getrenn­ten Pro­zes­sen ver­folgt wor­den sind, als rechts­miss­bräuch­lich anzu­se­hen sein kann [4]. Glei­ches gilt für Erstat­tungs­ver­lan­gen in Bezug auf Mehr­kos­ten, die dar­auf beru­hen, dass meh­re­re von dem­sel­ben Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­te­ne Antrag­stel­ler in engem zeit­li­chem Zusam­men­hang mit weit­ge­hend gleich­lau­ten­den Antrags­be­grün­dun­gen aus einem weit­ge­hend iden­ti­schen Lebens­sach­ver­halt ohne sach­li­chen Grund in getrenn­ten Pro­zes­sen gegen den- oder die­sel­ben Antrags­geg­ner vor­ge­gan­gen sind [5].

Im hier ent­schie­de­nen Fall haben nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch kei­ne sach­li­chen Grün­de für die Ein­lei­tung von 32 Ein­zel­ver­fah­ren vor­ge­le­gen.

Ein sach­li­cher Grund für die Gel­tend­ma­chung von Haus­geld­rück­stän­den für meh­re­re Eigen­tums­woh­nun­gen des­sel­ben Woh­nungs­ei­gen­tü­mers kann dar­in lie­gen, dass auf Grund kon­kre­ter Umstän­de mit unter­schied­li­chen Ein­wän­den gegen die Ein­zel­for­de­run­gen zu rech­nen ist. Das macht die Klä­ge­rin aber nicht gel­tend und ist auch sonst nicht ersicht­lich.

Dass für die ein­zel­nen Woh­nun­gen getrenn­te Haus­geld­kon­ten geführt wer­den, ver­mag für sich genom­men die Mehr­kos­ten nicht zu recht­fer­ti­gen, die durch eine Gel­tend­ma­chung in getrenn­ten Ver­fah­ren ent­ste­hen. Zwar kann es sein, dass aus dem Urteil, das in einem Sam­mel­ver­fah­ren ergeht, in ver­schie­de­ne Gegen­stän­de voll­streckt wer­den muss, und dass es nicht gelingt, den ins­ge­samt geschul­de­ten Betrag in einem Zuge bei­zu­trei­ben. Dann müs­sen die bei­ge­trie­be­nen Ein­zel­be­trä­ge den Haus­geld­kon­ten zuge­ord­net wer­den. Das ist aber unter Anwen­dung von § 366 BGB pro­blem­los mög­lich. Not­falls sind die bei­ge­trie­be­nen Beträ­ge den Haus­geld­kon­ten antei­lig zuzu­ord­nen, § 366 Abs. 2 BGB letz­ter Halb­satz.

Auch das Vor­recht, das Haus­geld­rück­stän­de in der Zwangs­ver­stei­ge­rung der Eigen­tums­woh­nung nach § 10 Abs. 1 Nr. 2 ZVG genie­ßen, ergibt kei­nen sach­li­chen Grund, die Haus­geld­for­de­run­gen wegen ver­schie­de­ner Woh­nun­gen einer Anla­ge gegen einen Eigen­tü­mer in getrenn­ten Ver­fah­ren durch­zu­set­zen. Der Klä­ge­rin ist aller­dings zuzu­ge­ben, dass die­ses Vor­recht nur besteht, wenn die Rück­stän­de den Min­dest­be­trag von 3% des Ein­heits­werts der Woh­nung über­stei­gen und glaub­haft gemacht wer­den (§ 10 Abs. 3 Sät­ze 1 und 3 ZVG i.V.m. § 18 Abs. 2 Nr. 2 WEG). Rich­tig ist auch, dass die Glaub­haft­ma­chung ein­fach gelingt, wenn die Haus­geld­for­de­rung in einem geson­der­ten Ver­fah­ren titu­liert wird. Der Mehr­auf­wand, den ein sol­ches Ver­fah­ren ver­ur­sacht, wäre mit die­sem Gesichts­punkt aber nur zu recht­fer­ti­gen, wenn die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft die Höhe der Rück­stän­de für die ein­zel­ne Woh­nung bei Gel­tend­ma­chung aller Rück­stän­de des Eigen­tü­mers in einem ein­heit­li­chen Ver­fah­ren nicht oder nur unter sehr erschwer­ten Bedin­gun­gen glaub­haft machen könn­te. Dafür ist nichts ersicht­lich. Zur Glaub­haft­ma­chung genügt bei einem Titel, der die Beträ­ge nicht ein­zeln aus­weist, z.B. die Vor­la­ge eines Dop­pels der Kla­ge­schrift [6]. Auch hat die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft die Mög­lich­keit, statt der Ver­ur­tei­lung des Woh­nungs­ei­gen­tü­mers zur Zah­lung des Gesamt­be­trags die Ver­ur­tei­lung zur Zah­lung der Ein­zel­be­trä­ge zu bean­tra­gen.

Die in den Ein­zel­ver­fah­ren fest­zu­set­zen­den Erstat­tungs­be­trä­ge waren des­halb auf einen Anteil an den Kos­ten her­ab­zu­set­zen, die bei Durch­set­zung aller Rück­stän­de in einem Ver­fah­ren ent­stan­den wären. Der Anteil ent­spricht dem Anteil des Streit­werts des Ein­zel­ver­fah­rens an dem Streit­wert des an sich ein­zu­lei­ten­den Gesamt­ver­fah­rens [7].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Okto­ber 2012 – V ZB 58/​12

  1. BGH, Beschlüs­se vom 10.05.2007 – V ZB 83/​06, BGHZ 172, 218, 223 Rn. 13 f.; vom 10.06.2010 – V ZB 192/​09, NJW-RR 2010, 1314, 1315 Rn. 10 [im Ori­gi­nal Rn. 12]; und vom 12.07.2012 – V ZB 130/​11, NJW 2012, 3376, 3377 Rn. 11[]
  2. BGH, Beschluss vom 08.07.2010 – V ZB 153/​09, NJW-RR 2011, 230 Rn. 9[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, NJW 2007, 2257 Rn. 12 ff.; vom 31.08.2010 – X ZB 3/​09, NJW 2011, 529, 530 Rn. 10; vom 11.09.2012 VI ZB 59/​11, MDR 2012, 1314 Rn. 9; und vom 02.10.2012 – VI ZB 67/​11[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, NJW 2007, 2257 Rn. 13; vom 11.09.2012 – VI ZB 59/​11, MDR 2012, 1314 Rn. 10; und vom 02.10.2012 VI ZB 67/​11[]
  5. BGH, Beschluss vom 08.07.2010 – V ZB 153/​09, NJW-RR 2011, 230, 231 Rn. 14; BGH, Beschlüs­se vom 11.09.2012 – VI ZB 59/​11, MDR 2012, 1314 Rn. 10; und vom 02.10.2012 – VI ZB 67/​11[]
  6. Ent­wurfs­be­grün­dung in BT-Drs. 16/​887 S. 46[]
  7. BGH, Beschlüs­se vom 11.09.2012 VI ZB 59/​11, MDR 2012, 1314, 1315 Rn. 12 und vom 02.10.2012 VI ZB 67/​11[]