Gesamt­schuld­ner­aus­gleich trotz Ver­jäh­rung

Ein auf Aus­gleich nach § 426 Abs. 1 Satz 1 BGB in Anspruch genom­me­ner Gesamt­schuld­ner kann dem nicht ent­ge­gen­hal­ten, der aus­gleichs­be­rech­tig­te Gesamt­schuld­ner hät­te mit Erfolg die Ein­re­de der Ver­jäh­rung gegen­über dem Gläu­bi­ger erhe­ben kön­nen.

Gesamt­schuld­ner­aus­gleich trotz Ver­jäh­rung

Der selb­stän­di­ge Aus­gleichs­an­spruch nach § 426 Abs. 1 Satz 1 BGB ent­steht schon mit Ent­ste­hung des Gesamt­schuld­ver­hält­nis­ses und vor Befrie­di­gung des Gläu­bi­gers, auch soweit er auf Zah­lung gerich­tet ist [1]. Er unter­liegt der selb­stän­di­gen Ver­jäh­rung und wird auch nicht in ande­rer Wei­se davon berührt, dass der Anspruch des Gläu­bi­gers gegen den Aus­gleichs­pflich­ti­gen ver­jährt ist [2]. Der Aus­gleichs­pflich­ti­ge ist nicht wie hin­sicht­lich des nach § 426 Abs. 2 BGB über­ge­gan­ge­nen Anspruchs berech­tigt, dem aus­gleichs­be­rech­tig­ten Gesamt­schuld­ner alle Ein­re­den ent­ge­gen­zu­hal­ten, die sich aus des­sen Ver­hält­nis zum Gläu­bi­ger erge­ben. Indem das Gesetz in § 426 Abs. 1 BGB einen selb­stän­di­gen Aus­gleichs­an­spruch schafft, gewährt es dem aus­gleichs­be­rech­tig­ten Gesamt­schuld­ner eine Rechts­po­si­ti­on, die die­ser allein durch die Über­lei­tung des Gläu­bi­ger­an­spruchs nach § 426 Abs. 2 BGB nicht erhiel­te. Die­se Begüns­ti­gung wür­de dem Aus­gleichs­be­rech­tig­ten wie­der genom­men, wenn der Anspruch den­sel­ben Beschrän­kun­gen unter­lä­ge wie der über­ge­lei­te­te Gläu­bi­ger­an­spruch [3].

Ins­be­son­de­re kann die Ver­jäh­rung des gegen den zum Aus­gleich ver­pflich­te­ten Gesamt­schuld­ner gerich­te­ten Gläu­bi­ger­an­spruchs nicht zum Nach­teil des aus­gleichs­be­rech­tig­ten Gesamt­schuld­ners wir­ken. Die­ser ist an der Rechts­be­zie­hung zwi­schen dem Gläu­bi­ger und dem wei­te­ren Gesamt­schuld­ner nicht betei­ligt. Die Dis­po­si­ti­on, die der Gläu­bi­ger inner­halb die­ses Rechts­ver­hält­nis­ses durch [4] Ver­jäh­ren­las­sen sei­ner For­de­rung gegen­über dem einen Gesamt­schuld­ner trifft, kann nicht das Innen­ver­hält­nis der Gesamt­schuld­ner zum Nach­teil des ande­ren gestal­ten [5]. Allen­falls wenn sich das Ver­hal­ten des Gläu­bi­gers als rechts­miss­bräuch­lich dar­stellt, kann eine Wir­kung für den Anspruch gegen den ande­ren Gesamt­schuld­ner bejaht wer­den. Allein das Ver­strei­chen­las­sen der Ver­jäh­rungs­frist, sei es wis­sent­lich, sei es aus Unkennt­nis oder aus man­geln­der Sorg­falt, genügt hier­für nicht. Ande­ren­falls wäre der Gläu­bi­ger gehal­ten, gegen jeden Gesamt­schuld­ner ver­jäh­rungs­hem­men­de Maß­nah­men zu ergrei­fen, wovon ihn die Vor­schrif­ten über die Gesamt­schuld, ins­be­son­de­re § 425 BGB, gera­de frei­stel­len [6].

Aus­ge­hend davon muss es hin­ge­nom­men wer­den, dass der aus­gleichs­ver­pflich­te­te Gesamt­schuld­ner im Innen­ver­hält­nis im End­ergeb­nis zur Leis­tung her­an­ge­zo­gen wer­den kann, obwohl er selbst sich dem Gläu­bi­ger gegen­über auf die Ver­jäh­rung des Anspruchs beru­fen kann. Dafür spricht auch, dass die im Abschluss­be­richt der Schuld­rechts­kom­mis­si­on vor­ge­schla­ge­ne Rege­lung, wonach der Aus­gleichs­an­spruch aus § 426 Abs. 1 Satz 1 BGB eben­so wie der Anspruch des Gläu­bi­gers gegen den aus­gleichs­ver­pflich­te­ten Gesamt­schuld­ner ver­jäh­ren soll­te, nicht in das Gesetz zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts auf­ge­nom­men wor­den ist [7]. Die­se Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers kann nur so ver­stan­den wer­den, dass er dem aus­gleichs­be­rech­tig­ten Gesamt­schuld­ner auch dann einen Anspruch gegen den aus­gleichs­pflich­ti­gen Gesamt­schuld­ner nicht ver­sa­gen woll­te, wenn der Anspruch des Gläu­bi­gers gegen den aus­gleichs­pflich­ti­gen Gesamt­schuld­ner ver­jährt ist. Mit Blick dar­auf kann in einem sol­chen Fall dem aus­gleichs­be­rech­tig­ten Gesamt­schuld­ner kei­ne treu­wid­ri­ge Ver­let­zung der Mit­wir­kungs­pflicht, die im Übri­gen auf die Betei­li­gung an der Befrie­di­gung des Gläu­bi­gers und nicht auf deren Ver­hin­de­rung gerich­tet ist, ange­las­tet wer­den. Die Ent­schei­dung, sich im Pro­zess auf die Ver­jäh­rungs­ein­re­de zu beru­fen oder nicht, liegt allein beim Schuld­ner. Die blo­ße Aus­übung pro­zes­sua­ler Rech­te kann ihm grund­sätz­lich nicht zum Nach­teil gerei­chen. Die Ein­re­de der treu­wid­ri­gen Rechts­aus­übung kann auch dem Klä­ger, der Gesamt­schuld­ner­aus­gleich aus über­ge­lei­te­tem Recht von den Beklag­ten begehrt, nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den. Anhalts­punk­te dafür, dass der Klä­ger die in dem Vor­pro­zess gel­tend gemach­ten For­de­run­gen gegen die Beklag­ten in rechts­miss­bräuch­li­cher Wei­se ver­jäh­ren ließ, sind nicht ersicht­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Teil-Urteil vom 25. Novem­ber 2009 – IV ZR 70/​05

  1. BGH, Urtei­le vom 09.07.2009 – VII ZR 109/​08, WM 2009, 1854 Tz. 21 f.; vom 18.06.2009 – VII ZR 167/​08, WM 2009, 1852, Tz. 12 f.; vom 15.10.2007 – II ZR 136/​06, NJW-RR 2008, 256, Tz. 14; vom 20.07.2006 – IX ZR 44/​05, NJW-RR 2006, 1718 Tz. 11; vom 15.05.1986 – IX ZR 96/​85, NJW 1986, 3131 unter I 1, jeweils m.w.N.[]
  2. BGHZ 58, 216, 218; 175, 221 Tz. 17 m.w.N.; BGH, Urteil vom 09.07.2009, aaO., Tz. 11 f. m.w.N.[]
  3. BGH, Urteil vom 09.07.2009, aaO., Tz. 13[]
  4. bewuss­tes oder unbe­wuss­tes[]
  5. BGH, aaO., Tz. 14 m.w.N.[]
  6. BGH aaO Tz. 17[]
  7. BGH aaO Tz. 18[]