Gro­ber Behand­lungs­feh­ler

Ein Behand­lungs­feh­ler ist nur dann als grob zu bewer­ten, wenn der Arzt ein­deu­tig gegen bewähr­te ärzt­li­che Behand­lungs­re­geln oder gesi­cher­te medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se ver­sto­ßen und einen Feh­ler began­gen hat, der aus objek­ti­ver Sicht nicht mehr ver­ständ­lich erscheint, weil er einem Arzt schlech­ter­dings nicht unter­lau­fen darf [1].

Gro­ber Behand­lungs­feh­ler

Die Beur­tei­lung, ob ein Behand­lungs­feh­ler als grob oder nicht grob ein­zu­stu­fen ist, ist eine juris­ti­sche Wer­tung, die dem Tatrich­ter und nicht dem Sach­ver­stän­di­gen obliegt. Zwar muss die Bewer­tung eines Behand­lungs­ge­sche­hens als grob feh­ler­haft in den Aus­füh­run­gen eines Sach­ver­stän­di­gen ihre tat­säch­li­che Grund­la­ge fin­den; sie darf auch kei­nes­falls ent­ge­gen des­sen fach­li­chen Aus­füh­run­gen bejaht wer­den [2]. Das bedeu­tet aber nicht, dass der Rich­ter die Bewer­tung dem Sach­ver­stän­di­gen über­las­sen und nur die sel­te­nen Fäl­le, in denen die­ser das ärzt­li­che Ver­hal­ten als nicht nach­voll­zieh­bar bezeich­net, als grob wer­ten darf. Viel­mehr hat der Tatrich­ter dar­auf zu ach­ten, ob der Sach­ver­stän­di­ge in sei­ner Wür­di­gung einen Ver­stoß gegen ele­men­ta­re medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se oder ele­men­ta­re Behand­lungs­stan­dards oder ledig­lich eine Fehl­ent­schei­dung in mehr oder weni­ger schwie­ri­ger Lage erkennt [3]. Distan­ziert sich der Sach­ver­stän­di­ge einer­seits deut­lich vom Vor­ge­hen des Arz­tes, hält er es aber ande­rer­seits noch für nach­voll­zieh­bar, so hat der Tatrich­ter die Äuße­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen kri­tisch zu hin­ter­fra­gen und sowohl den für eine sol­che Behand­lung gel­ten­den Sorg­falts­maß­stab als auch die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eines gro­ben Behand­lungs­feh­lers – ggf. erneut – mit dem Sach­ver­stän­di­gen zu erör­tern [3]. Andern­falls bie­tet der erho­be­ne Sach­ver­stän­di­gen­be­weis kei­ne aus­rei­chen­de Grund­la­ge für die tatrich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung [4].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Okto­ber 2011 – VI ZR 139/​10

  1. BGH, Urtei­le vom 27.04.2004 – VI ZR 34/​03, BGHZ 159, 48, 53; vom 27.03.2007 – VI ZR 55/​05, BGHZ 172, 1 Rn. 25; vom 16.06.2009 – VI ZR 157/​08, VersR 2009, 1267 Rn. 15; Beschluss vom 22.09.2009 – VI ZR 32/​09, VersR 2010, 72 Rn. 6 und vom 20.09.2011 – VI ZR 55/​09[]
  2. BGH, Urtei­le vom 25.11.2003 – VI ZR 8/​03, VersR 2004, 645, 647; vom 12.02.2008 – VI ZR 221/​06, VersR 2008, 644, 645; Beschluss vom 09.06.2009 – VI ZR 261/​08, VersR 2009, 1406, 1408[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 09.06.2009 – VI ZR 261/​08, aaO[][]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 12.02.2008 – VI ZR 221/​06, VersR 2008, 644, 645 mwN[]