Grober Behandlungsfehler

Ein Behandlungsfehler ist nur dann als grob zu bewerten, wenn der Arzt eindeutig gegen bewährte ärztliche Behandlungsregeln oder gesicherte medizinische Erkenntnisse verstoßen und einen Fehler begangen hat, der aus objektiver Sicht nicht mehr verständlich erscheint, weil er einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen darf1.

Grober Behandlungsfehler

Die Beurteilung, ob ein Behandlungsfehler als grob oder nicht grob einzustufen ist, ist eine juristische Wertung, die dem Tatrichter und nicht dem Sachverständigen obliegt. Zwar muss die Bewertung eines Behandlungsgeschehens als grob fehlerhaft in den Ausführungen eines Sachverständigen ihre tatsächliche Grundlage finden; sie darf auch keinesfalls entgegen dessen fachlichen Ausführungen bejaht werden2. Das bedeutet aber nicht, dass der Richter die Bewertung dem Sachverständigen überlassen und nur die seltenen Fälle, in denen dieser das ärztliche Verhalten als nicht nachvollziehbar bezeichnet, als grob werten darf. Vielmehr hat der Tatrichter darauf zu achten, ob der Sachverständige in seiner Würdigung einen Verstoß gegen elementare medizinische Erkenntnisse oder elementare Behandlungsstandards oder lediglich eine Fehlentscheidung in mehr oder weniger schwieriger Lage erkennt3. Distanziert sich der Sachverständige einerseits deutlich vom Vorgehen des Arztes, hält er es aber andererseits noch für nachvollziehbar, so hat der Tatrichter die Äußerungen des Sachverständigen kritisch zu hinterfragen und sowohl den für eine solche Behandlung geltenden Sorgfaltsmaßstab als auch die tatsächlichen Voraussetzungen eines groben Behandlungsfehlers – ggf. erneut – mit dem Sachverständigen zu erörtern3. Andernfalls bietet der erhobene Sachverständigenbeweis keine ausreichende Grundlage für die tatrichterliche Überzeugungsbildung4.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 25. Oktober 2011 – VI ZR 139/10

  1. BGH, Urteile vom 27.04.2004 – VI ZR 34/03, BGHZ 159, 48, 53; vom 27.03.2007 – VI ZR 55/05, BGHZ 172, 1 Rn. 25; vom 16.06.2009 – VI ZR 157/08, VersR 2009, 1267 Rn. 15; Beschluss vom 22.09.2009 – VI ZR 32/09, VersR 2010, 72 Rn. 6 und vom 20.09.2011 – VI ZR 55/09[]
  2. BGH, Urteile vom 25.11.2003 – VI ZR 8/03, VersR 2004, 645, 647; vom 12.02.2008 – VI ZR 221/06, VersR 2008, 644, 645; Beschluss vom 09.06.2009 – VI ZR 261/08, VersR 2009, 1406, 1408[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 09.06.2009 – VI ZR 261/08, aaO[][]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 12.02.2008 – VI ZR 221/06, VersR 2008, 644, 645 mwN[]

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