Inkon­gru­en­te Ver­rech­nun­gen im debi­to­ri­schen Ban­ken­kon­to­kor­rent

Die Fra­ge der Inkon­gru­enz von Ver­rech­nun­gen im debi­to­ri­schen Ban­ken­kon­to­kor­rent kann bei der Anfech­tung von Rechts­hand­lun­gen inner­halb des zwei­ten oder drit­ten Monats vor der Insol­venz­an­trag­stel­lung für den gesam­ten Anfech­tungs­zeit­raum nur ein­heit­lich beant­wor­tet wer­den. Wird das Kon­to­kor­rent nicht vor­her gekün­digt, läuft der Anfech­tungs­zeit­raum bis zur Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens.

Inkon­gru­en­te Ver­rech­nun­gen im debi­to­ri­schen Ban­ken­kon­to­kor­rent

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die bank­mä­ßi­ge Ver­rech­nung von Gut­schrif­ten im unge­kün­dig­ten Kon­to­kor­rent mit Über­zie­hungs­kre­dit inso­weit kon­gru­ent, als die Bank erneu­te Ver­fü­gun­gen des Schuld­ners über die­se Deckungs­mas­se zuge­las­sen hat. Die Kon­gru­enz­fra­ge kann hier­bei inner­halb des Anfech­tungs­zeit­raums für den glei­chen Betrag nur ein­heit­lich beant­wor­tet wer­den [1]. Dem­ge­gen­über führt die Ver­rech­nung in kri­ti­scher Zeit ein­ge­hen­der Zah­lun­gen, denen kei­ne Belas­tungs­bu­chun­gen gegen­über­ste­hen, bei unge­kün­dig­tem Über­zie­hungs­kre­dit wegen der damit ver­bun­de­nen Kre­dit­til­gung zu einer inkon­gru­en­ten Deckung, weil die Erfül­lung des Rück­zah­lungs­an­spruchs noch nicht ver­langt wer­den kann [2].

Der Bun­des­ge­richts­hof hat für die Anfech­tung nach § 131 Abs. 1 Nr. 1 InsO die Prü­fung der Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung und der Kon­gru­enz der sie bewir­ken­den Kon­to­kor­rent­ver­rech­nun­gen auf den hier maß­ge­ben­den Hand­lungs­zeit­raum – den letz­ten Monat vor der Antrag­stel­lung oder die Zeit danach – beschränkt [3]. Denn eine vor­an­ge­gan­ge­ne Rechts­hand­lung oder Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung ist für die­sen Anfech­tungs­tat­be­stand ohne Bedeu­tung. Wer­den Rechts­hand­lun­gen dage­gen nach § 131 Abs. 1 Nr. 2 oder 3 InsO ange­foch­ten, kann eine dro­hen­de Inkon­gru­enz von Ver­rech­nun­gen durch die Wei­ter­ent­wick­lung des Kon­to­kor­rents im letz­ten Monat vor der Antrag­stel­lung oder danach noch beho­ben wer­den. Eine Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung wäre nicht mehr gemäß § 131 Abs. 1 Nr. 2 oder 3, § 143 Abs. 1 InsO wegen inkon­gru­en­ter Deckung zu besei­ti­gen, wenn das Kon­to­kor­rent zur Zeit der Kün­di­gung oder der Ver­fah­rens­er­öff­nung einen eben­so hohen oder höhe­ren Schuld­sal­do auf­ge­wie­sen hät­te wie zu Beginn des Anfech­tungs­zeit­raums. Bis dahin fehlt es für die Kon­gru­enz­prü­fung an einem abge­schlos­se­nen Gläu­bi­ger­ver­hal­ten. Die Fra­ge des Bar­ge­schäfts nach § 142 InsO und der hier­bei vor­aus­ge­setz­te zeit­li­che Zusam­men­hang der Kon­to­be­we­gun­gen spielt für die Kon­gru­enz­be­ur­tei­lung kei­ne Rol­le. Denn das Bar­ge­schäft ist erst zu prü­fen, wenn es auf die Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung einer kon­gru­en­ten Deckung ankommt. Ein Ana­lo­gie­schluss, die zeit­li­che Deckung müs­se sich in den Fäl­len des § 131 Abs. 1 Nr. 2 und 3 InsO genau­so erge­ben wie nach § 131 Abs. 1 Nr. 1 InsO, wider­spricht dem Sinn des Geset­zes.

Eine ande­re Geset­zes­aus­le­gung wür­de will­kür­li­chen Ergeb­nis­sen Tür und Tor öff­nen. Eben­so wie der höchs­te zwi­schen­zeit­li­che Soll­stand bei der beson­de­ren Insol­venz­an­fech­tung von Ver­rech­nun­gen im Ban­ken­kon­to­kor­rent inner­halb des Anfech­tungs­zeit­raums außer Betracht zu blei­ben hat [4], so gilt dies auch für den nied­rigs­ten erreich­ten Zwi­schen­stand.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Juli 2011 – IX ZR 100/​10

  1. BGH, Urteil vom 07.03.2002 – IX ZR 223/​01, BGHZ 150, 122, 133 letz­ter Absatz der Ent­schei­dung; Beschluss vom 06.04.2006 – IX ZR 107/​05; Urteil vom 15.11.2007 – IX ZR 212/​06, NZI 2008, 184 Rn. 17; zur Mög­lich­keit betrags­mä­ßi­ger Abspal­tun­gen sie­he auch Kay­ser, FS Gero Fischer 2008 S. 267, 275[]
  2. BGH, Urteil vom 11.10.2007 – IX ZR 195/​04, NZI 2008, 175 Rn. 6; vom 07.05.2009 – IX ZR 140/​08, NZI 2009, 436 Rn. 8 f.[]
  3. BGH, Urteil vom 15.11.2007 aaO Rn. 17[]
  4. BGH, Urteil vom 15.11.2007 aaO Rn. 16 f.; Beschluss vom 27.03.2008 – IX ZR 29/​07, juris Rn. 4[]