Kos­ten­ent­schei­dun­gen gegen den WEG-Ver­wal­ter

Eine Kos­ten­ent­schei­dung ist nicht des­halb iso­liert anfecht­bar, weil das Gericht davon abge­se­hen hat, die Kos­ten des Rechts­streits gemäß § 49 Abs. 2 WEG ganz oder teil­wei­se dem Ver­wal­ter auf­zu­er­le­gen; das gilt auch dann, wenn die Anwen­dung der Vor­schrift geprüft und deren Vor­aus­set­zun­gen ver­neint wor­den sind.

Kos­ten­ent­schei­dun­gen gegen den WEG-Ver­wal­ter

Die sofor­ti­ge Beschwer­de ist unzu­läs­sig, weil die Kos­ten­ent­schei­dung eines Urteils grund­sätz­lich, und so auch hier, nicht iso­liert, son­dern nur im Zusam­men­hang mit der Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che ange­foch­ten wer­den kann (§ 99 Abs. 1 ZPO).

Aller­dings käme aus­nahms­wei­se eine iso­lier­te Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung in Betracht, wenn die­se eine eigen­stän­di­ge, von der Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che unab­hän­gi­ge Beschwer ent­hiel­te. In einem sol­chen Fall wären die Klä­ger nicht gehal­ten gewe­sen, das gesam­te Urteil mit der Beru­fung anzu­fech­ten; viel­mehr hät­te es ihnen frei­ge­stan­den, die Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che hin­zu­neh­men und sich mit der sofor­ti­gen Beschwer­de allein gegen die Kos­ten­ent­schei­dung zu wen­den.

Die ange­foch­te­ne Kos­ten­ent­schei­dung begrün­det jedoch kei­ne eigen­stän­di­ge Beschwer der Klä­ger. Dabei kann offen blei­ben, ob sie hin­sicht­lich des abge­wie­se­nen Teils der Kla­ge dar­auf beruht, dass das Amts­ge­richt die Vor­aus­set­zun­gen des § 49 Abs. 2 WEG geprüft und ver­neint hat, oder dar­auf, dass die Anwen­dung der Vor­schrift nicht in Betracht gezo­gen wor­den ist. Sieht das Gericht in einer Woh­nungs­ei­gen­tums­sa­che davon ab, die Kos­ten des Rechts­streits gemäß § 49 Abs. 2 WEG ganz oder teil­wei­se dem Ver­wal­ter auf­zu­er­le­gen, ent­steht der Par­tei, die die­se Kos­ten nach den pro­zes­sua­len Vor­schrif­ten (§§ 91 ff. ZPO) zu tra­gen hat, näm­lich weder in dem einen noch in dem ande­ren Fall ein dar­über hin­aus rei­chen­der Nach­teil. Ins­be­son­de­re wird ihr ein etwai­ger mate­ri­ell-recht­li­cher Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch gegen den Ver­wal­ter nicht aberkannt.

Die Vor­schrift des § 49 Abs. 2 WEG eröff­net dem Gericht aus pro­zess­öko­no­mi­schen Grün­den die Mög­lich­keit, dem Ver­wal­ter Ver­fah­rens­kos­ten auf­zu­er­le­gen, wenn die §§ 91 ff. ZPO hier­für kei­ne Hand­ha­be bie­ten, die Tätig­keit des Gerichts aber durch den Ver­wal­ter ver­an­lasst wur­de und ihn ein gro­bes Ver­schul­den trifft. Sie erlaubt damit, den mate­ri­ell-recht­li­chen Scha­dens­er­satz­an­spruch des unter­le­ge­nen Woh­nungs­ei­gen­tü­mers wegen der Ver­let­zung von Pflich­ten bei der Ver­wal­tung im Rah­men der Kos­ten­ent­schei­dung durch­zu­set­zen 1. Ob das Gericht hier­von Gebrauch macht, liegt in sei­nem pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen 2; eine Ver­pflich­tung, dem Ver­wal­ter immer dann die Kos­ten auf­zu­er­le­gen, wenn die Vor­aus­set­zun­gen des § 49 Abs. 2 WEG erfüllt sind, besteht nicht.

Die Mög­lich­keit, einen mate­ri­ell-recht­li­chen Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch gegen den Ver­wal­ter in die pro­zes­sua­le Kos­ten­ent­schei­dung ein­zu­be­zie­hen, führt nicht dazu, dass die­ser Anspruch dem Woh­nungs­ei­gen­tü­mer end­gül­tig aberkannt wird, wenn das Gericht von der Anwen­dung des § 49 Abs. 2 WEG absieht, weil es des­sen Vor­aus­set­zun­gen nicht für gege­ben erach­tet. Die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung 3 ver­kennt, dass die Ent­schei­dung, dem Ver­wal­ter gemäß § 49 Abs. 2 WEG Kos­ten auf­zu­er­le­gen oder hier­von abzu­se­hen, nicht der mate­ri­el­len Rechts­kraft fähig ist.

In mate­ri­el­le Rechts­kraft erwach­sen kann nur die Ent­schei­dung des Gerichts über einen pro­zes­sua­len Anspruch (§ 322 Abs. 1 ZPO) 4. Die­ser bestimmt sich nach der von dem Klä­ger erstreb­ten Rechts­fol­ge und aus dem Lebens­sach­ver­halt, aus dem er die­se her­lei­tet 5. Bei einem mate­ri­ell-recht­li­chen Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch gegen den Woh­nungs­ei­gen­tums­ver­wal­ter ist die Über­nah­me bzw. die Erstat­tung von Ver­fah­rens­kos­ten durch den Ver­wal­ter die erstreb­te Rechts­fol­ge; den maß­geb­li­chen Lebens­sach­ver­halt bil­det die ihm vor­ge­wor­fe­ne Pflicht­ver­let­zung. Der pro­zes­sua­le Anspruch umfasst auch Ver­schul­dens­for­men unter­halb der Schwel­le des gro­ben Ver­schul­dens. Denn die erstreb­te Rechts­fol­ge tritt sowohl bei (leicht) fahr­läs­si­gem als auch bei vor­sätz­li­chem Han­deln des Ver­wal­ters ein (§ 280 Abs. 1 i.V.m. § 276 Abs. 1 BGB); eine Haf­tungs­mil­de­rung wird durch die allein aus Grün­den der Pro­zess­öko­no­mie ein­ge­führ­te Vor­schrift des § 49 Abs. 2 WEG nicht bewirkt 6.

Im Rah­men des § 49 Abs. 2 WEG kann das Gericht jedoch nur über einen Aus­schnitt die­ses pro­zes­sua­len Anspruchs befin­den, näm­lich über eine auf gro­bem Ver­schul­den beru­hen­de Pflicht­ver­let­zung. Hält es die Vor­aus­set­zun­gen der Vor­schrift für nicht gege­ben, ist die damit ver­bun­de­ne Aus­sa­ge, es feh­le an einer sol­chen Pflicht­ver­let­zung des Ver­wal­ters, zwangs­läu­fig auf einen Teil­as­pekt des pro­zes­sua­len Anspruchs beschränkt und damit nicht der Rechts­kraft fähig. Das gilt auch dann, wenn das Gericht bereits eine (objek­ti­ve) Pflicht­ver­let­zung des Ver­wal­ters ver­neint. Denn die Rechts­kraft umfasst nicht die Anwend­bar­keit eines Rechts­be­griffs (wie Pflicht­ver­let­zung oder gro­bes Ver­schul­den) auf den fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt, son­dern nur die Ent­schei­dung über den pro­zes­sua­len Anspruch 7.

Es stellt kei­nen Wider­spruch dar, dass die Ent­schei­dung über die Anwen­dung oder Nicht­an­wen­dung von § 49 Abs. 2 WEG einer­seits nicht in mate­ri­el­le Rechts­kraft erwächst, eine Par­tei ande­rer­seits Kos­ten, die dem Ver­wal­ter nach die­ser Vor­schrift auf­er­legt wor­den sind, nicht ein zwei­tes Mal auf der Grund­la­ge ihres mate­ri­ell-recht­li­chen Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruchs gel­tend machen kann. Die Par­tei ist hier­an näm­lich nicht wegen ent­ge­gen­ste­hen­der Rechts­kraft gehin­dert, son­dern des­halb, weil ent­we­der ihr Scha­den infol­ge der Ent­schei­dung nach § 49 Abs. 2 WEG und der Über­nah­me der Kos­ten durch den Ver­wal­ter ent­fal­len ist, oder weil es – im Hin­blick auf die Mög­lich­keit der Kos­ten­fest­set­zung gegen den Ver­wal­ter und der Voll­stre­ckung dar­aus – jeden­falls an dem erfor­der­li­chen Rechts­schutz­be­dürf­nis für eine Leis­tungs­kla­ge fehlt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. August 2010 – V ZB 164/​09

  1. vgl. BT-Drs. 16/​887 S. 41[]
  2. vgl. Wen­zel in Bär­mann, WEG, 10. Aufl., § 49 Rn. 19[]
  3. LG Ber­lin, ZMR 2009, 393, 395; Wen­zel in Bär­mann, WEG, 10. Aufl., § 49 Rn. 29; Jennißen/​Suilmann, WEG, 2. Aufl., § 49 Rn. 38; Timme/​Elzer, WEG, § 49 Rn. 61; Ber­ger­hoff in Bärmann/​Seuß, Pra­xis des Woh­nungs­ei­gen­tums, 5. Aufl., Rn. 278; Nie­den­führ, ZWE 2009, 69, 73[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 30.10.2002 – XII ZR 345/​00, NJW 2003, 585, 586[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 19.12.1991 – IX ZR 96/​91, BGHZ 117, 1, 5 m.w.N.[]
  6. vgl. BT-Drs. 16/​887 S. 41; eben­so Wen­zel in Bär­mann, WEG, 10. Aufl., § 49 Rn. 22; a.A. LG Ber­lin, ZMR 2009, 393, 395; Jennißen/​Suilmann, WEG, 2. Aufl., § 49 Rn. 31; Dras­do, Fest­schrift Bub, 2007, S. 59, 67[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 26.04.1951 – III ZR 188/​50, LM § 322 ZPO Nr. 2; Urteil vom 30.10.2002 – XII ZR 345/​00, NJW 2003, 585, 586[]