Mehr­kos­ten­er­stat­tung bei Anwalts­wech­sel

Mit der Erstat­tungs­fä­hig­keit von Mehr­kos­ten gemäß § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO, die durch einen Anwalts­wech­sel ent­stan­den sind, hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zu beschäf­ti­gen:

Mehr­kos­ten­er­stat­tung bei Anwalts­wech­sel

Nach § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO sind die Kos­ten meh­re­rer Rechts­an­wäl­te, sofern sie die Kos­ten eines Rechts­an­walts über­stei­gen, nur inso­weit zu erstat­ten, als in der Per­son des Rechts­an­walts ein Wech­sel ein­tre­ten muss­te.

Ein Anwalts­wech­sel ist nur dann not­wen­dig im Sin­ne von § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO, wenn er nicht auf ein Ver­schul­den der Par­tei oder ein ihr nach dem Grund­ge­dan­ken von § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den ihres Rechts­an­walts zurück­zu­füh­ren ist 1. Denn nach dem Sinn und Zweck von § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO, der auf eine Ein­schrän­kung der Erstat­tungs­fä­hig­keit gerich­tet ist, reicht für die Erstat­tungs­fä­hig­keit von Mehr­kos­ten, die durch einen Anwalts­wech­sel ent­stan­den sind, nicht schon die objek­ti­ve Not­wen­dig­keit des Anwalts­wech­sels aus. Viel­mehr ist § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO dahin aus­zu­le­gen, dass ein Wech­sel nur dann ein­tre­ten muss­te, wenn er dar­über hin­aus unver­meid­bar war, somit nicht schuld­haft ver­ur­sacht wor­den ist.

Der Rechts­pfle­ger hat des­halb bei der Prü­fung, ob der Erstat­tungs­gläu­bi­ger einen zwei­ten Rechts­an­walt beauf­trag­ten muss­te, nicht nur zu prü­fen, ob die Beauf­tra­gung des zwei­ten Rechts­an­walts objek­tiv not­wen­dig war, son­dern dar­über hin­aus auch, ob der Wech­sel auf Umstän­den beruht, wel­che die Par­tei oder – dem Grund­ge­dan­ken des § 85 Abs. 2 ZPO ent­spre­chend – der Anwalt hät­te vor­aus­se­hen oder in irgend­ei­ner, nur in der Zumut­bar­keit eine Gren­ze fin­den­den Wei­se hät­te ver­hin­dern kön­nen. Dabei hat er aller­dings nicht zu prü­fen, ob die erstat­tungs­be­rech­tig­te Par­tei ihrem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten über­haupt eine Ver­gü­tung schul­det, weil es sich inso­weit um eine mate­ri­ell­recht­li­che Fra­ge han­delt, die im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nicht zu berück­sich­ti­gen ist 2.

Den Rechts­an­walt trifft bei einer Rück­ga­be der Zulas­sung kein Ver­schul­den an dem dadurch not­wen­dig gewor­de­nen Anwalts­wech­sel, wenn er sei­ne Zulas­sung aus ach­tens­wer­ten Grün­den auf­ge­ge­ben hat und er bei Man­dats­über­nah­me nicht vor­her­se­hen konn­te, dass er die Zulas­sung in abseh­ba­rer Zeit auf­ge­ben und des­halb den Auf­trag vor­aus­sicht­lich nicht zu Ende füh­ren kön­ne 3.

Ob die Auf­ga­be der Anwalts­zu­las­sung auf ach­tens­wer­ten Grün­den beruht, ist nach den Umstän­den des Ein­zel­falls zu beur­tei­len. Die­se Umstän­de müs­sen die Kos­ten­gläu­bi­ger, die sich auf die Aus­nah­me­be­stim­mung des § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO beru­fen, dar­le­gen und glaub­haft machen.

Das Ober­lan­des­ge­richt ist im Ergeb­nis zu Recht davon aus­ge­gan­gen, dass die Beklag­ten sol­che Umstän­de nicht hin­rei­chend dar­ge­tan und glaub­haft gemacht haben.

Die Beklag­ten haben hier­zu vor­ge­tra­gen, für ihre zuerst bevoll­mäch­tig­te Rechts­an­wäl­tin sei bei Man­dats­über­nah­me im Mai 2004 nicht abseh­bar gewe­sen, dass sie die Kanz­lei im Som­mer 2006 aus wirt­schaft­li­chen Grün­den wer­de auf­ge­ben müs­sen. Im Jahr 2005 sei sie durch ver­schie­de­ne Zah­lungs­aus­fäl­le wie Nicht­zah­lung der Anwalts­ver­gü­tung und ver­spä­te­te Hono­rar­zah­lun­gen von Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten oder in Pro­zess­kos­ten­hil­fe­sa­chen in wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten gera­ten. Nach der frist­lo­sen Kün­di­gung der Kanz­lei­räu­me im Febru­ar 2006 wegen Zah­lungs­ver­zugs und wegen des schlech­ten Gesund­heits­zu­stands ihres Vaters sei sie nach Nord­rhein­West­fa­len umge­zo­gen. Dort habe sie zunächst die ihr über­tra­ge­nen Man­da­te wei­ter geführt. Aller­dings hät­ten die Ein­nah­men nicht aus­ge­reicht, um allen Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men. Nach­dem sie weder den Bei­trag zu ihrer Ver­mö­gens­scha­dens­haft­pflicht­ver­si­che­rung noch den Kam­mer­bei­trag mehr habe zah­len kön­nen, habe sie sich im Juni 2006 ent­schlos­sen, die Kanz­lei auf­zu­ge­ben und die Zulas­sung zurück­zu­ge­ben.

Wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten eines Rechts­an­walts stel­len regel­mä­ßig kei­nen ach­tens­wer­ten Grund im Sin­ne von § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO für die Auf­ga­be der Zulas­sung dar. Der Rechts­an­walt hat viel­mehr sei­ne für die Auf­recht­erhal­tung des Kanz­lei­be­triebs erfor­der­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit sicher­zu­stel­len. Ob in Fäl­len, in denen die wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten auch auf unvor­her­seh­ba­ren per­sön­li­chen Grün­den beru­hen, eine abwei­chen­de Beur­tei­lung gebo­ten ist, muss hier nicht ent­schie­den wer­den, weil das Ober­lan­des­ge­richt sol­che ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Grün­de nicht fest­ge­stellt hat und sol­che auch nicht ersicht­lich sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. August 2012 – XII ZB 183/​11

  1. OLG Cel­le NJW-RR 2011, 485; OLG Köln, Beschluss vom 15.06.2009 – 17 W 26/​09; OLG Koblenz Rechts­pfle­ger 2004, 184; OLG Frank­furt Jur­Bü­ro 1986, 453; KG JW 1934, 3145 f. und JW 1934, 914 f.; Stein/​Jonas/​Bork ZPO 22. Aufl. § 91 Rn. 144; Musielak/​Wolst ZPO 8. Aufl. § 91 Rn. 22; Zöller/​Herget ZPO 29. Aufl. § 91 Rn. 13 "Anwalts­wech­sel"; Münch­Komm-ZPO/Gie­bel 3. Aufl. § 91 Rn. 70 mwN[]
  2. vgl. BGH Beschluss vom 22.11.2006 – IV ZB 18/​06, NJW-RR 2007, 422[]
  3. RGZ 33, 369, 371; BGH, Urteil vom 27.05.1957 – VII ZR 286/​56, NJW 1957, 1152, 1153; OLG Frank­furt Jur­Bü­ro 1986, 453; OLG Koblenz MDR 1991, 1098; OLG Düs­sel­dorf Jur­Bü­ro 1993, 731; OLG Hamm NJW-RR 1996, 1343; OLG Koblenz Fam­RZ 2006, 1559; Münch­Komm-ZPO/Gie­bel 3. Aufl. § 91 Rn. 73; Musielak/​Wolst ZPO 8. Aufl. § 91 Rn. 22 f.; Stein/​Jonas/​Bork ZPO 22. Aufl. § 91 Rn. 146; aA OLG Naum­burg OLGR 2005, 438 f.; OLG Mün­chen NJW-RR 2002, 353 auf­ge­ge­ben in MDR 2007, 1346[]