Ört­li­che Zustän­dig­keit – inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit

§ 513 Abs. 2 ZPO und § 545 Abs. 2 ZPO fin­den Anwen­dung, wenn die Fra­ge der ört­li­chen Zustän­dig­keit des Erst­ge­richts nicht von den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen abhängt, die für die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te maß­ge­bend sind.

Ört­li­che Zustän­dig­keit – inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall besteht die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te, die in jeder Instanz von Amts wegen zu prü­fen ist 1, nach Art. 5 Nr. 3 des Über­ein­kom­mens über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen (Luga­no-Über­ein­kom­men II) 2.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist die Wen­dung "Ort, an dem das schä­di­gen­de Ereig­nis ein­ge­tre­ten ist" in Art. 5 Nr. 3 EuGV­VO a.F. so zu ver­ste­hen, dass sie sowohl den Ort des ursäch­li­chen Gesche­hens (Hand­lungs­ort) als auch den Ort der Ver­wirk­li­chung des Scha­dens­er­folgs (Erfolgs­ort) meint 3.

Für die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit kann offen­blei­ben, ob der Hand­lungs­ort in Deutsch­land liegt, da nach dem schlüs­si­gen Vor­trag der Klä­ge­rin jeden­falls der Erfolgs­ort in Deutsch­land liegt. Denn danach ist der Ver­mö­gens­scha­den des Zeden­ten, den sie mit der Kla­ge ersetzt ver­langt, an dem Gut­ha­ben auf des­sen Giro­kon­to bei einem Kre­dit­in­sti­tut in Deutsch­land ein­ge­tre­ten, von dem er infol­ge der von den Beklag­ten zu ver­ant­wor­ten­den Täu­schung das ange­leg­te Kapi­tal auf ein Kon­to der ES AG bei einem Kre­dit­in­sti­tut in Deutsch­land über­wie­sen hat 4.

Nach § 513 Abs. 2 ZPO kann die Beru­fung nicht dar­auf gestützt wer­den, dass das Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges sei­ne Zustän­dig­keit zu Unrecht ange­nom­men hat. Ob dies vor­lie­gend der Fall ist, ist einer revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung ent­zo­gen, denn gemäß § 545 Abs. 2 ZPO kann die Revi­si­on nicht dar­auf gestützt wer­den, dass das Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges sei­ne Zustän­dig­keit zu Unrecht ange­nom­men oder ver­neint hat. Dem­ge­mäß fin­det in der Revi­si­ons­in­stanz eine Prü­fung der ört­li­chen Zustän­dig­keit des Land­ge­richts grund­sätz­lich auch dann nicht statt, wenn die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit der deut­schen Gerich­te vom Revi­si­ons­ge­richt zu prü­fen ist 5. Zu der inso­weit ent­spre­chen­den Rege­lung in § 549 Abs. 2 ZPO a.F. hat der Bun­des­ge­richts­hof aller­dings ent­schie­den, dass die­se Vor­schrift bezüg­lich der ört­li­chen Zustän­dig­keit nicht anzu­wen­den ist, soweit dane­ben die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit im Streit ist und bei­de Zustän­dig­kei­ten von den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen abhän­gen 6. Ein sol­cher Fall ist hier aber nicht gege­ben, denn der Erfolgs­ort lag nach dem Vor­trag der Klä­ge­rin, wie dar­ge­legt, in Deutsch­land. Wäh­rend sich die Fra­ge, ob das Land­ge­richt ört­lich zustän­dig war, danach rich­tet, ob der Erfolgs­ort in sei­nem Bezirk liegt, kommt es für die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te nur dar­auf an, ob sich das geschä­dig­te Gut­ha­ben des Zeden­ten an irgend­ei­nem Ort in Deutsch­land befand. Die Fra­ge der ört­li­chen Zustän­dig­keit hängt vor­lie­gend mit­hin nicht von den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen ab, die für die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te maß­ge­bend sind.

Die­se Aus­le­gung von § 545 Abs. 2 ZPO ver­stößt weder gegen deut­sches Ver­fas­sungs­recht noch gegen Uni­ons­recht. Zwar füh­ren § 513 Abs. 2 und § 545 Abs. 2 der deut­schen Zivil­pro­zess­ord­nung dazu, dass die nach Uni­ons­recht zu bestim­men­de ört­li­che Zustän­dig­keit – anders als die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit – in der Beru­fungs­in­stanz (im Fal­le ihrer erst­in­stanz­li­chen Beja­hung) und in der Revi­si­ons­in­stanz grund­sätz­lich nicht mehr über­prüft wer­den kann. Die Nor­men ver­sto­ßen jedoch nicht gegen den uni­ons­recht­li­chen Grund­satz der Effek­ti­vi­tät. Das Uni­ons­recht läuft durch § 513 Abs. 2, § 545 Abs. 2 ZPO nicht leer, weil die erst­in­stanz­lich inter­na­tio­nal zustän­di­gen deut­schen Gerich­te beru­fen sind, ihre ört­li­che Zustän­dig­keit ent­spre­chend den uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen zu prü­fen und das Uni­ons­recht wie das deut­sche Ver­fas­sungs­recht kei­nen Instan­zen­zug vor­schreibt.

Ob die ört­li­che Zustän­dig­keit ent­ge­gen § 513 Abs. 2, § 545 Abs. 2 ZPO dann in den Rechts­mit­tel­in­stan­zen über­prüf­bar ist, wenn das erst­in­stanz­li­che Gericht oder das Beru­fungs­ge­richt sie will­kür­lich ange­nom­men und damit den Beklag­ten sei­nem gesetz­li­chen Rich­ter ent­zo­gen haben 7, kann dahin­ste­hen.

Zwar begeg­net die Auf­fas­sung des Land­ge­richts Düs­sel­dorf 8 Beden­ken, es sei, obwohl die Beklag­ten die ört­li­che Zustän­dig­keit in der Kla­ge­er­wi­de­rung gerügt haben, infol­ge rüge­lo­ser Ver­hand­lung ört­lich zustän­dig gewor­den, zumal es unzu­tref­fend auf § 39 ZPO statt auf Art. 24 LugÜ – II 9 abge­stellt hat. Da die Beklag­ten aus­weis­lich des erst­in­stanz­li­chen Pro­to­kolls zur Sache ver­han­delt haben, ohne dort die Zustän­dig­keits­rü­ge zu wie­der­ho­len, ist die Beur­tei­lung des Land­ge­richts indes­sen noch nicht will­kür­lich. Objek­tiv will­kür­lich ist ein Rich­ter­spruch nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dann, wenn er unter kei­nem denk­ba­ren Aspekt recht­lich ver­tret­bar ist und sich daher der Schluss auf­drängt, dass er auf sach­frem­den Erwä­gun­gen beruht. Feh­ler­haf­te Rechts­an­wen­dung allein macht eine Gerichts­ent­schei­dung jedoch nicht will­kür­lich. Will­kür liegt viel­mehr erst dann vor, wenn eine offen­sicht­lich ein­schlä­gi­ge Norm nicht berück­sich­tigt, der Inhalt einer Norm in kras­ser Wei­se miss­ver­stan­den oder sonst in nicht mehr nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se ange­wen­det wird, so dass die Ent­schei­dung auf schwe­ren Rechts­an­wen­dungs­feh­lern beruht 10.

Hier ist das Land­ge­richt, das die schrift­sätz­li­che Zustän­dig­keits­rü­ge aus­weis­lich sei­nes Urteils­tat­be­stan­des gese­hen hat, offen­bar davon aus­ge­gan­gen, die Beklag­ten hät­ten die Rüge still­schwei­gend fal­len­ge­las­sen, nach­dem das Gericht in der münd­li­chen Ver­hand­lung aus­führ­lich dar­ge­legt hat­te, war­um es sei­ne ört­li­che Zustän­dig­keit für gege­ben erach­te und die Beklag­ten dazu kei­ne wei­te­ren Erklä­run­gen abge­ge­ben hat­ten. Zwar muss die bereits schrift­sätz­lich vor­ge­tra­ge­ne Zustän­dig­keits­rü­ge sowohl im Anwen­dungs­be­reich des § 39 ZPO als auch des Art. 24 LugÜ – II in der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht wie­der­holt wer­den, sofern auf sie still­schwei­gend Bezug genom­men wird 11. Mög­lich ist aber ein nach­träg­li­cher – auch still­schwei­gen­der – Rüge­ver­zicht (vgl. zu § 39 ZPO BGH, Urteil vom 02.03.2006 – IX ZR 15/​05, aaO; OLG Koblenz, OLGR Koblenz 1998, 429, 430) oder eine Rück­nah­me der Zustän­dig­keits­rü­ge 12. Ob die Beklag­ten hier nach­träg­lich auf die Zustän­dig­keits­rü­ge ver­zich­tet oder sie zurück­ge­nom­men haben, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Denn selbst wenn dies nicht der Fall wäre, läge hier ein blo­ßer Rechts­an­wen­dungs­feh­ler vor, der nicht den Schluss dar­auf zulie­ße, die Beja­hung der ört­li­chen Zustän­dig­keit beru­he auf sach­frem­den Erwä­gun­gen und sei will­kür­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. März 2015 – VI ZR 11/​14

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 02.03.2010 – VI ZR 23/​09, BGHZ 184, 313 Rn. 7; vom 05.10.2010 – VI ZR 159/​09, BGHZ 187, 156 Rn. 8; vom 31.05.2011 – VI ZR 154/​10, BGHZ 190, 28 Rn. 16, jeweils mwN; und vom 24.06.2014 – VI ZR 315/​13, WM 2014, 1614 Rn. 12[]
  2. geschlos­sen in Luga­no am 30.10.2007, ABl. EU L 339 S. 3[]
  3. EuGH, NJW 2013, 2099 Rn. 25 mwN; NZG 2013, 1073 Rn. 51; NJW 2013, 3627 Rn. 26; NJW 2014, 1793 Rn. 27; GRUR 2014, 806 Rn. 46; zu Art. 5 Nr. 3 LugÜ – I und – II bereits BGH, Urteil vom 24.06.2014 – VI ZR 315/​13, WM 2014, 1614 Rn. 29 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 12.10.2010 – XI ZR 394/​08, WM 2010, 2214 Rn. 30[]
  5. BGH, Beschluss vom 20.09.2010 – XI ZR 57/​08, juris; im Ergeb­nis eben­so BGH, Urteil vom 09.07.2009 – Xa ZR 19/​08, BGHZ 182, 24 Rn. 7 ff.; zu § 549 Abs. 2 ZPO a.F. vom Bun­des­ge­richts­hof noch offen gelas­sen im Urteil vom 16.12 1997 – VI ZR 408/​96, VersR 1998, 378, 379; OLG Köln, Urteil vom 19.02.2014 – 6 U 163/​13 7; aA Wag­ner in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 33[]
  6. BGH, Urteil vom 21.11.1996 – IX ZR 264/​95, BGHZ 134, 127, 130[]
  7. so OLG Olden­burg, NJW-RR 1999, 865; Ger­ken in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl., § 513 Rn. 33; Alt­ham­mer in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 513 Rn. 11; Münch­Komm-ZPO/Rim­mels­pa­cher, 4. Aufl., § 513 Rn.19; Münch­Komm-ZPO/Krü­ger, aaO, § 545 Rn. 17; Beck­OK ZPO/Kes­sal-Wulf, § 545 Rn. 18 [Stand: 1.01.2015]; bezüg­lich der Zustän­dig­keits­ab­gren­zung von Zivil- und Han­dels­kam­mer auch OLG Karls­ru­he, NJW-RR 2013, 437, 439; aA Zöller/​Heßler, ZPO, 30. Aufl., § 513 Rn. 10; Beck­OK ZPO/​Wulf, § 513 Rn. 9 [Stand: 1.01.2015]; Lem­ke in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 6. Aufl., § 513 Rn. 10; Hk-ZPO/Wöst­mann, 6. Aufl., § 513 Rn. 3[]
  8. LG Düs­sel­dorf, Urteil vom 29.09.2011 – 8 O 773/​10[]
  9. zur Gel­tung für die ört­li­che Zustän­dig­keit Wag­ner in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 1; Zöller/​Geimer, ZPO, 30. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 1; Geimer/​Schütze, Euro­päi­sches Zivil­ver­fah­rens­recht, 3. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 32[]
  10. BVerfG, Fam­RZ 2010, 25; NJW 2014, 3147 Rn. 13; jeweils mwN[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 02.03.2006 – IX ZR 15/​05, NJW 2006, 1806 Rn. 9[]
  12. zu § 39 ZPO Künzl, BB 1991, 757; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 30. Aufl., § 39 Rn. 5; Wern in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 6. Aufl., § 12 Rn. 9; zu Art. 24 EuGV­VO a.F. Hk-ZPO/­Dör­ner, 5. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 8; Geimer/​Schütze, Euro­päi­sches Zivil­ver­fah­rens­recht, 3. Aufl., Art. 24 EuGV­VO Rn. 52[]