Pro­zess­kos­ten­hil­fe bei kom­ple­xen aus­län­di­schen Rechts­pro­ble­men

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gebie­tet Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG eine weit­ge­hen­de Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten bei der Ver­wirk­li­chung des Rechts­schut­zes [1]. Dabei ist es ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe davon abhän­gig zu machen, dass die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg hat und nicht mut­wil­lig erscheint. Die Prü­fung der Erfolgs­aus­sich­ten soll jedoch nicht dazu die­nen, die Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung selbst in das sum­ma­ri­sche Ver­fah­ren der Pro­zess­kos­ten­hil­fe vor­zu­ver­la­gern und die­ses an die Stel­le des Haupt­sa­che­ver­fah­rens tre­ten zu las­sen. Das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren will den Rechts­schutz, den der Rechts­staats­grund­satz erfor­dert, näm­lich nicht selbst bie­ten, son­dern ihn erst zugäng­lich machen [2].

Pro­zess­kos­ten­hil­fe bei kom­ple­xen aus­län­di­schen Rechts­pro­ble­men

Was das im Ein­zel­nen bedeu­tet hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt dem Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen ins Stamm­buch geschrie­ben:

Bereits der durch einen hohen Begrün­dungs­auf­wand ver­an­lass­te Umfang des 21-sei­ti­gen Beschlus­ses und die inhalt­li­che Kom­ple­xi­tät sei­ner Erwä­gun­gen bele­gen hier die Schwie­rig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­gen. Das Ober­lan­des­ge­richt hat dar­in alle in Betracht kom­men­den Rechts­grund­la­gen ein­zeln auf­ge­grif­fen und jeweils zunächst nach den Vor­schrif­ten des inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts geprüft, ob deut­sches oder ira­ni­sches Recht anwend­bar sei. In die­sem Rah­men war eine Viel­zahl von Aus­nah­me­vor­schrif­ten des EGBGB zu berück­sich­ti­gen, die teil­wei­se die inzi­den­te Prü­fung ira­ni­schen Rechts erfor­der­ten. Hier­zu wer­te­te das Ober­lan­des­ge­richt Urtei­le des Obers­ten Lan­des­ge­richts Tehe­ran und des All­ge­mein-Zivil­ge­richts Tehe­ran aus und zog Vor­schrif­ten des ira­ni­schen inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts aus dem ira­ni­schen Zivil­ge­setz­buch her­an.

Soweit das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen meint, die ent­schei­dungs­er­heb­li­che Rechts­fra­ge, ob das ira­ni­sche Recht zwin­gen­de Form­vor­schrif­ten für Grund­stücks­ver­trä­ge vor­sieht, sei zwar noch nicht höchst­rich­ter­lich geklärt, kön­ne jedoch im Hin­blick auf die durch bereits vor­lie­gen­de Recht­spre­chung bereit­ge­stell­ten Aus­le­gungs­hil­fen ohne Schwie­rig­kei­ten beant­wor­tet wer­den, über­zeugt dies nicht und greift im Übri­gen zu kurz. Unab­hän­gig von der Zugäng­lich­keit der – ins Eng­li­sche über­setz­ten – ira­ni­schen Geset­zes­vor­schrif­ten erscheint es bereits frag­wür­dig, ob das Ober­lan­des­ge­richt den Inhalt der inzi­dent zu prü­fen­den ira­ni­schen Geset­zes­nor­men auf­grund eige­ner Sach­kun­de zuver­läs­sig ermit­teln konn­te oder ob bei pflicht­ge­mä­ßer Aus­übung des gemäß § 293 ZPO ein­ge­räum­ten Ermes­sens nicht die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens erfor­der­lich gewe­sen wäre, zumal nicht ersicht­lich ist, dass der erken­nen­de Senat auf beson­de­re Kennt­nis­se des ira­ni­schen Rechts zurück­grei­fen konn­te. Denn an die Ermitt­lungs­pflicht des § 293 ZPO sind umso höhe­re Anfor­de­run­gen zu stel­len, je kom­ple­xer und je frem­der im Ver­gleich zum deut­schen das anzu­wen­den­de Recht ist [3]. Zudem geht das Ober­lan­des­ge­richt bei der Fra­ge der Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­wil­li­gung dar­über hin­weg, dass nicht nur die inzi­den­te Prü­fung mög­li­cher Form­vor­schrif­ten des ira­ni­schen Rechts erfor­der­lich war, son­dern bereits – nach sei­ner Ansicht – die auf­grund kol­li­si­ons­recht­li­cher Nor­men zu ermit­teln­de Anwend­bar­keit des deut­schen Rechts eine umfas­sen­de und für jede Anspruchs­grund­la­ge geson­dert zu tref­fen­de Dar­stel­lung der Vor­schrif­ten des inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts ver­lang­te.

Schließ­lich steht die ange­grif­fe­ne Beur­tei­lung im Wider­spruch zu dem Beschluss des Ein­zel­rich­ters des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen, das Ver­fah­ren gemäß § 568 Satz 2 Nr. 1 Var. 2 ZPO zur Ent­schei­dung vom Ein­zel­rich­ter auf dem Senat zu über­tra­gen. War­um das Ver­fah­ren einer­seits wegen beson­de­rer Schwie­rig­kei­ten recht­li­cher Art nicht durch den Ein­zel­rich­ter ent­schie­den wer­den soll­te, ande­rer­seits aber nach Mei­nung des Senats des Ober­lan­des­ge­richts kei­ne schwie­ri­gen Rechts­fra­gen auf­wei­sen soll, die nach den in der ver­fas­sungs­recht­li­chen Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe erfor­dern, ist nicht nach­voll­zieh­bar.

Unter die­sen Umstän­den ist das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen der Bedeu­tung der in Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG ver­bürg­ten Rechts­schutz­gleich­heit nicht gerecht gewor­den [4].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 24. Juni 2010 – - 1 BvR 3332/​08

  1. vgl. BVerfGE 9, 124, 130 f.; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 81, 347, 357[]
  3. Gei­mer, in: Zöl­ler, ZPO, 28. Aufl. 2010, § 293 Rn. 15[]
  4. vgl. BVerfGE 81, 347, 359[]