Scha­dens­er­satz für die Miet­wa­gen­kos­ten – der Miet­spie­gel als Schät­zungs­grund­la­ge

Auch ein grund­sätz­lich geeig­ne­ter Miet­preis­spie­gel stellt nur eine Grund­la­ge für die Schät­zung gemäß § 287 Abs. 1 ZPO dar. Des­halb kann etwai­gen Zwei­feln dar­an, dass es sich bei den in einer Lis­te aus­ge­wie­se­nen Miet­prei­sen um den im Ein­zel­fall maß­geb­li­chen Nor­mal­preis han­delt, gege­be­nen­falls auch durch Zu- oder Abschlä­ge Rech­nung getra­gen wer­den [1].

Scha­dens­er­satz für die Miet­wa­gen­kos­ten – der Miet­spie­gel als Schät­zungs­grund­la­ge

Der Unfall­ge­schä­dig­te nach § 7 Abs. 1 StVG, § 115 Abs. 1 Nr. 1 VVG, § 398 BGB als erfor­der­li­chen Her­stel­lungs­auf­wand (§ 249 Abs. 2 Satz 1 BGB) Ersatz der Miet­wa­gen­kos­ten ver­lan­gen, die ein ver­stän­di­ger, wirt­schaft­lich den­ken­der Mensch in der Lage des Geschä­dig­ten für zweck­mä­ßig und not­wen­dig hal­ten darf. Nach dem aus dem Grund­satz der Erfor­der­lich­keit her­ge­lei­te­ten Wirt­schaft­lich­keits­ge­bot kann der Geschä­dig­te für die Anmie­tung eines ver­gleich­ba­ren Ersatz­fahr­zeugs von meh­re­ren auf dem ört­lich rele­van­ten Markt – nicht nur für Unfall­ge­schä­dig­te – erhält­li­chen Tari­fen grund­sätz­lich nur den güns­ti­ge­ren Miet­preis ver­lan­gen [2].

Dar­über hin­aus­ge­hen­de bei gebo­te­ner wirt­schaft­li­cher Betrach­tungs­wei­se nicht erfor­der­li­che Miet­wa­gen­kos­ten kann der Geschä­dig­te aus dem Blick­win­kel der sub­jekt­be­zo­ge­nen Scha­dens­be­trach­tung nur dann ersetzt ver­lan­gen, wenn er dar­legt und erfor­der­li­chen­falls beweist, dass ihm unter Berück­sich­ti­gung sei­ner indi­vi­du­el­len Erkennt­nis- und Ein­fluss­mög­lich­kei­ten sowie der gera­de für ihn bestehen­den Schwie­rig­kei­ten unter zumut­ba­ren Anstren­gun­gen auf dem in sei­ner Lage zeit­lich und ört­lich rele­van­ten Markt kein wesent­lich güns­ti­ge­rer (Normal-)Tarif zugäng­lich war [3].

Die Bemes­sung der Höhe des Scha­dens­er­satz­an­spruchs ist in ers­ter Linie Sache des nach § 287 ZPO beson­ders frei gestell­ten Tatrich­ters. Sie ist revi­si­ons­recht­lich nur dar­auf­hin über­prüf­bar, ob erheb­li­ches Vor­brin­gen der Par­tei­en unbe­rück­sich­tigt gelas­sen, Rechts­grund­sät­ze der Scha­dens­be­mes­sung ver­kannt, wesent­li­che Bemes­sungs­fak­to­ren außer Betracht gelas­sen oder der Schät­zung unrich­ti­ge Maß­stä­be zugrun­de gelegt wor­den sind [4]. Die Art der Schät­zungs­grund­la­ge gibt § 287 ZPO nicht vor. Die Scha­dens­hö­he darf ledig­lich nicht auf der Grund­la­ge fal­scher oder offen­bar unsach­li­cher Erwä­gun­gen fest­ge­setzt wer­den und fer­ner dür­fen wesent­li­che die Ent­schei­dung bedin­gen­de Tat­sa­chen nicht außer Betracht blei­ben. Auch darf das Gericht in für die Streit­ent­schei­dung zen­tra­len Fra­gen auf nach Sach­la­ge uner­läss­li­che fach­li­che Erkennt­nis­se nicht ver­zich­ten.

Gleich­wohl kön­nen in geeig­ne­ten Fäl­len Lis­ten oder Tabel­len bei der Scha­dens­schät­zung Ver­wen­dung fin­den [5]. Nach die­sen Grund­sät­zen ist der Tatrich­ter grund­sätz­lich weder gehin­dert, sei­ner Scha­dens­schät­zung die Schwa­cke-Lis­te noch den Fraun­ho­fer-Miet­preis­spie­gel zugrun­de zu legen. Der Umstand, dass die vor­han­de­nen Markt­er­he­bun­gen im Ein­zel­fall zu deut­lich von­ein­an­der abwei­chen­den Ergeb­nis­sen füh­ren kön­nen, genügt nicht, um Zwei­fel an der Eig­nung der einen oder ande­ren Erhe­bung als Schätz­grund­la­ge zu begrün­den. Die Lis­ten die­nen dem Tatrich­ter nur als Grund­la­ge für sei­ne Schät­zung nach § 287 ZPO. Er kann im Rah­men sei­nes Ermes­sens unter Berück­sich­ti­gung der Umstän­de des Ein­zel­falls von die­sen – etwa durch Abschlä­ge oder Zuschlä­ge auf den sich aus ihnen erge­ben­den Nor­mal­ta­rif – abwei­chen [6].

Die Eig­nung von Lis­ten oder Tabel­len, die bei der Scha­dens­schät­zung Ver­wen­dung fin­den kön­nen, bedarf aller­dings dann, aber auch nur dann, der Klä­rung, wenn mit kon­kre­ten Tat­sa­chen auf­ge­zeigt wird, dass gel­tend gemach­te Män­gel der Schät­zungs­grund­la­ge sich auf den zu ent­schei­den­den Fall in erheb­li­chem Umfang aus­wir­ken [7]. Die Anwen­dung der Lis­ten durch den Tatrich­ter begeg­net also nur dann Beden­ken, wenn die Par­tei­en deut­lich güns­ti­ge­re bzw. ungüns­ti­ge­re Ange­bo­te ande­rer Anbie­ter für den kon­kre­ten Zeit­raum am Ort der Anmie­tung auf­zei­gen.

Auch ein grund­sätz­lich geeig­ne­ter Miet­preis­spie­gel stellt nur eine Grund­la­ge für die Schät­zung dar. Im Streit­fall begeg­net die unein­ge­schränk­te Über­nah­me der in der Schwa­cke-Lis­te aus­ge­wie­se­nen Miet­prei­se des­halb Beden­ken, weil die Ver­si­che­rung des Geschä­dig­ten – deut­lich güns­ti­ge­re Ange­bo­te ande­rer Anbie­ter auf­ge­zeigt hat. Sie hat bereits in ihrer Kla­ge­er­wi­de­rung auf Online-Anfra­gen bei gro­ßen Anbie­tern – jeweils bezo­gen auf deren Sta­tio­nen in B., dem Sitz der Klä­ge­rin – ver­wie­sen und zugleich vor­ge­tra­gen, dass zu einem Betrag in die­ser Grö­ßen­ord­nung auch im streit­ge­gen­ständ­li­chen Unfall­zeit­punkt ein Fahr­zeug hät­te ange­mie­tet wer­den kön­nen. Zu den vor­ste­hen­den Tari­fen hät­te der Geschä­dig­te pro­blem­los (auch tele­fo­nisch bzw. unmit­tel­bar an den Sta­tio­nen der benann­ten Ver­mie­ter) durch Vor­la­ge einer Kre­dit­kar­te oder ent­spre­chen­de Bar­kau­ti­on ein Fahr­zeug erhal­ten kön­nen. Damit hat sie hin­rei­chend deut­lich gemacht, dass der zur Scha­dens­be­he­bung erfor­der­li­che maß­ge­ben­de Nor­mal­ta­rif zum Zeit­punkt der Anmie­tung deut­lich güns­ti­ger gewe­sen sein könn­te als der Modus des Schwa­cke-Miet­preis­spie­gels 2010.

Mit die­sem kon­kre­ten Sach­vor­trag der Beklag­ten hät­te sich das Beru­fungs­ge­richt im Streit­fall näher aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Dadurch, dass es dies unter­las­sen hat, hat es die Gren­zen sei­nes tatrich­ter­li­chen Ermes­sens im Rah­men des § 287 ZPO über­schrit­ten.

Das Beru­fungs­ge­richt wird im wei­te­ren Ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen haben, dass der Tatrich­ter im Rah­men des § 287 Abs. 1 Satz 2 ZPO auch hin­sicht­lich der Ent­schei­dung, eine Beweis­auf­nah­me durch­zu­füh­ren, frei­er gestellt ist. Des­halb kann etwai­gen Zwei­feln dar­an, dass es sich bei den in einer Lis­te aus­ge­wie­se­nen Miet­prei­sen um den im Ein­zel­fall maß­geb­li­chen Nor­mal­preis han­delt, gege­be­nen­falls auch durch Zu- oder Abschlä­ge Rech­nung getra­gen wer­den [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Dezem­ber 2012 – VI ZR 316/​11

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 12. April 2011 – VI ZR 300/​09, VersR 2011, 769 Rn. 18[]
  2. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 12.10.2004 – VI ZR 151/​03, BGHZ 160, 377, 383 f.; vom 11.03.2008 – VI ZR 164/​07, NJW 2008, 1519 Rn. 7; vom 14.10.2008 – VI ZR 308/​07, VersR 2008, 1706 Rn. 9; vom 12.04.2011 – VI ZR 300/​09, VersR 2011, 769 Rn. 10[]
  3. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 14.10.2008 – VI ZR 210/​07, VersR 2009, 83 Rn. 6; vom 12.04.2011 – VI ZR 300/​09, aaO, jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.07.1984 – VI ZR 262/​82, BGHZ 92, 85, 86 f.; vom 08.12.1987 – VI ZR 53/​87, BGHZ 102, 322, 330; vom 23.11.2004 – VI ZR 357/​03, BGHZ 161, 151, 154; vom 09.12.2008 – VI ZR 173/​07, VersR 2009, 408 Rn. 12; vom 09.06.2009 – VI ZR 110/​08, BGHZ 181, 242 Rn. 10; vom 22.02.2011 – VI ZR 253/​09, VersR 2011, 643 Rn. 6[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.03.2008 – VI ZR 164/​07, VersR 2008, 699 Rn. 9; vom 14.10.2008 – VI ZR 308/​07, aaO Rn. 22; vom 18.05.2010 – VI ZR 293/​08, VersR 2010, 1054 Rn. 4; vom 22.02.2011 – VI ZR 353/​09, aaO Rn. 7; vom 12.04.2011 – VI ZR 300/​09, aaO Rn. 17; vom 17.05.2011 – VI ZR 142/​10, VersR 2011, 1026 Rn. 7[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 12.04.2011 – VI ZR 300/​09, aaO Rn. 18; vom 17.05.2011 – VI ZR 142/​10, aaO[]
  7. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 11.03.2008 – VI ZR 164/​07, aaO; vom 14.10.2008 – VI ZR 308/​07, aaO Rn. 22; vom 19.01.2010 – VI ZR 112/​09, VersR 2010, 494 Rn. 6; vom 18.05.2010 – VI ZR 293/​08, aaO Rn. 4; vom 12.04.2011 – VI ZR 300/​09, aaO Rn. 17; vom 17.05.2011 – VI ZR 142/​10, aaO Rn. 8[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 12.04.2011 – VI ZR 300/​09, aaO Rn. 18[]