Schrift­satz­frist – und das vor ihrem Ablauf gefäll­te Urteil

Nach Ein­räu­mung einer Schrift­satz­frist (§ 283 Satz 1 ZPO) darf das Urteil nicht vor Ablauf der gesetz­ten Frist gefällt wer­den. Schei­det ein an der münd­li­chen Ver­hand­lung betei­lig­ter Rich­ter vor Frist­ab­lauf aus, muss die münd­li­che Ver­hand­lung wie­der eröff­net wer­den.

Schrift­satz­frist – und das vor ihrem Ablauf gefäll­te Urteil

Gemäß § 309 ZPO kann das Urteil nur von den­je­ni­gen Rich­tern gefällt wer­den, die an der dem Urteil zugrun­de lie­gen­den Ver­hand­lung teil­ge­nom­men haben. Schei­det einer der betei­lig­ten Rich­ter vor der Fäl­lung des Urteils aus, ist gemäß § 156 Abs. 2 Nr. 3 ZPO zwin­gend die Wie­der­eröff­nung der Ver­hand­lung anzu­ord­nen 1. Ein Ver­stoß gegen § 309 ZPO stellt einen abso­lu­ten Revi­si­ons­grund i.S. von § 547 Nr. 1 ZPO sowie eine Ver­let­zung des Rechts auf den gesetz­li­chen Rich­ter (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) dar 2.

Gefällt ist ein Urteil im Sin­ne von § 309 ZPO, wenn über das Urteil abschlie­ßend bera­ten und abge­stimmt wur­de 3. Die end­gül­ti­ge Bera­tung und Abstim­mung (Urteils­fäl­lung) darf wie sich auch aus § 309 ZPO erschließt – nicht vor dem Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung statt­fin­den 4. Durch die Ein­räu­mung einer Schrift­satz­frist nach § 283 ZPO wird für die betrof­fe­ne Par­tei der Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung hin­sicht­lich des zuläs­si­gen Erwi­de­rungs­vor­brin­gens bis zum Ablauf der Frist ver­län­gert 5. Folg­lich darf nach Gewäh­rung eines Schrift­satz­nach­las­ses das Urteil nicht vor Ablauf der gesetz­ten Frist gefällt wer­den 6. Schei­det ein an der münd­li­chen Ver­hand­lung betei­lig­ter Rich­ter vor Frist­ab­lauf aus, muss die münd­li­che Ver­hand­lung wie­der eröff­net wer­den 7.

Die­ser Ein­schät­zung steht nicht ent­ge­gen, dass die Ent­schei­dung über die Wie­der­eröff­nung einer münd­li­chen Ver­hand­lung in ana­lo­ger Anwen­dung von § 320 Abs. 4 Sät­ze 2 und 3 ZPO von den im Spruch­kör­per ver­blie­be­nen Rich­tern zu tref­fen ist, wenn nach dem Aus­schei­den eines an Schluss­ver­hand­lung und Urteils­fäl­lung betei­lig­ten Rich­ters vor der Ver­kün­dung des Urteils noch ein nicht nach­ge­las­se­ner Schrift­satz ein­geht 8.

Die nach Gewäh­rung eines Schrift­satz­nach­las­ses gemäß § 283 ZPO bestehen­de Ver­fah­rens­la­ge unter­schei­det sich maß­ge­bend von der Pro­zess­si­tua­ti­on, die der zitier­ten Ent­schei­dung des V. Zivil­se­nats vom 01.02.2002 zugrun­de lag. Vor Ablauf der Schrift­satz­frist kann über das Urteil nicht abschlie­ßend befun­den wer­den, da der nach­ge­las­se­ne Schrift­satz die zu tref­fen­de Ent­schei­dung nach Maß­ga­be des § 283 ZPO inhalt­lich beein­flus­sen kann. Eine ver­gleich­ba­re Wir­kung kommt einem ohne Schrift­satz­nach­lass nach­ge­reich­ten Schrift­satz inso­fern nicht zu, als die­ser ledig­lich Anlass gibt, über die vom Urteils­in­halt abgrenz­ba­re Fra­ge zu ent­schei­den, ob die münd­li­che Ver­hand­lung wie­der zu eröff­nen ist 9.

Aller­dings wird eine abschlie­ßen­de Bera­tung und Abstim­mung (Urteils­fäl­lung) nicht durch die blo­ße Mög­lich­keit gehin­dert, dass zwi­schen dem Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung und der Ver­kün­dung des Urteils Schrift­sät­ze nach­ge­reicht wer­den, und dass es auf­grund spä­te­rer Erkennt­nis­se zu einer Nach­be­ra­tung und einer inhalt­li­chen Ände­rung eines bereits beschlos­se­nen aber noch nicht ver­kün­de­ten und daher noch nicht bin­den­den Urteils kom­men kann, zu der die­je­ni­gen Rich­ter befugt sind, die an der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung teil­ge­nom­men haben 10. Denn abschlie­ßend und damit als Urteils­fäl­lung zu wer­ten ist die Bera­tung und Abstim­mung dann, wenn sie auf­grund der pro­zes­sua­len Situa­ti­on und man­gels eines zu die­sem Zeit­punkt abseh­ba­ren wei­te­ren Bera­tungs­be­darfs von den betei­lig­ten Rich­tern als end­gül­ti­ge Ent­schei­dungs­fin­dung ver­stan­den wer­den kann und ver­stan­den wird.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me einer abschlie­ßen­den Bera­tung und Abstim­mung sind hin­ge­gen nicht erfüllt, wenn die Urteils­fäl­lung nach dem Stand des Ver­fah­rens offen­sicht­lich ver­früht wäre, weil jeden­falls eine der Par­tei­en noch Vor­trag hal­ten kann, der nach der Pro­zess­ord­nung zu berück­sich­ti­gen und mög­li­cher­wei­se geeig­net ist, das Urteil inhalt­lich zu beein­flus­sen. Eine in die­sem Ver­fah­rens­sta­di­um durch­ge­führ­te Bera­tung ist eine blo­ße stets mög­li­che und zuläs­si­ge Zwi­schen­be­ra­tung. Eine Zwi­schen­be­ra­tung kann nicht im Nach­hin­ein in eine abschlie­ßen­de Bera­tung (Urteils­fäl­lung) umge­deu­tet wer­den, weil der wei­te­re Ver­fah­rens­ab­lauf kei­ne für die Ent­schei­dungs­fin­dung wesent­li­chen Erkennt­nis­se mehr erge­ben hat. Die Schluss­be­ra­tung kann in einem sol­chen Fall auf die kur­ze Ver­stän­di­gung dar­über beschränkt wer­den, dass es bei dem in der Zwi­schen­be­ra­tung vor­läu­fig beschlos­se­nen Ergeb­nis blei­ben soll, oder sie kann gege­be­nen­falls im Umlauf­ver­fah­ren vor­ge­nom­men wer­den 11.

Danach könn­te im vor­lie­gen­den Fall die Bera­tung nach der Been­di­gung des Ver­hand­lungs­ter­mins, an der der aus­schei­den­de Rich­ter noch mit­ge­wirkt hat, allen­falls dann als abschlie­ßen­de Bera­tung gewer­tet wer­den, wenn die betei­lig­ten Rich­ter unter Ver­let­zung ele­men­ta­rer Ver­fah­rens­re­geln zugleich beschlos­sen hät­ten, den Inhalt des nach­ge­las­se­nen Schrift­sat­zes nicht mehr berück­sich­ti­gen zu wol­len. Davon kann aber nicht aus­ge­gan­gen wer­den. Die in der dienst­li­chen Erklä­rung mit­ge­teil­te Ein­schät­zung, die Sache sei noch am Tage der münd­li­chen Ver­hand­lung abschlie­ßend bera­ten und ent­schie­den wor­den, beruht ersicht­lich auf der erst aus dem nach­ge­las­se­nen Schrift­satz nach­träg­lich gewon­ne­nen Erkennt­nis, dass es bei dem nach der münd­li­chen Ver­hand­lung gefun­de­nen Bera­tungs­er­geb­nis blei­ben konn­te. Erst die Ver­stän­di­gung hier­über, an der der zwi­schen­zeit­lich aus­ge­schie­de­ne Rich­ter nicht mehr teil­neh­men konn­te, aber hät­te teil­neh­men müs­sen, stell­te die Fäl­lung des Urteils gemäß § 309 ZPO dar.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. April 2015 – II ZR 255/​13

  1. BGH, Urteil vom 01.03.2012 – III ZR 84/​11, NJW-RR 2012, 508 Rn. 9 mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 11.09.2008 – I ZR 58/​06, GRUR 2009, 418 Rn. 11 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 01.02.2002 – V ZR 357/​00, NJW 2002, 1426, 1427; Urteil vom 01.03.2012 – III ZR 84/​11, NJW-RR 2012, 508 Rn. 9[]
  4. Lei­pold in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 309 Rn. 15[]
  5. Zöller/​Greger, ZPO, 30. Aufl., § 283 Rn. 1; Foers­te in Musielak/​Voit, ZPO, 12. Aufl., § 283 Rn. 15; Münch­Komm-ZPO/Prüt­ting, 4. Aufl., § 283 Rn. 25[]
  6. BGH, Urteil vom 19.10.2004 – X ZR 98/​03 9[]
  7. vgl. OLG Olden­burg, OLGR 2000, 123, 124; Lei­pold in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 283 Rn. 36[]
  8. vgl. dazu BGH, Urteil vom 01.02.2002 – V ZR 357/​00, NJW 2002, 1426, 1427 f.[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 01.02.V ZR 357/​00, NJW 2002, 1426, 1427 f.[]
  10. BGH, Urteil vom 08.11.1973 – VII ZR 86/​73, BGHZ 61, 369, 370; Urteil vom 01.02.2002 – V ZR 357/​00, NJW 2002, 1426, 1427; Urteil vom 25.04.2014 LwZR 2/​13, BzAR 2014, 320 Rn. 11[]
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 29.11.2013 BLw 4/​12, NJW-RR 2014, 243 Rn. 27 f.; Jacobs in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 194 GVG Rn. 5[]