Ver­jäh­rung beim Anwalts­re­gress

Die nach §§ 195, 199 BGB zu beur­tei­len­de Ver­jäh­rung einer Regress­for­de­rung gegen einen Rechts­an­walt wegen Ver­jäh­ren­las­sens einer mit Ablauf des 31. Dezem­ber eines bestimm­ten Jah­res ver­jäh­ren­den For­de­rung beginnt mit dem Schluss die­ses Jah­res (§ 199 Abs. 1 BGB), wenn zu die­sem Zeit­punkt die sub­jek­ti­ven Ver­jäh­rungs­vor­aus­set­zun­gen nach § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB vor­lie­gen. Der Zeit­punkt des Ablaufs eines Tages gehört noch zu die­sem Tag. Dies ent­schied jetzt das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart auf die Scha­dens­er­satz­kla­ge einer (ehe­ma­li­gen) Man­dan­tin gegen ihre (ehe­ma­li­ge) Anwäl­tin:

Ver­jäh­rung beim Anwalts­re­gress

Maß­geb­li­che Ver­jäh­rungs­nor­men sind §§ 195, 199 BGB. Auf Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen Rechts­an­wäl­te, die nach dem 15.12.2004 ent­ste­hen, fin­det aus­schließ­lich das Ver­jäh­rungs­recht der §§ 194 ff. BGB Anwen­dung, selbst wenn das zugrun­de lie­gen­de Ver­trags­ver­hält­nis vor die­sem Tag begrün­det wur­de 1. Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch aus der Ver­let­zung einer anwalt­li­chen Bera­tungs­pflicht ist ent­stan­den, sobald aus ihr Scha­den ent­steht 2.

Der etwai­ge streit­ge­gen­ständ­li­che Scha­dens­er­satz­an­spruch der Klä­ge­rin ist auf Grund­la­ge ihres eige­nen Sach­vor­trags nach dem 15.12.2004 ent­stan­den. Stan­den ihr die von ihr behaup­te­ten Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen den Anla­ge­be­ra­ter oder -ver­mitt­ler F. zu, so trat deren Ver­jäh­rung, wegen der sie die Beklag­te in Anspruch nimmt, nach Art. 229 § 6 Abs. 4 Satz 1 EGBGB mit Ablauf des 31.12.2004 ein 3. Die nach § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB erfor­der­li­chen sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen lagen im Hin­blick auf den Mit­te der 1990er-Jah­re ggf. ent­stan­de­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch der Klä­ge­rin gegen F. seit 1998 vor, denn nach ihrem eige­nen Sach­vor­trag waren der Klä­ge­rin seit die­ser Zeit alle Umstän­de bekannt, aus denen sich Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen F. erge­ben konn­ten. Der etwai­ge Scha­den der Klä­ge­rin, des­sen Ersatz sie von der Beklag­ten begehrt, trat bereits in dem Moment ein, in dem mög­li­che Ansprü­che gegen F. ver­jähr­ten 4.

Mit Ablauf des 31.12.2004, als etwai­ge, mit der Kla­ge gel­tend gemach­te Scha­dens­er­satz­an­sprü­che der Klä­ge­rin i. S. v. § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB ent­stan­den, lag auf der Grund­la­ge des unstrei­ti­gen Par­tei­vor­trags bzw. des eige­nen Sach­vor­trags der Klä­ge­rin deren Kennt­nis von den die­se Ansprü­che begrün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners nach § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB vor.

Sol­che Kennt­nis ist gege­ben, kennt der Gläu­bi­ger die Tat­sa­chen, die die Vor­aus­set­zun­gen der anspruchs­be­grün­den­den Norm erfül­len. Dazu gehö­ren bei Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen die Pflicht­ver­let­zung, der Ein­tritt eines Scha­dens und die Kennt­nis von der eige­nen Scha­dens­be­trof­fen­heit 5. Eine zutref­fen­de recht­li­che Wür­di­gung ist grund­sätz­lich nicht erfor­der­lich, es genügt die Kennt­nis der den Ersatz­an­spruch begrün­den­den tat­säch­li­chen Umstän­de; eine ande­re Beur­tei­lung kommt ledig­lich bei einer unüber­sicht­li­chen oder zwei­fel­haf­ten Rechts­la­ge in Betracht, die selbst ein rechts­kun­di­ger Drit­ter nicht zuver­läs­sig ein­zu­schät­zen ver­mag 6.

Die Klä­ge­rin hat­te bereits mit Ablauf des 31.12.2004 nach § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB Kennt­nis von den Umstän­den, die die ihr mög­li­cher­wei­se gegen die Beklag­te zuste­hen­den, streit­ge­gen­ständ­li­chen Scha­dens­er­satz­an­sprü­che begrün­de­ten. Die Klä­ge­rin durf­te zwar damit rech­nen, die Beklag­te wer­de pflicht­ge­mäß alle erfor­der­li­chen Maß­nah­men zum Jah­res­wech­sel 2004/​2005 ergrei­fen, ihr war aber aus den Bera­tungs­ge­sprä­chen bekannt, dass ein Vor­ge­hen gegen F. nicht geplant war. Sie konn­te somit allen­falls anneh­men, es sei nicht pflicht­wid­rig gewe­sen, gegen F. vor Ablauf des 31.12.2004 kei­ne Maß­nah­men zu ergrei­fen, nicht aber, dass sol­che Maß­nah­men doch ergrif­fen wer­den wür­den.

Die Klä­ge­rin kann­te fer­ner mit Ablauf des 31.12.2004 alle tat­säch­li­chen Umstän­de, auf­grund derer die Untä­tig­keit von D. gegen­über F. mög­li­cher­wei­se eine Ver­let­zung der Pflich­ten aus dem Anwalts­ver­trag dar­stell­te. Ihr waren alle nähe­ren Umstän­de bekannt, unter denen sie den Auf­trag an die Beklag­te erteilt hat­te. Ob sie annahm, es sei pflicht­ge­mäß, gegen F. nicht vor­zu­ge­hen, ist uner­heb­lich; die Kennt­nis der anspruchs­be­grün­den­den Umstän­de i. S. v. § 199 Abs. 1 S. 2 BGB hängt von der zutref­fen­den recht­li­chen Beur­tei­lung die­ses Vor­gangs durch die Klä­ge­rin nicht ab.

Die Klä­ge­rin kann­te spä­tes­tens mit Ablauf des 31.12.2004 auch alle tat­säch­li­chen Umstän­de, aus denen sich etwai­ge Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen F. und deren Ver­jäh­rung zu die­sem Zeit­punkt erga­ben. Hier­für genügt es, dass der Klä­ge­rin nach ihrem eige­nen Sach­vor­trag bereits seit 1998 alle tat­säch­li­chen Umstän­de bekannt waren, aus denen sich Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen F. erge­ben konn­ten. War das der Fall, so kann­te die Klä­ge­rin auch alle die­je­ni­gen tat­säch­li­chen Umstän­de, auf­grund derer sol­che Ansprü­che mit Ablauf des 31.12.2004 ver­jähr­ten.

Ob sie die Rechts­la­ge im Hin­blick auf etwai­ge Ansprü­che gegen F., ins­be­son­de­re die Ver­jäh­rungs­fra­ge, recht­lich zutref­fend beur­teil­te, ist uner­heb­lich. Abge­se­hen davon war das der Fall. Der Klä­ge­rin war, schon als sie im Okto­ber 2004 die Kanz­lei der Beklag­ten auf­such­te, bewusst, dass etwai­ge Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen F. mit Ablauf des 31.12.2004 ver­jäh­ren wür­den. Nach ihrem eige­nen Vor­brin­gen such­te sie anwalt­li­che Hil­fe, weil sie gehört hat­te, dass zum 31.12.2004 eine „gro­ße Gene­ral­ver­jäh­rungs­frist“ ablau­fe. Die Klä­ge­rin hat­te damit nach § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB auch Kennt­nis vom Ver­jäh­rungs­zeit­punkt, unab­hän­gig davon, ob D. sie in den Bera­tungs­ge­sprä­chen eigens auf den Ver­jäh­rungs­ein­tritt zum 31.12.2004 hin­wies, wor­über die Par­tei­en strei­ten. Eine sol­che Kennt­nis erfor­dert kei­ne Gewiss­heit, der Gläu­bi­ger braucht sich nicht unein­ge­schränkt sicher zu sein, rest­li­che Zwei­fel dür­fen ver­blei­ben 7. Die Klä­ge­rin stellt mit ihrer Beru­fung auch nicht mehr in Abre­de, mit Ablauf des 31.12.2004 über die Ver­jäh­rung etwai­ger Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen F. zu die­sem Zeit­punkt Bescheid gewusst zu haben.

Die maß­ge­ben­de drei­jäh­ri­ge Frist des § 195 BGB begann dem­nach im Streit­fall nach § 199 Abs. 1 BGB mit dem Schluss des Jah­res 2004 zu lau­fen. Da Anspruchs­ent­ste­hung i. S. v. § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB und Kennt­nis der Klä­ge­rin i. S. v. § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB mit Ablauf des 31.12.2004 gege­ben waren, lagen sie noch im Jahr 2004 vor; denn der Zeit­punkt des Ablaufs eines Tages gehört noch zu die­sem Tag 8. Der Zeit­punkt der Anspruchs­ent­ste­hung i. S. v. § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB in Kennt­nis der Klä­ge­rin i. S. v. § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB fällt hier mit dem Schluss des Jah­res i. S. v. § 199 Abs. 1 BGB (hier also des Jah­res 2004) zeit­lich zusam­men. Die­ser Schluss des Jah­res bil­det das für den Frist­be­ginn maß­ge­ben­de Ereig­nis i. S. v. § 187 Abs. 1 BGB 9. Folg­lich begann hier die Ver­jäh­rungs­frist nach die­ser Vor­schrift am 01.01.2005, sie ende­te nach § 188 Abs. 2 BGB mit Ablauf des 31.12.2007 10. Aus die­ser Beur­tei­lung ergibt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beru­fung nicht, dass zu einem bestimm­ten Zeit­punkt zwei nur alter­na­tiv denk­ba­re Ansprü­che neben­ein­an­der bestan­den. Viel­mehr fal­len die Voll­endung der Ver­jäh­rung der angeb­li­chen Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen F. und die Ent­ste­hung der etwai­gen Regress­for­de­rung in einem Zeit­punkt zusam­men. Ein Neben­ein­an­der wäh­rend eines bestimm­ten Zeit­raums besteht nicht.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 13. April 2010 – 12 U 189/​09 (nicht rechts­kräf­tig: BGH – IX ZR 85/​10)

  1. vgl. Zuge­hör, in: Zugehör/​Fischer/​Sieg/​Schlee, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 2. Aufl., Rn. 1263; Palandt/​Ellenberger, BGB, 69. Aufl., Art. 229 § 12 EGBGB Rn. 3 a. E.; Vollkommer/​Greger/​Heinemann, Anwalts­haf­tungs­recht, 3. Aufl., § 24 Rn. 2[]
  2. vgl. Zuge­hör, in: Zuge­hör /​Fischer /​Sieg /​Schlee, a.a.O., Rn. 1456; Voll­kom­mer /​Gre­ger /​Hei­ne­mann, a.a.O., § 24 Rn. 3[]
  3. vgl. Palandt/​Ellenberger, a.a.O., Art. 229 § 6 EGBGB Rn. 1, 6[]
  4. vgl. BGH, NJW 1994, 2822, 2823 f.[]
  5. Palandt/​Ellenberger, a.a.O., § 199 Rn. 27[]
  6. vgl. BGH NJW-RR 2008, 1237 f.;Staudinger/Peters/Jacoby, BGB, 2009, § 199 Rn. 62, 69[]
  7. vgl. Staudinger/​Peters/​Jacoby, a.a.O., § 199 Rn. 71[]
  8. vgl. BAG, NJW 1966, 2081, 2082; LAG Düs­sel­dorf, MDR 1997, 856; Palandt/​Ellenberger, a.a.O., § 188 Rn. 5; vgl. fer­ner auch BGH, NZI 2005, 225[]
  9. vgl. Staudinger/​Repgen, BGB, 2009, § 187 Rn. 6[]
  10. vgl. auch OLG Stutt­gart, Urteil vom 27.10.2009 – 12 U 49/​09 – UA[]